Der Moment ...

... in dem man wieder aufsteht

Von Alexander Davydov
01.09.2021
, 07:05
Auf der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnel hilft unserem Autor der Gedanke an seinen früheren Trainer.
Es gibt Momente, in denen nichts verlockender scheint, als sich dem Selbstmitleid hinzugeben. In dieser Kolumne erzählt unser Autor, welche Erinnerung ihn an einem Tiefpunkt motiviert hat weiterzumachen.

Mit 26 hatte ich das Gefühl, an einem Tiefpunkt angelangt zu sein, den ich so vorher nie hatte. Meine fertige Bachelor-Arbeit lag im Mülleimer. Statt zu einem Grund zur Freude war sie in diesem Moment für mich zu einem wertlosen Stapel Papier geworden. Gesundheitlich war ich stark angeschlagen. Füße, Hände, Finger, Knie: Alle Gelenke im Körper fühlten sich zerbrochen an – und dann war da noch der weitaus tiefere Schmerz: Meine damalige Freundin hatte mich gerade verlassen. Da saß ich also zwischen Umzugskartons in der einst gemeinsamen Wohnung, fühlte mich wie ein Versager, und verlor mich in Gedanken an bessere Zeiten. Sich einfach dem Selbstmitleid hinzugeben, war verlockend. Da aber kam mir mein Trainer wieder in den Sinn.

Ich war elf Jahre alt, als ich das erste Mal unbeholfen den Trainingsraum betrat. Eigentlich sollte ich mich hier drinnen sicherer fühlen. Draußen war ich ein Außenseiter, verspottet wegen meines Gewichts, wegen meiner Herkunft, wegen meiner Art. Selbstbewusstsein hatte ich wenig. Daheim wurde deswegen entschieden, dass Thaiboxen die physischen und psychischen „Schwächen“ richten sollte.

Der erste Sieg: das Verlassen der Umkleide

Der Trainer begrüßte mich damals freundlich, aber auch mit einer klaren Botschaft: Es interessierte ihn nicht, wer ich außerhalb des stickigen Raums war, der nach Schweiß und Anstrengung roch. Sozialer Status oder die Herkunft hatten für ihn keine Bedeutung. Er erwartete von jedem dasselbe: respektvollen Umgang und Einsatz. Der Sport sollte auch keine Bürde sein, sondern Spaß machen, und dennoch einiges abverlangen. In schweren Zeiten konnte er eine Zuflucht bieten, wenn man das Gefühl hatte, das Leben entgleite einem. Hier konnte man wieder die Kontrolle erlangen, neuen Mut schöpfen, kleine und große Triumphe feiern, während sie anderswo verwehrt blieben, sagte er. Der Trainer spürte damals meine Selbstzweifel. Geduldig führte er mich durch die ersten Übungen. Ich sollte nicht verzweifeln, wenn es nicht auf Anhieb klappte. Der Erfolg käme mit der Zeit und der Erfahrung aus Siegen aber auch Niederlagen. Mein erster Sieg sei schon gewesen, dass ich die Umkleidekabine verlassen habe. Der Gedanke gab mir Mut und ließ mich weitermachen.

Einige Jahre später, ich war 18 Jahre alt, stand ein wichtiges Turnier an. Im gleichen Zeitraum paukte ich für die Abiturprüfungen. Ich war nervös. Der Erfolgsdruck auf beiden Seiten fühlte sich an wie ein schmerzhafter Knoten in der Magengrube. In der Sporthalle forderte mein Trainer mich über meine Grenzen hinaus. Zuhause hieß es dann, den Kopf wieder einzuschalten und zu lernen. Mehr als einmal wollte ich alles hinschmeißen. Mein Trainer aber brüllte, dass ich ja nicht aufgeben solle. Er meinte nicht nur den Sport. Er glaubte an mich, also blieb ich dran.

Das Turnier konnte ich letztlich nicht gewinnen, auch das Abiturzeugnis war schlechter als erhofft. Es fühlte sich wie eine doppelte Niederlage an. Mein Trainer wollte davon aber nichts wissen. Ich hätte alles gegeben, sagte er mir. Das zähle! Er sei stolz auf mich und ich solle es gefälligst auch sein.

Heute bin ich es. Auch für all die Momente, in denen er mir schier unlösbare Aufgaben vorsetzte. Ich blicke zurück auf die vielen Male, die ich am Boden saß, voller Überzeugung, ich könne nicht mehr weiter und all das, was er mir von mir forderte, zu viel sei. Und ich höre noch heute sein heiseres Bellen, ich solle aufstehen. Es dauert immer seine Zeit, aber dann spüre ich den Willen in mir, bloß nicht klein beizugeben. Irgendwann stehe ich wieder auf und mache dann doch irgendwie weiter.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Sportredakteur.
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