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Der Moment ...

... in dem ich meine Gitarre gegen einen Bass tauschte

Von Patrick Schlereth
Aktualisiert am 08.07.2020
 - 06:49
Singen und Bassspielen gleichzeitig? Für Sting kein Problem.
Als unser Autor sich einen Bass kauft, belächeln ihn seine Musiker-Freunde. Ein guter Moment, um mit einem großen Missverständnis aufzuräumen: Denn nicht die Gitarre, der Bass ist das wichtigste Instrument in einer Band – und gut für die Psyche ist er auch.

Selbstoptimierungsorgien in Corona-Zeiten? Nicht für mich, danke. Während die ganze Welt auf Instagram mit ihren Fortschritten in Sachen Yoga, Chinesisch und Kuchenbacken prahlte, schaute ich Netflix, klimperte auf der Gitarre herum und shoppte online. Bis ich diesen Jazz Bass in knalligem Orange entdeckte. Zack, schon bestellt, der Verstärker, die Basstasche und das Stimmgerät tun dann auch nicht mehr weh. Der winzige Amp passt in meinen Rucksack, macht aber Krach wie ein ganz Großer – die verdiente Rache für das Getrampel meiner Nachbarn.

Stolz erzählte ich allen Kontakten im Telefonbuch von meiner Errungenschaft – die Reaktionen waren ernüchternd. Offenbar kannten sich die Freunde in meiner Musiker-Bubble besser mit Witzen über Bassisten aus als mit Bassisten an sich. „Der Drummer hat dem Bassisten die Saite verstimmt. Und er sagt ihm nicht welche!“ Das prallt an mir ab, dafür habe ich ja das Stimmgerät gekauft. „Was sitzt im Proberaum und hat einen IQ von 48? Zwei Bassisten.“ Hihihi. Mir wurde klar, dass ich mit einem fundamentalen Missverständnis über das Wesen aller guten Musik aufräumen musste.

„Bass, Bass, wir brauchen Bass!“

Mit dem Bass ist es ein bisschen wie mit der Luft zum Atmen – das ungeübte Ohr bemerkt ihn nicht, wenn er da ist, ist aber hochgradig verwirrt, wenn er fehlt. Warum nervt es so sehr, wenn jemand Musik über das Smartphone abspielt? Weil der volle Frequenzumfang fehlt. Amerikanische Wissenschaftler fanden schon vor Jahren heraus, dass der Bass das allerwichtigste Instrument in der Band ist. Die Begründung ist einfach: Wir können den Rhythmus in tiefen Tonlagen schneller erkennen und mitklopfen als in hohen. Eine andere Studie zeigt: Musik mit hartem Bass wirkt sich positiv auf unsere Psyche aus und verbessert das Selbstwertgefühl.

Je nach Musikrichtung fühlt man den Bass mitunter eher, als dass man ihn deutlich hört. Versuche mal einer, auf Musik ohne Bass zu tanzen. In „Musik nur wenn sie laut ist“ singt Herbert Grönemeyer über eine gehörlose Frau: „Der Mann ihrer Träume muss ein Bassmann sein / Das Kitzeln im Bauch macht sie verrückt“. Der Deutschrapper Das Bo formuliert es einfacher: „Bass, Bass, wir brauchen Bass!“ Wobei mich weder Grönemeyer noch Das Bo zum Bass geführt hätten. Der Tieftoner ist da am besten, wo er aus dem Hintergrund hervortritt und zum stilprägenden Instrument wird: im Funk. Unzählige Übungsstunden lassen sich damit verbringen, virtuose Bassmelodien so lässig rüberzubringen wie Joe Dart (Vulfpeck) oder Paul Turner (Jamiroquai).

Aber eins nach dem anderen. Nachdem der Paketdienst es geschafft hat, meinen Traumbass mit nur zwei kleinen Lackmacken in meine Selbstisolation zu liefern (und ich ein Foto auf Instagram gepostet habe, ich geb’s zu), fange ich bei den Grundtönen an und lerne die Technik. Dafür gibt es heutzutage glücklicherweise niedrigschwellige Youtube-Videos. Gitarristen haben es einfacher am Bass, hört man oft, „sind ja nur vier statt sechs Saiten“. Abgesehen davon, dass das nicht auf jeden Bass zutrifft, gilt es als Gitarrist am Bass auch einiges an Erlerntem wieder zu verlernen. Beim Bass ist der Hals deutlich länger als bei der Gitarre, die Bünde am Griffbrett stehen weiter auseinander, die Saiten sind dicker und schwerer herunterzudrücken. Man braucht große Hände, lange und starke Finger. Das gilt nicht nur für die linke Greif-, sondern auch für die rechte Schlaghand, an der Zeige- und Mittelfinger das für Gitarristen gewohnte Plektrum ersetzen. Hoffentlich hat niemand eine Aufnahme davon, wie ich mich mal für einen Garagengig zu Abizeiten am Bass versuchte. Danach tat mein Daumen ganz schön weh, die Ohren der Zuhörer vermutlich auch. Jetzt sitzt der Daumen da, wo er hingehört, als Stütze am Tonabnehmer. Den Bass lege ich nur noch zum Schlafen und Essen ab. An der Wand hängen mehrere verstaubte Gitarren und beäugen meine Sessions misstrauisch, eifersüchtig und in jeder Hinsicht verstimmt.

Der wichtigste Unterschied zwischen Gitarristen und Bassisten ist aber nicht technischer, sondern psychologischer Natur. Gitarristen stehen im Rampenlicht, Bassisten verstecken sich in der zweiten Reihe. Es sei denn, sie übernehmen gleichzeitig den Leadgesang – eine eher ungewöhnliche Kombination, die trotzdem in einer musikalischen Tradition steht. Man denke nur an Paul McCartney bei den Beatles oder Sting bei The Police. Legenden dieser Größenordnung können natürlich nicht nur singen und bassen gleichzeitig, sondern dürfen auch ungestraft das Plektrum anstelle des Fingerwechselschlags benutzen. Apropos Beatles, für „Drive my car“ krame ich dann auch das Plektrum wieder aus.

Bewahrt mich vor den „Frankfurt Funk Freaks“

Für Menschen ohne musikalisches Ausnahmetalent ist die Kombination aus Singen und Bassspielen fast ein Ding der Unmöglichkeit, eins von beidem leidet immer. Der Bass spielt Backbeat und Synkopen und hört auf den Rhythmus des Schlagzeugs, während der Gesang sich dem Fluss der Melodie hingibt.

Dummerweise hat meine neue Funk-Trio-Kombination schon einen Gitarristen und einen Schlagzeuger, braucht aber Leadgesang und Bass, also versuche ich es erst mal mit beidem. Wer richtig gut singen kann, Funk mag und zu viel Zeit hat, kann sich gerne bei mir melden. Und bitte gleich einen guten Bandnamen mitbringen, damit wir nicht als „Frankfurt Funk Freaks“ enden.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schlereth, Patrick
Patrick Schlereth
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
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