Instrumentenlehre für Anfänger

Der Herzschlag des Orchesters

Von Eva Schläfer
11.08.2022
, 21:51
Jeder hat seine Aufgabe im Orchester: Lars Rapp, Solopauker des HR-Sinfonieorchesters, beim Üben an seinem Instrument.
Die Pauke, so denkt der Laie, sei ein im Ensemble nachrangiges Instrument. Doch welche Faszination es ausübt, wird schnell offenkundig, wenn man dem Musiker zuhört, der es spielt.
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Wenn wir über einen Freund, einen Politiker, wenn wir vielleicht sogar über den Ehemann sagen: „Da hat er mal wieder ordentlich auf die Pauke gehauen“, ist das nur bedingt ein Kompliment. Auch unter den Männern und den paar Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pauke schlagen, mag es den ein oder anderen Angeber geben. Lars Rapp jedoch gehört nicht dazu. Der Solopauker des HR-Sinfonie­orchesters ist ein zurückhaltender, häufig lächelnder, höflicher Mensch. Am Ende eines anderthalbstündigen Gesprächs, in dem er mit dem weichen Singsang seiner oberschwäbischen Heimat geduldig sein Instrument erklärt und auf jede noch so naive Frage gewissenhaft geantwortet hat, bedankt sich der 45-Jährige für das Inter­esse: „Das kommt bei der Pauke ja nicht so häufig vor.“

Es gibt Menschen, die wenig oder gar keine Ahnung von klassischer Musik haben, sie aber trotzdem gerne hören. Wenn sie ein Konzert besuchen, sind sie beeindruckt davon, wie synchron die vielen Streicher ihre Bögen bewegen, wie dick die Blechbläser ihre Wangen aufblähen, wie schnell die Flötisten ihre Finger bewegen und trotzdem stets den richtigen Ton treffen. Am Pauker jedoch bleiben die Augen eher selten hängen. Häufig sitzt er in der letzten Reihe lange ruhig hinter seinem Instrument. Ist er dann mal dran, sind ihm meist nicht mehr als ein paar Takte Einsatzzeit vergönnt. Zudem scheint die Komplexität des Spiels im Vergleich zu dem anderer Instrumente eher reduziert. Natürlich gilt auch hier, und das wegen der Lautstärke vielleicht sogar stärker als bei anderen: Der Einsatz muss stimmen. Aber was genau macht die Faszination am orchestralen Paukenspiel aus?

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Einerseits Transparenz, andererseits Paukenwirbel

Die kurze Antwort, die Lars Rapp darauf hat, lautet: „Diese Wucht, diese Klangfülle, dieses körperliche Spiel.“ Gleichzeitig schätzt er die Bandbreite seines Instruments: die manchmal sehr feine, transparente Spielweise einerseits, andererseits den Paukenwirbel, der schon einmal über 30 Takte gehen kann und um die zwei Minuten dauert wie zum Beispiel bei Bruckner. Eigentlich muss man dem zweifachen Familienvater aber nur zuhören und zuschauen, um in den Bann des Ins­tru­ments gezogen zu werden. Es gleicht einer Musikstunde in der Schule, nur sehr viel spannender, wenn Rapp die Bau- und Funktionsweise der vier Pedalpauken erläutert, die an diesem Vormittag im Studio der Bigband des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main vor ihm stehen.

Im Vordergrund sind die kleineren Kurbelpauken zu sehen. Hintendran stehen die Pedalpauken.
Im Vordergrund sind die kleineren Kurbelpauken zu sehen. Hintendran stehen die Pedalpauken. Bild: Tom Wesse

Pedalpauken gibt es seit etwa 1880; sie kommen bei Konzerten von Mahler, Strauss, Bruckner oder Bartok zum Einsatz, die für große Orchester und für viel Klang komponiert haben. Die Kessel sind aus Kupfer, die Felle stammen vom Kalb. Sie haben unterschiedliche Größen. Es gilt: Je größer der Kessel ist, desto tiefer klingt die Pauke, aber auch das Verhältnis von Kesselbreite und Kesseltiefe bestimmt die Tonhöhe mit. Rapp spielt die Tonleiter, was gar nicht so einfach ist, und mithilfe der Pedale, die eigentlich zum Stimmen des Fells da ist, ein Glissando. Das klingt so, als würde die Pauke absaufen. Er erläutert, wie das Stimmen funktioniert und vor allem auch das Nachstimmen innerhalb eines Satzes, während die Musik um ihn herum tobt, das aber notwendig ist, weil Luftfeuchtigkeit und Wärme das Fell verändern. Er erzählt von seinen mehr als 100 Paar Schlägeln und von der Bedeutung Ludwig van Beethovens für das Paukenspiel: „Mozart, Bach, Vivaldi – das können schon Zehnjährige spielen. Bei Beethoven muss ich ein Leben lang kämpfen, weil das so schwer ist, so detailliert, so kompromisslos.“ Kompositionen von Beethoven werden übrigens in aller Regel auf kleineren Kurbelpauken gespielt, die noch mal schwieriger zu stimmen sind. Schon nach einer halben Stunde ist klar: Die Annahme, die Pauke sei ein einfach zu beherrschendes Instrument, war mindestens einmal arrogant.

Die Pedale hilft beim Stimmen des Instruments. Pedalpauken gibt es etwa seit 1880.
Die Pedale hilft beim Stimmen des Instruments. Pedalpauken gibt es etwa seit 1880. Bild: Tom Wesse

Nach der praktischen Einführung in das Instrument kommt der Profimusiker noch einmal darauf zu sprechen, was ihn an der Pauke fasziniert. Es ist die Interaktion mit seinen Kollegen. Denn erst im Zusammenspiel mit ihnen wurde dem jungen Schlagzeuger vor gut 20 Jahren klar, was die Pauke kann. Rapp, der in Biberach an der Riß in Oberschwaben aufwuchs, begann im Alter von acht mit Klavierunterricht, vier Jahre später saß er dann auch am Drumset. Über das Klavier mit klassischer Musik vertraut, fing er mit vierzehn auch mit den Schlaginstrumenten Xylophon, Glockenspiel, Marimbaphon und Vibraphon an. Er schloss sich Blasmusikvereinen an, die es in Schwaben in jedem Dorf gibt. Der talentierte, rhythmusbegabte Teenager spielte in diversen Auswahlorchestern in seiner Heimat und studierte schließlich Orchestermusik mit Hauptfach Schlagzeug an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen.

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Im Studium hielt sich sein Eifer an der Pauke in Grenzen

Dort kam er mit noch mehr Schlag­ins­tru­menten in Kontakt, zu denen beispielsweise auch die Triangel oder die Kasta­gnet­ten gehören. Im Studium habe er vor dem Problem gestanden: Welches Instrument übe ich heute, was habe ich noch nicht gemacht? Die Auseinandersetzung mit Marimbaphon, Vibraphon oder der kleinen Trommel sei ihm immer leichtgefallen. „Da weiß man genau, was man übt, kann hinterher ein tolles Stück vortragen, und alles ist super“, sagt Rapp. Mit der Pauke war das anders. „Ich saß im Übungsraum und habe die Schlagtechnik geübt. Ziel war es, dass jeder Schlag möglichst einheitlich klingt.“ Nach einer halben Stunde habe er alle Übungen abgespult gehabt, die er kannte – „und dann war ich ratlos“. Sein Eifer an der Pauke hielt sich daher in Grenzen. Das änderte sich, als er im Studentenorchester an die Pauke gesetzt wurde. „Da habe ich gemerkt, was das für eine tolle Sache ist. Was man für eine Funktion und Verantwortung als Pauker hat. Zu sehen, wie viel man bewirkt mit diesem doch lauten, mächtigen und eindrucksvollen Instrument, hat mich begeistert. Das fand ich großartig.“

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Die Funktion der Pauke lässt sich – schön prägnant und bildlich – in einem Satz zusammenfassen, den ihm ein ehemaliger Kollege aus der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit auf den Weg gab, als er vor elf Jahren an den Main wechselte. „Der Kollege hat zu mir gesagt: ‚Mensch, Lars, die Pauke ist der Herzschlag des Orchesters.‘“ Rapp mag dieses Bild, da Herz- und Paukenschlag gemein haben, dass sie einfach da sind, fast unbemerkt, zumindest ohne Aufsehen, dafür stabil. „Ich stehe selten im Mittelpunkt, habe fast nie ein Solo, bei mir muss Zuverlässigkeit herrschen“, sagt Rapp. Zudem sei er stärker mit dem gesamten Orchester verbunden als andere Instrumente, da er allen Kollegen eine sehr gute Orientierung biete. „Ich habe immer einen klaren Anschlag, der deutlich wahrnehmbar ist.“

Manche Dirigenten lassen dem Orchester Freiheiten

80 bis 100 Leute sind je nach Besetzung auf der Bühne, und nicht immer, so Rapp, sei ganz klar, wohin die Musik sich entwickelt. „Die Musik ist frei, sie entsteht in dem Moment“, sagt der 45-Jährige und gibt Einblick in das Innere eines Orchesters. Natürlich habe jeder Dirigent ein Konzept davon, wie ein Stück gespielt werden solle. Das vermittle er dem Orchester in den Proben. Aber innerhalb dieses Konzepts lasse zumindest mancher Dirigent Freiheiten. „Es gibt welche, die sagen: ‚Das Orchester spielt, ich gehe mit und greife nur da ein, wo ich was verändern will.‘“ Der jetzige Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters, Alain Altinoglu, ist so einer.

Das eröffnet speziell dem Pauker eine Chance. Lars Rapp sagt: „Natürlich kennt man die Stücke und hat sie vielleicht schon hundertmal gespielt, aber jedes Mal entsteht die Sinfonie neu.“ Er gibt ein Bespiel: Wenn die Musik laufe, und ein Einsatz der Pauke stehe an – „immer geradeaus, acht Noten“ –, könne er auch mal auf die Idee kommen, diesen Part heute ein kleines bisschen langsamer zu spielen. „Alle hören das, alle können mitmachen.“ Seine Kollegen sagten ihm oft: Wenn wir die Pauke im Ohr haben, ist es einfach, mitzuspielen. Und die Pauke hat jeder im Ohr – dank der Lautstärke und dem Platz in der Mitte hinter dem Orchester. „Von dort kann ich das einfach auch mal in die Hand nehmen und ein neues Tempo vorgeben – auch innerhalb eines Satzes.“ An dieser Stelle würden jene Solopauker die Hand heben, die für ihr Instrument die zweite Position im Orchester reklamieren – nach dem Dirigenten. Rapp macht das nicht.

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„Wir sind ein Klangkörper“

Er hält sich lieber an das Bild des Herzschlags, das mit zwei anderen Begriffen korrespondiert, die er verwendet, um das Miteinander zu beschreiben: „Bei jedem Ton, den ich spiele, bin ich im besten Fall mit allen anderen im Orchester vernetzt. Alle Instrumente, die gerade klingen, spielen für mich eine Rolle. Deshalb finde ich das Bild von dem Orchester als Organismus schön. Wir sind nicht 80 Musiker, die alle ein Instrument spielen, wir sind ein Klangkörper. Jeder hat seine Aufgabe und jeder hat seine Funktion.“

Doch auch Musiker sind Individuen – Organismus hin oder her. Kann Rapp sich vorstellen, dass es Kollegen an übungs­intensiveren Instrumenten gibt, die neidisch auf den Pauker blicken, dessen Partitur von Beethovens 8. Sinfonie gerade einmal vier Seiten umfasst? Er meint, jeder wisse, dass es ohne den anderen nicht geht. Der gegenseitige Respekt sei sehr ausgeprägt. „Trotzdem würde ich nicht ausschließen, dass der ein oder andere denkt: Ich muss hier ständig so viele Töne spielen. Das ist vielleicht auch einfach menschlich.“ Dennoch ist sich Rapp sicher: Wenn es im Kollegenkreis – was er noch nie erlebt hat – zu einer ernsthaften Diskussion darüber kommen sollte, ob das eine Instrument wichtiger als das andere ist, würde keiner diese „Führungsrolle“ für sich in Anspruch nehmen. Instrumente wie Harfe oder Kontrafagott seien bei Konzerten oft gar nicht dabei. „Aber wenn sie dabei sind, ist das wahnsinnig wichtig, damit das Stück zur Geltung kommt. Dessen sind wir uns alle bewusst.“ Und das ist auch genau das, was das Zusammenspiel im Orchester für ihn ausmacht.

Mehr als 100 Paar Schlägel nennt Solopauker Rapp sein Eigen.
Mehr als 100 Paar Schlägel nennt Solopauker Rapp sein Eigen. Bild: Tom Wesse

Dem „Vorwurf“, aus der Anzahl der Partiturseiten ableiten zu können, wie lange die Vorbereitung eines Stückes dauert, setzt Rapp dann aber doch noch etwas entgegen. Dafür zieht er erneut Noten von Beethoven heran. „Meeresstille und Glückliche Fahrt“, eine Kantate, in der das Bonner Genie zwei Gedichte selben Titels eines Frankfurter Genies namens Johann Wolfgang von Goethe vertonte. Die Paukenpartitur zeigt an, dass erst einmal 73 Takte über die Bühne gehen, die der Pauker nur still hinter seinem Instrument verbringt. Dann kommen die ersten „Stichnoten“ von Violoncello und erster Violine, die Rapp darauf vorbereiten, dass sein Einsatz kurz bevorsteht. Dieser besteht dann aus nur ein paar Tönen. „Dafür brauche ich 30 Sekunden, und dann bin ich fertig.“

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Sehnsucht nach seinen Pauken

Der Knackpunkt jedoch ist: Der Geiger benötigt in der Vorbereitung eine halbe Stunde, um das ganze Stück einmal durchzuspielen, hat es aber auch komplett vor sich. Dem Pauker hingegen sagen seine Stellen in der Paukenpartitur erst einmal gar nichts. „Ich kann von ihnen nicht auf die Musik schließen. Ich habe kein Gefühl dafür, ob die Musik fröhlich oder traurig ist. Deshalb muss ich versuchen, eine Vorstellung für die Musik zu bekommen“, erklärt Rapp.

Dafür nimmt er sich eine Partitur aller Stimmen, schaut sich an, wie die Musik strukturiert ist, mit wem er zusammenspielt. Das zeichnet er sich dann in seine Noten ein. Rund um seine Töne notiert er sich die Einsätze anderer Instrumente. An einer Stelle, an der das Orchester ein bisschen härter spielt, schreibt er ein Stakkato in seine Partitur. „Meine Arbeit geht also über den eigentlichen Notentext hinaus. Wenn ich das alles mache, diese ganzen Eintragungen, habe ich ein Gefühl für das Stück. Dann bin ich so vorbereitet wie andere Instrumente, wenn sie das Stück einmal durchgespielt haben. Es ist eine andere Form der Vorbereitung“, so Rapp.

Gerade war er mit der Familie zwei Wochen lang im Urlaub – ohne Pauken. Nach der Rückkehr wird es wie immer nach einer Zeit der Abstinenz sein: Die ersten paar Tage sucht er noch nach dem Gefühl für das Instrument. Das liegt unter anderem an der Veränderung der Muskulatur. Immerhin übt oder spielt er sonst im Prinzip jeden Tag. Und noch etwas ist wie immer am Ende eines Urlaubs: Lars Rapp freut sich darauf, wieder an seinen Pauken zu sitzen.

Im August spielt das HR-Sinfonieorchester zwei Konzerte in Spanien und dann am 25. August das beliebte Open Air in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schläfer, Eva
Eva Schläfer
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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