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Der Moment ...

... in dem ich sexuell belästigt wurde

Von Julia Anton
 - 14:38
Sexuelle Belästigung hat viele Facette: #MeToo ist online zum Hashtag dieser Geschichten geworden.

Es ist im Sommer 2017, für eine Recherche fahre ich mit dem ICE nach München. Beim Aussteigen aus dem Zug löst sich der Schnürsenkel an einem meiner Sneaker. Wenige Schritte vom Zug entfernt bleibe ich stehen und beuge mich herunter, um die Schuhe neu zu binden. Ich trage eine Jeans. In diesem Moment läuft ein Mann Ende Zwanzig an mir vorbei. Er sagt: „Jetzt hätte ich dir aber beinahe auf den Hintern gehauen.“ Und lacht. Und geht weiter.

Ich richte mich langsam auf, stammle etwas. „Das finde ich nicht so lustig“, oder so, ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Schlagartig ist mir schwindlig, Blut schießt mir in die Wangen, in meinen Ohren rauscht es. Hat er das wirklich gesagt? Ist das jetzt wirklich passiert? Hat das sonst niemand gehört?

Langsam stolpere ich vorwärts, und haste schließlich über den Bahnsteig. Auch, wenn die Hand des Mannes mich nie berührt hat – ich kann sie fühlen. Und es fühlt sich an, als hätte sie dort einen roten Abdruck hinterlassen, den jetzt jeder anstarrt. Ich versuche meine Jacke über meinen Po zuziehen, um ihn zu bedecken.

Stell dich nicht so an?!

Ich schäme mich. Weil ich nicht in die Hocke gegangen bin, um die Schnürsenkel zu binden. Und weil mir keine schlagfertige Antwort für den Mann eingefallen ist. Ablenkung bringt erst der Termin, für den ich nach München gefahren bin.

Sicherlich könnte man jetzt sagen: „Stell‘ dich nicht so an, letztlich ist nichts passiert.“ Und dass es viel schlimmere Fälle gibt. Ja, die gibt es, mit denen möchte ich dieses Erlebnis auch nicht auf eine Stufe stellen. Trotzdem darf man solche Sprüche nicht bagatellisieren. Denn damit fängt es an, und auch ein Spruch macht etwas mit uns Frauen. Dieser Moment am Bahnhof haftet fast noch mehr an mir als ein tatsächlicher Grapscher an Po, der oft anonym in der Menge passiert, zum Beispiel im Club oder im vollen Festzelt auf der Wiesn. Wenn der Täter sofort wieder in der Menge verschwindet, und man Scham und Ärger runterschluckt, weil man ja eigentlich in Feierlaune ist.

Der Spruch hat auch deshalb Spuren bei mir hinterlassen, weil er impliziert, dass ich froh sein sollte, dass jemand mein Recht auf körperliche Unversehrtheit gewahrt hat. Dass ich ihm „Danke“ hinterherrufen sollte, weil er seine Hände bei sich gelassen hat – obwohl das eigentlich selbstverständlich sein sollte. Dass ich den Spruch am Ende sogar noch als Kompliment nehmen sollte, und sich die Stunden im Fitness-Studio ausgezahlt haben.

Tatsächlich ist der Spruch nur eins: Sexuelle Belästigung. Und die tut immer weh, selbst wenn man gar nicht erst berührt wurde, wenn es vermeintlich nur ein dummer Spruch war. Vor allem weil sie mich dazu bringt, mich für etwas zu schämen, wofür ich mich nicht schämen muss. Für meinen Körper brauche ich mich nicht zu rechtfertigen, auch nicht für’s Schuhe binden und auch nicht dafür, dass ich in so einem Moment nicht redegewandt bin.

Schämen muss sich derjenige, der mich in so eine Situation gebracht hat. Zumindest in diesem Fall hat der Mann dies später wohl auch getan: Meine unbeholfene Stammelreaktion schien doch etwas bewirkt zu haben. In der Bahnhofshalle holte der Mann mich ein und entschuldigte sich. Den Moment, so kurz er auch war, macht es leider nicht ungeschehen.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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