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Der Moment ...

... in dem ich beschloss, nie wieder unpünktlich zu sein

Von Alexandra Dehe
Aktualisiert am 17.06.2020
 - 08:24
„Sorry, bin zu spät!“ – Seit der Erfindung des Handys kann man immerhin Bescheid sagen.
Bei Treffen mit Freunden hielt unsere Autorin ein paar Minuten Verspätung für ein Zeichen von Gelassenheit. Warum sie inzwischen mehr Wert auf Pünktlichkeit legt, erzählt sie in der Kolumne.

Die Uhr in der Küche zeigt fünf Minuten vor Acht, als ich das Haus verlasse. Eine gute Viertelstunde brauche ich zu dem Italiener, bei dem ich verabredet bin – um Acht. Wie so oft habe ich vorab zu wenig Zeit eingeplant, getrödelt und mich erst auf den letzten Drücker zurecht gemacht, und dann doch noch schnell die Überweisung getätigt, die ich den ganzen Tag vor mir hergeschoben habe. Als ich eine knappe Viertelstunde zu spät im Restaurant ankomme, bin ich die letzte. Meine Freundinnen sehen über meine Verspätung hinweg, obwohl sie mit dem Bestellen extra auf mich gewartet haben.

Ich gebe zu: Bei Treffen mit Freunden habe ich es mit der Pünktlichkeit lange nicht so genau genommen. Im Gegenteil, lange Zeit habe ich sogar geglaubt, ein paar Minuten später zu einer Verabredung zu kommen, signalisiere dem anderen eine gewisse Gelassenheit. Aus Verabredungen um sechs Uhr wurde so kurz nach sechs, aus acht Viertel nach acht. Und wie so häufig, wenn man ohnehin schon spät dran ist, kam oft noch was dazwischen: Die Waschmaschine brauchte zehn Minuten länger oder meine Mutter rief an. Sind ja nur ein paar Minuten, dachte ich mir. Oft ist mein Zuspätkommen auch gar nicht weiter aufgefallen – die andere Person war auch spät dran.

Mit einer Ausnahme: Eine meiner besten Freundinnen ist ein extrem pünktlicher Mensch. Bei unseren Treffen ist sie immer entweder etwas früher da oder auf die Minute pünktlich. Wenn sie sich wegen des Verkehrs auch nur um fünf Minuten verspätet, gibt sie kurz Bescheid. Einerseits fand ich das mir gegenüber immer sehr zuvorkommend, andererseits auch etwas übertrieben. Ich hingegen kam stets zu spät: Mal hatte ich die U-Bahn verpasst, mal mich mit einem Nachbarn im Hausflur verquatscht.

„Meine Zeit gehört dir nicht“

„Und, was war jetzt diesmal wieder der Grund?“, begrüßte sie mich irgendwann hörbar genervt, als ich wieder mal eine Viertelstunde zu spät zu unserem Treffen aufkreuzte. Auf meine typischen Ausflüchte erwiderte sie: „Weißt du, meine Zeit gehört dir nicht. Auch wenn ich zu Hause bin warte ich auf dich. Wieso schaffst du es, pünktlich beim Arzt oder am Flughafen zu sein, aber wenn wir uns treffen, kommt vorher immer irgendwas dazwischen?“

Darauf konnte ich erstmal nichts sagen. „Es sind doch nur ein paar Minuten“, verteidigte ich mich schließlich, doch sie blieb hartnäckig. „Es sind jedes Mal ein paar Minuten, in denen ich nicht wirklich etwas anderes anfangen oder abschließen kann und die ich nur damit verbringe, auf dich zu warten.“ Ich entschuldige mich bei ihr, und wir hakten das Thema ab.

Trotzdem ließ mich ihre Ansprache nicht los. Die Freundin hatte recht: Warum konnte ich zu „wichtigen“ Terminen pünktlich oder sogar überpünktlich sein, aber mir bei einem Treffen mit ihr alle Zeit der Welt lassen? Zum Beispiel bei meinem letzten Vorstellungsgespräch. Um bloß nicht zu spät zu kommen, suchte ich mir bereits zwei Tage vorher eine passende Bahnverbindung raus und plante einen Puffer von 15 Minuten ein. Nur für den Fall, dass die S-Bahn ausfällt oder irgendetwas anders dazwischenkommt. Denn was würde mein potenzieller nächster Arbeitgeber schließlich von mir denken, wenn ich nicht mal zum Vorstellungsgespräch pünktlich erscheinen würde? Einen Job, dachte ich, würde ich so sicher nicht bekommen.

Seitdem habe ich beschlossen, andere nicht mehr auf mich warten zu lassen. Das heißt nicht, dass ich auf die Minute pünktlich oder gar früher als vereinbart da sein muss – aber ich gebe mir große Mühe. Kommt wirklich mal etwas dazwischen, wie eine Signalstörung in der Bahn oder Stau auf der Autobahn, gebe ich der Person rechtzeitig Bescheid.

Inzwischen empfinde ich es selbst als unhöflich, wenn andere zu spät kommen. Neulich schrieb mir eine andere Freundin, dass sie eine halbe Stunde später bei mir ist. Daraus wurde dann eine Stunde und als sie schließlich da war, entschuldigte sie sich noch nicht einmal für ihr Zuspätkommen. Ich weiß, dass dahinter keine böse Absicht steckte. Vermutlich war ihr gar nicht bewusst, dass ich es als respektlos empfinden würde. Aber vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Denn Pünktlichkeit ist ein Zeichen, dass wir es mit dem anderen ernst meinen. Dass wir ihn und die Zeit, die er sich für uns nimmt, wertschätzen.

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Quelle: FAZ.NET
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