Der Moment ...

... in dem ich zum Öko wurde

Von Martin Franke
03.02.2021
, 06:55
Braucht Umweltschutz radikale Formen? Nein, sagt unser Autor und berichtet in der Kolumne „Der Moment“ von seinem eigenen Wandel zum Öko – inklusive Greifzange, Handschuhe und Müllsack.

Ein alter Studienfreund sitzt irgendwo da draußen im Wald, als er mir schreibt, dass er neue Barrikaden baue, Kletterworkshops besuche und weitere Besetzungen vorbereite. Der alte Bekannte, nennen wir ihn Uwe, ist Umweltaktivist. Einer von der harten Sorte – erst im Dannenröder Forst, mittlerweile in Lützerath. Er will dort den Abriss des Dorfes verhindern, dessen Boden zur Braunkohlegewinnung dienen soll. Vor Monaten sah ich ein Bild, wie Uwe im „Danni“ vom Spezialeinsatzkommando festgenommen wurde. Er kam zurück. Er meint es richtig ernst. Uwe will das Klima retten.

Wer will heute nicht das Klima retten? Die traurige Antwort ist: viel zu viele. Das mit dem Umweltschutz, der Biodiversität, dem Klimawandel ist recht komplex. Da gibt es viele anspruchsvolle Zusammenhänge, von denen ich verhältnismäßig wenig verstehe. Ökosysteme und Klimawandel im Detail zum Beispiel, daran forschen exzellente Wissenschaftler. Aber das „big picture“ kenne ich. Und das sagt mir, dass es viele einfache Entscheidungen im Leben gibt, die auf die Klimabilanz und die Umwelt einwirken.

Zum Öko bin ich trotzdem nicht von jetzt auf gleich, sondern in mehreren Phasen geworden. Ich gestehe: Bevor das anfing, bin ich um die Welt gereist, auf allen Kontinenten unterwegs gewesen. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, der nach Monaten im Busch mit Abenteuergeschichten im Gepäck nach Hause zurückkehrte. Im Gepäck hatte ich aber auch einen großen CO2-Abdruck, über den ich mir lange keine Gedanken gemacht habe.

Verzicht ist wie ein Gewinn

Bis ich begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Das war im Dürresommer 2018. Ich las in Artikeln und Berichten, wie es um das Klima bestellt ist; dass im thüringischen Artern der trockenste Ort Deutschlands liegt; über die Dürre, den dramatischen Zustand des Waldes, die Nöte der Bauern und Tiere – und jedes Jahr neue Hitze-Rekorde.

Daraufhin stellte ich zunächst meinen Konsum in Frage: Muss es wirklich Fleisch sein? Müssen alle Wege mit dem Auto gefahren werden? Jeden Monat eine neue Hose? Und am besten noch im Internet bestellt. Also habe ich mir vor zwei Jahren vorgenommen, nur noch alle zwei Monate Fleisch zu essen. Im vorigen November habe ich einen Monat vegan gelebt. Den Verzicht auf Überflüssiges empfinde ich inzwischen als Gewinn. Mein letzter Flug liegt rund zwei Jahre zurück. Die Flugmeilen habe ich durch eine Spende in Wiederaufforstungsprogramme kompensiert.

Inzwischen reicht mir das nicht mehr. Ich will nicht mehr nur zuschauen und total nachhaltig auf bessere Zeiten hoffen. Der Moment, in dem ich zum Öko wurde, begann mit Müllsammeln. Bei der Stadt Frankfurt gibt es 200 Paten, die sich um die Sauberkeit von Straßen, Spielplätzen und Wegen kümmern – und mit Greifzange, Handschuhen und Müllsäcken ausgestattet werden. Einer davon bin ich. Etwa alle zehn Tage drehe ich eine Runde um den Block, mache einen Sack voll. Jeder Zigarettenstummel, der im Beutel landet, kann nicht bis zu 40 Liter Grundwasser verunreinigen. Jede Plastiktüte, die ich aufhebe, liegt nicht noch die nächsten 100 Jahre an Ort und Stelle.

Bin ich einen Tag nach meiner Müllaktion wieder in meinem „Revier“ unterwegs, liegen schon wieder neue Abfälle auf der Straße. Das macht mich wütend. Wie wollen wir das Klima und die Umwelt retten, wenn wir uns nicht einmal darauf verständigen können, dass der Müll nicht auf die Straße gehört? Studien belegen, dass die Babos von der Ecke mit der Zigarette in der Hand, die Ahnungslosen, die Kids mit ihren Chipstüten ihren Müll genauso auf den Gehweg werfen wie die Akademiker und Gutsituierten. Die Stadt hat die falschen Mülleimer (zu klein, nach oben geöffnet) und viele Menschen die falsche Mentalität.

Ich bin kein Uwe, ich bin ein Öko. Ich glaube sogar, dass die Gewalt der wenigen Uwes, beispielsweise im Dannenröder Forst, die Menschen im Land eher vor den Kopf stößt als inspiriert, sich für Klimaschutz zu engagieren. Mir ist bewusst geworden, dass nicht alle gleich viel leisten können. Eine Familie, die mit wenig Geld auskommen muss, kann ihren Wocheneinkauf nicht im Bioladen bezahlen. Diese Familie wird wahrscheinlich aber auch keinen umweltschädlichen Fuhrpark vor der Haustür stehen haben und dreimal im Jahr mit dem Flugzeug verreisen. Die gute Nachricht zum Schluss: Ich bin überzeugt, dass wir die Umwelt gemeinsam retten können. Wir müssen nur wollen.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Franke, Martin
Martin Franke
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
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