Der Moment …

... in dem ich in meine alte Plattenbausiedlung zurückgekehrt bin

Von Tim Niendorf
04.03.2020
, 09:08
Wer in einem Plattenbau aufwächst, wird von anderen gerne mal belächelt. Dabei kann das Leben als Kind dort wunderschön sein. In der Kolumne „Der Moment“ beschreibt unser Autor seine alte Heimat, die ihm heute fremd ist.

Vor Kurzem habe ich einem Freund meine Heimatstadt Münster gezeigt. Die Lambertikirche, die Promenade, den Hafen (ja, wir haben einen), den Dom. Da noch etwas Zeit war, sind wir noch ein Stück weitergelaufen, raus aus der Innenstadt, hin zu meiner alten Heimat, dem Straßenzug, in dem ich aufgewachsen bin. Der Moment, zurückzukommen, hat sich seltsam angefühlt, denn die Zeitspanne zwischen früher und heute kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Mehr als dreizehn Jahre ist es her, seit wir fortgezogen sind. Das ist kein allzu großer Zeitraum – und doch beinahe mein halbes Leben.

Meine Heimat war eine Sackgasse. Auf der Straße fuhren nur selten Autos. Die Gegend sticht ein wenig heraus, da Münster eher von kleinen Gebäuden geprägt ist, von vielen Einfamilienhäusern, Doppelhaushälften und stilvollen Wohngebäuden. Meine alte Wohngegend ist hingegen vor allem durch einige der wenigen Plattenbauten der Stadt geprägt. Es sind vier, und dann noch ein Hochhaus. Die Gebäude sind nicht monströs, zusammengenommen dürften es zwischen 170 und 200 Wohnungen sein.

In meinen ersten fünf Lebensjahren teilte ich mir mit einem meiner beiden Brüder ein Zimmer, eine Zeitlang auch ein Hochbett. Das war für mich okay, für meinen Bruder hingegen sicherlich ein wenig nervig, da er schon ein Jugendlicher war. An Platz mangelte es aber nie. Unsere Heimat war etwa 30.000 Quadratmeter groß. Das ist – gemessen mit Google Maps – in etwa die Fläche, auf der wir, die Kinder des Wohnblocks, uns bewegten. Auf der wir unsere Abenteuer erlebten.

Die Welt stand uns offen

Mitte der Neunzigerjahre zogen wir einmal um – auf die andere Straßenseite. Von einem Plattenbau in den nächsten. Nun hatte ich mein eigenes Zimmer. Da war ich fünf.

Eine Plattenbausiedlung kann für Kinder ideal sein, sofern sie nicht allzu groß und sofern sie gepflegt ist und Leben in ihr einzieht. Damals, in den neunziger und frühen nuller Jahren, lebten hier viele Familien. Fast kein Tag verging, an dem sich nicht wenigstens ein Nachbarskind zum Spielen fand. Man musste sich nur auf einen Stuhl stellen, um über die Scheibengardinen zu schauen; schon sah man, wer so alles draußen herumlief, auf dem Rasen, dem Spielplatz, im Garagenhof.

Wir spielten Fußball auf den Rasenflächen zwischen den Häusern, spielten auch im Garagenhof, in dem wir den Ball gegen die Garagentore droschen, dass es nur so schepperte. Wir nahmen Tennisbälle, schnallten uns Inlineskater an und spielten Streethockey. Gestört hat das die Nachbarn nicht. Nicht einmal dann, wenn mal wieder ein Fußball auf einen der Balkone flog. Wir Kinder durften Kinder sein, durften laut sein. Mit einer Ausnahme: An die Mittagsruhe hielten wir uns strengstens, so viel Disziplin, dafür trugen unsere Eltern schon Sorge, musste sein. Sie machten dann die Fenster auf und riefen unsere Namen: Christoph, Mohammed, Elisabeth, Puri, Max, Juliane – „Essen kommen!“

Wie liebten die Freiheit

Wir zogen auch in einen kleinen Baumabschnitt hinter Stacheldrahtzäunen, der uns vorkam wie ein kleiner Wald, zogen an Rattenfallen vorbei, bauten Hütten aus Holz und Sperrmüll am Rande des „Kinderbachs“, der tatsächlich so heißt, bauten Staudämme, bauten Brücken, rutschten ab, wurden nass; und zogen, schlickgetränkt und reumütig, zurück zu unseren Wohnungen, wo Mutter und Vater schimpften und uns in die Badewanne steckten. Am nächsten Tag gingen wir wieder raus, selbst wenn es stürmte, regnete, schneite.

Wir waren, wenn man dem Hörensagen über heutige Helikoptereltern trauen darf, vielleicht die letzte Generation, die solche Freiheiten genoss, waren Kinder, die wie jene in „Stranger Things“ stundenlang draußen herumliefen, ohne dass jemand von den Erwachsenen gewusst hätte, wo genau wir gerade waren.

Die Straße grenzt an ein stillgelegtes Kasernengelände, das mittlerweile umgestaltet ist und von der Hochschule genutzt wird, früher aber verlassen war – und uns Raum für Dummheiten bot. So bauten wir uns aus alten Luftpumpen und Gummihandschuhen Kanonen, um uns auf dem Kasernengelände mit getrockneten Erbsen zu beschießen.

In den Plattenbauten und dem Hochhaus lebten damals die unterschiedlichsten Menschen. Da waren Beamte, Hausfrauen, Imbissverkäufer, Lehrer, Einzelhandelsverkäuferinnen und der Hausmeister mit seinen hundert Schlüsseln, der Streife zog. Die Mischung machte den Wohnblock lebenswert.

Mit der Zeit verschwand diese Vielfalt, die Kinder wurden älter, einige Familien zogen weg, wenige zogen nach. Einige Rasenflächen wichen kostenpflichtigen Parkplätzen, die dann doch kaum jemand nutzte, und an den Plattenbauten nagte zunehmend der Zahn der Zeit. Die Gebäude wurden kaum noch gepflegt, die Sandkästen erhielten nur noch selten frischen Sand. Erhöht wurden die Mieten trotzdem. Und so kam der Tag, an dem die Nachteile die Vorteile des Wohnblocks überwogen. Meine älteren Brüder zogen aus, meine Eltern und ich in ein anderes Viertel.

Als ich jüngst nach einiger Zeit mal wieder die Straße entlanglief, fühlte sich die Gegend fremd und die Vergangenheit wie ein anderes Leben an. Die Namen auf den Klingelschildern sagten mir nichts mehr. Die Klettergerüste vor unserem alten Gebäude wurden entfernt, der Spielplatz wirkt abweisend, die Plattenbauten sind gealtert. Kinder habe ich keine spielen gesehen.

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Niendorf, Tim
Tim Niendorf
Politikredakteur.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot