Der Moment …

... in dem ich beschloss, nie mehr online Kleider zu bestellen

Von Anna-Lena Ripperger
22.01.2020
, 09:17
Kein Stress mehr vor Ladenschluss, keine Demütigung mehr in der Umkleidekabine: Online-Shopping schien für unsere Autorin himmlisch zu sein. In der Kolumne beschreibt sie den Moment, in dem mit den Paketen dann aber die Hölle bei ihr einzog.

Am Anfang war es die Erlösung: Ich war ihnen nicht mehr ausgeliefert, diesen nach Staub, Textilfarbe und den Parfums fremder Frauen stinkenden Umkleidekabinen. Ich musste mich nicht mehr gegen das tieftraurige Gefühl wehren, das diese menschenverachtende Erfindung aus Vorhang, Pressholzwänden und Kleiderhaken regelmäßig hervorrief, wenn ich in den bodentiefen Spiegel schaute und mein Hirn in wenigen Sekunden sein vernichtendes Urteil fällte: Auch in den vergangenen drei Monaten hast du zu wenige Situps gemacht und zu oft Pizza gegessen. Dein Teint gleicht einer schmutzigen Hauswand, der Lack an deinen Fußnägeln erinnert an Farbreste auf einer antiken Vase und deine Beine hast du offensichtlich ohne Sehhilfe rasiert.

Auch für mein Gewissen war es eine Erleichterung, Klamotten online zu bestellen. Ökomode muss man im Internet – im Gegensatz zur durchschnittlichen Fußgängerzone – nicht suchen wie das einzig verbliebene Dreierset Baumwollslips in Größe M an einem Restposten-Wühltisch. Es reichen die richtigen Begriffe in der Suchmaschinen-Zeile. Dass der Versand per Paketdienst Onlineshopping nicht unbedingt zur umweltfreundlichsten aller Optionen macht – geschenkt. „Was können ein paar Päckchen schon anrichten im Vergleich zu dem Gewinn, den nachhaltig produzierter Klamotten-Nachschub für die Menschheit, meine Garderobe und die Natur bedeuten würde?“, redete ich mir ein und startete die größte Bestellorgie meines Lebens. Einziges klar definiertes Ziel: ein neuer Wintermantel.

Stundenlang klickte ich mich durch verschiedene Onlineshops, verglich Modelle, Preise, Farben. Und orderte am Ende ungefähr dreizehn verschiedene Mäntel und jede Menge anderen Beifang: letzte Teile aus dem Sale, Schuhe, einen kuscheligen Wollpulli mit Schalkragen, weiße Blusen (kann man für die Arbeit bestimmt gut gebrauchen). Alles jeweils in zwei Größen, man weiß ja nie.

Zunächst überwog noch die Euphorie. Ich würde bald mit einem Parka aus recyceltem Polyester oder Bio-Schurwolle der Kälte trotzen. Und – angenehmer Nebeneffekt – ich wäre auch gut gerüstet für den nächsten Sommer: mit neuen Sandalen, Shorts und einem Hemdblusenkleid.

Eine Tragödie in mehreren Sendungen

Als das erste Paket ankam, war ich überrascht. Hatten die meisten Sachen nicht eine Lieferzeit von ein paar Wochen? Der Blick auf den Lieferschein offenbarte die ganze Tragik meines Bestellwahnsinns: Meine gefühlt mindestens 34 Teile umfassende Bestellung würde in mehreren Einzelsendungen bei mir eintreffen. Und das betraf nur einen Shop. Geordert hatte ich bei vier verschiedenen.

Ich begann zu ahnen, wer in den kommenden Wochen über die Abendgestaltung entscheiden würde: das Diktat der Benachrichtigungskarten. Ich würde wahrscheinlich nie zur richtigen Zeit zuhause sein, um eines meiner Mantel-Pakete in Empfang zu nehmen. Mit viel Glück würde ein Nachbar sich den Früchten meiner Shoppingwut annehmen. Aber verlassen konnte ich mich darauf nicht. Ich sah mich schon jeden zweiten Abend zum Paketshop im nächsten Nahversorgungszentrum hetzen, um vor Ladenschluss neue Päckchen abzuholen und Rücksendungen abzugeben.

Auch auf den Horror, der folgt, wenn ein Paket mit Klamotten erst einmal im Wohnzimmer steht, war ich nicht vorbereitet. Sind alle Klebebandstreifen durchtrennt, beginnt ein Kampf mit Plastikbeuteln, Kleiderbügeln und Seidenpapier, in dem man nur zum Verlierer werden kann, wenn man die einzelnen Teile nach dem Anprobieren nicht schnell wieder ihren jeweiligen Verpackungspartnern zuführt.

Auf dem Foto sah das anders aus

Als weitaus härterer Gegner erwies sich aber mein faules Feierabend-Ich. So sehr ich es in meinem Leben vor dem Onlineshopping gehasst hatte, von Laden zu Laden und von Umkleidekabine zu Umkleidekabine zu hetzen – in jenen Stunden war zumindest klar, was zu tun war. Genau dafür hatte ich mich ja schließlich in die Innenstadt oder ein Einkaufszentrum aufgemacht.

Jetzt, nach meiner Großbestellung, regte sich schon beim Aufschließen der Wohnungstür ein unglaublicher Widerwille, meine hart erkämpfte freie Zeit den auf mich wartenden Paketen zu widmen. Ich wollte aufs Sofa sinken, noch zwei Portionen Nudeln mit Soße essen und mich vom Fernseher berieseln lassen. Das einzige Kleidungsstück, das ich freiwillig gegen meine Jeans getauscht hätte, war meine Jogginghose. Doch das System Umkleidekabine, das ich unbedingt hatte vermeiden wollen, hatte sich in Gestalt eines rechteckigen Pappkartons unbemerkt in meine Wohnung geschlichen. Und ich konnte nicht mal eben den Vorhang beiseiteschieben und aus dem Laden stürmen.

Ich spielte also auf Zeit. Ignorierte die Pakete. Raffte mich dann kurz vor dem Schlafengehen auf, doch noch ein, zwei Sachen anzuprobieren. War genervt. Verschob die Entscheidung über den Rest des Inhalts auf den folgenden Tag. Bekam Angst vor der Rücksendefrist. Probierte doch noch die anderen Teile an. Verzog mich frustriert ins Bett. Manchmal, weil das Material meiner Mäntel sich nicht schön anfasste oder die Verarbeitung billig wirkte. Manchmal, weil die Modelle ganz anders aussahen als auf den Fotos. Weil mir weder die eine noch die andere Größe passte. Weil ich die verschiedenen Modelle nicht vergleichen konnte – Stichwort Teillieferungen.

Bei vielen Kleidungsstücken hätte ich im Laden keine zehn Sekunden gebraucht, um zu wissen, dass ich sie nicht kaufen will. Doch jetzt wollte ich dem Kram, den ich in stundenlanger Klickarbeit ausgesucht und mit einer gewissen Vorfreude bestellt hatte, zumindest eine Chance geben.

Mit dem letzten Retourenschein fiel eine Last ab

Als nach ein paar Wochen die erste Mahnung kam, wurde mir klar, dass ich längst die Kontrolle verloren hatte. Hätte ich den grauen Kurzmantel in L mit dem zweiten Lieferschein zurückschicken müssen oder mit dem dritten? Musste ich die Versandkosten am Ende doch zahlen, weil die Kleidungsstücke, die ich behalten wollte, insgesamt weniger als 50 Euro wert waren?

Spaß machte das alles schon lange nicht mehr. Am Ende behielt ich nur ein weißes, viel zu transparentes T-Shirt und einen blauen Mantel, von dem ich schon ahnte, dass er an kalten Wintertagen keine gute Wahl sein würde. Aus Trotz. Zu irgendetwas musste es doch gut gewesen sein, dass ich inzwischen so routiniert Blusen zusammenlegen konnte wie eine Einzelhandelskauffrau im dritten Lehrjahr, dass ich die Besonderheiten aller gängigen Pappkarton-Modelle kannte und selbst von jenen Nachbarn den Vornamen wusste, denen ich in den sechs Jahren zuvor nicht einmal in der Waschküche begegnet war.

Als der letzte Retourenschein ausgefüllt war, fiel eine Last von mir ab. Ich war wieder frei, konnte ohne Panikattacken den Briefkasten öffnen, hatte meinen Feierabend zurückerobert. Und während ich im Kleiderschrank nach einem Platz für meinen neuen, dysfunktionalen Wintermantel suchte, schwor ich mir: Nie. Wieder. Online-Shopping.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ripperger, Anna-Lena
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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