Der Moment ....

... in dem man eine Zufallsbegegnung macht – und es unangenehm wird

Von Alexandra Dehe
12.05.2021
, 11:48
Trifft man zufällig auf entfernte Bekannte, muss man schnell entscheiden: Nur grüßen, eine Unterhaltung anfangen – oder so tun, als hätte man sich nicht gesehen? In der Kolumne „Der Moment“ sucht unsere Autorin nach einer Lösung.

Zufällige Begegnungen können verheerend sein. Wie zum Beispiel in Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“, in dem Lene ihrem Geliebten Botho und dessen Ehefrau auf der Straße begegnet. Obwohl sie von der anderen Frau wusste, reißt es ihr den Boden unter den Füßen weg, als sie die beiden zusammen sieht. Lene fällt danach in Ohnmacht.

Ohnmächtig geworden bin ich bisher noch nicht. Doch als ich neulich am Main spazieren war, hatte ich wieder eine dieser zufälligen, unangenehmen Begegnungen. Ich bin an einer Parkbank vorbeigelaufen, auf der gerade eine ehemalige Kommilitonin von mir saß. Wir haben uns immer gut verstanden, hatten uns aber nie besonders viel zu sagen. Ich hätte einfach weiterlaufen können, wollte aber nicht unhöflich wirken. Also bin ich stehengeblieben und habe sie angesprochen. Wir bekundeten den Zufall, fragten, wie es der jeweils anderen so geht (zweimal „gut“) – und dann folgte: Schweigen.

Ein unverfängliches Aufeinandertreffen wurde auf einen Schlag zu einer erzwungenen Unterhaltung. Und wir haben uns in diesem Moment vermutlich beide gewünscht, dass ich einfach weitergegangen wäre.

Begegnungen wie diese, die sich im Nachhinein peinlich und irritierend anfühlen, haben wir sicherlich alle schon mal erlebt, und vermutlich auch mehr als einmal. Oft sind es die Momente, in denen wir entweder in Eile oder in Gedanken versunken sind oder uns in unserer Haut nicht besonders wohl fühlen. Und genau dann treffen wir plötzlich auf diese eine Arbeitskollegin, den Friseur, die Freundin einer Freundin oder den Mitschüler von früher. Innerhalb einer Sekunde müssen wir dann entscheiden, wie wir uns verhalten: Einfach nur zunicken und weitergehen? Den anderen grüßen? Stehenbleiben und ein bisschen Smalltalk halten? Oder alles vermeiden, indem wir so tun, als hätten wir den anderen nicht gesehen?

Jeder hat ein Hallo verdient

Wirklich gut erschien mir lange Zeit keine Möglichkeit – von Lenes Ohnmacht natürlich mal abgesehen. Wer um jeden Preis höflich sein will und eine Unterhaltung beginnt, gerät schnell in den Smalltalk-Strudel und ertappt sich dabei, wie er nach zehn Minuten in einem belanglosen Gespräch über das Wetter hängt. Sich aber erst auf ein Gespräch einzulassen, und es dann wieder abrupt zu beenden, ist auch etwas unglücklich. Fest steht: So zu tun, als würde man den anderen nicht sehen oder bewusst wegzuschauen, ist die unhöflichste Variante. Jeder hat ein „Hallo“ oder zumindest einen Winker aus der Ferne verdient. Aber kann man es wirklich dabei belassen und dann einfach weitergehen?

Inzwischen bin ich der Meinung: Ja. Auch hier gilt das Prinzip: weniger ist mehr. Falls sich ein Gespräch ergibt, sollte es zumindest nicht in einer Sackgasse enden. Wer nur freundlich grüßt und weitergeht, macht nichts verkehrt und kann dem anderen – wenn er möchte – dank Social Media im Nachhinein immer noch eine Nachricht schreiben. Zum Beispiel sowas wie: „Sorry, war vorhin etwas in Eile. Hat mich aber gefreut, dich zu sehen. Vielleicht treffen wir uns demnächst mal auf einen Kaffee?“ Und ob es dann dazu kommt, entscheidet nicht der Zufall, sondern wir.

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Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“ sowie die „Fünf Dinge“-Kolumne. In „Der Moment“ berichten wechselnde Autoren mal von besonderen Momenten, die jeder kennt – und mal von Situationen, die nur manche erleben, in die sich aber jeder hineinversetzen sollte.

Quelle: FAZ.NET
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