Disgusting Food Museum

Der Abgrund hinterm Tellerrand

Von Cornelius Dieckmann
15.06.2021
, 13:34
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Ein neues Museum in Berlin sagt: Ekel bildet.

Ekeln ist menschlich. Wir sind wahrscheinlich die einzige Spezies, die sich vor sich selbst ekelt, vor den Beweismitteln unseres Lebens und Sterbens, vor Exkrementen, Körpersäften, Blut, aber auch vor den Sitten unserer Artgenossen, die wir mit Vorliebe als Unsitten identifizieren. Ein Ekelpaket ist keine grüngeschimmelte Packung Bierschinken, sondern ein unappetitlicher Zeitgenosse. Ein Ekel. Ein Widerling. Selbst vor der eigenen Person macht diese im Wortsinn ungünstige Emotion nicht Halt. „Eine Viertelstunde würde genügen, dessen bin ich sicher, um mich zum äußersten Selbstekel zu bringen“, schrieb der Existenzialist Jean-Paul Sartre in seinem Roman „Der Ekel“. Und da ist vom Essen noch gar keine Rede.

Sartre liebte Schweinebraten. Er liebte überhaupt Fleisch. Der Publizist Klaus Ebenhöh, der ein Buch über die Geschmäcker berühmter Philosophen verfasst hat, nannte den Franzosen mal einen „Wurstfetischisten“. Eklig. Aber warum?

Die „machtvolle Form negativer Sozialisierung“

Schuld ist natürlich die wertkonservative Richterin namens Gesellschaft. Der als führender Ekelforscher geltende amerikanische Psychologe Paul Rozin spricht vom Ekel als einer „machtvollen Form negativer Sozialisierung“: Die hygienische Abwehrfunktion des Ekels (etwa vor krank machendem Schimmelschinken) werde zu einem Regelbuch des guten Benehmens ausgeweitet, bei der es nicht um körperliches, sondern um seelisches Wohlbefinden gehe. Dass die meisten Deutschen noch nie Hundefleisch verzehrt haben, hat nicht primär gesundheitliche oder geschmackliche Gründe.

Wer das gerade eröffnete Disgusting Food Museum in Berlin besucht, stellt fest, dass tierische Produkte auf andere Weise eklig sind als pflanzliche Nahrungsmittel. Man muss sie ja auch gar nicht probiert haben, die Schweineschnauzen, die hier wie perforierte Riesenchampignons im klinischen Museumslicht liegen, um allein bei der Vorstellung das eigene Organ zu rümpfen. Es ist ein Ekel im Herzen statt auf der Zunge.

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„Ekel bildet! Ekel schmeckt!“ steht auf einer Tafel am Museumseingang, außerdem eine Sentenz des Philosophen der Aufklärung Markus Herz: „Der Ekel tötet alle Ideen von Schönheit.“ Martin Völker, ein freundlicher Berliner Ende vierzig, ist promovierter Ästhetiker und Direktor des Disgusting Food Museums. Er hat lange als Dozent gearbeitet, jetzt ist er Lobbyist des Ekligen. Drei-Penis-Schnaps, Schafsauge, Milbenkäse: hat Völker alles da. Es gehört wohl eine Portion Humor dazu, wenn man, wie er, beruflich nichtsahnende Fleischereien anrufen muss, um Bullenhoden zu ordern, oder zu Dienstzwecken fermentierte Pferdemilch schlürft.

Der Vorhang

Die Flasche Mäusewein ist auch echt, und die „Babymäuseleichen“, die dort unten winzig und tot in bernsteinfarbenem chinesischen Reiswein liegen, ebenso. „Die meisten Menschen essen nichts, worin sie Tiere noch erkennen können“, sagt Völker. „Augen, Zunge, Nase, Euter, Herz sind so sehr mit dem Tier verbunden, dass ich weiß: Wenn ich das auf dem Teller habe, ist das Tier tot, und ich bin dafür verantwortlich. Beim Wiener Schnitzel ist sogar eine Panade drum, da kann ich das gut ausblenden. Wir ziehen den Vorhang weg.“

Selbst Völker, der sich als „relativ schmerzfrei“ bezeichnet, gibt mit Blick auf den Mäusewein zu: „Da fragt man sich schon: Muss ich das trinken?“ Er musste. Das Disgusting Food Museum im schwedischen Malmö, Franchisegeber der Berliner Dependance, habe darauf bestanden, dass alle Mitarbeiter die Exponate probieren. Von Haus aus sei er Vegetarier, aber er müsse ja wissen, was er den Leuten präsentiert, sagt Völker. Der Wein habe „so eine benzinartige Note, in Verbindung mit einem ganz starken Verwesungsgeruch“. Ein Ausstellungstext erläutert: „Babymäuse werden ertränkt und in Reiswein gebraut. Die Mäuse dürfen nur wenige Tage alt sein, da sie blind und unbehaart sein müssen.“

Ach, furchtbares China!, denkt nun sicher mancher Westeuropäer. Also mal was ganz anderes: In Deutschland wurden 2020 ungefähr 40 Millionen frisch geschlüpfte männliche Küken getötet, weil es für sie keine industrielle Verwendung gibt. Die meisten wurden vergast oder geschreddert.

Ekel als Werkzeug der Unterdrückung

Man gerät bei Speis und Trank schnell in kulturchauvinistische Abgründe. Als im Frühjahr 2020 SARS-CoV-2 nach Europa kam, hörte man in dem angewiderten Ton, in dem über den chinesischen Wildtiermarkt gesprochen wurde, von dem das Virus womöglich stammt, neben berechtigter Kritik auch das Klischee von der unzivilisierten chinesischen Esskultur. Völker erklärt das mit der emotionalen Bindung von Essen an die soziale Zugehörigkeit: „Der Geschmack ist das Erste, was uns ein Heimatgefühl gibt, sozusagen mit der Muttermilch.“ Und wo Heimat eine Rolle spielt, lauert bekanntlich die Herabwürdigung anderer. Die Philosophin Martha Nussbaum beschreibt den Ekel etwa als historisch-politisches Werkzeug zur Unterdrückung sozialer Gruppen wie Juden, Frauen und Homosexueller.

Zu Völkers Arbeit als Museumsdirektor gehört ausdrücklich die Vermeidung von Völkerkunde qua Kulinarik. Anders als das Pendant in Malmö habe er auf jegliche „Ethno-Anmutung“ verzichtet. In der schwedischen Ausgabe laufe der Besucher über einen nachempfundenen chinesischen Markt, „und bei den Fröschen“, so Völker, stehe eine Puppe „mit Anden-Mütze und Panflöte im Anschlag. So was wollten wir unbedingt raus lassen. Am Ende muss das Produkt zählen, ohne dass man die Assoziation ermöglicht: Ach, guck mal, da in den Anden. Oder: Hier bei den Chinesen, da gibt es das, und das essen die jeden Tag. Weil das so auch gar nicht ist.“

Er habe auch „den deutschen Ekel starkmachen“ wollen, sagt Völker nicht ohne Stolz, folglich befinden sich im Museum, dessen Interieur einer Fusion aus Großküche, Chemielabor und Hipsterbar gleicht, auch Straußen-Eierlikör vom oberpfälzischen Hof Kotzenbach (wirklich!) und „Mampes Bittere Tropfen“, eine zur Zeit der Cholera erfundene Kräutertinktur, der man immunisierende Qualitäten bescheinigte. „Schmeckt wie Knüppel an Kopp“, sagt Völker, bevor er sein Lieblingsexponat präsentiert: Bibergeil, 38-prozentiger Schnaps, sei „wie ein sehr guter Whiskey“. Hergestellt wird der Trunk im Havelland, indem die Analdrüse eines Bibers wochenlang in Alkohol eingelegt wird.

Was ist an der Currywurst anders?

Weshalb finden wir das eklig? Biberschnaps ist genauso „sauber“ wie die vom – im Ausscheidungsvorgang ja auch nicht ganz unbeteiligten – Darm ummantelte Currywurst, die in Deutschland immerhin so beliebt ist, dass ihr in Berlin ein eigenes Museum gewidmet wurde, übrigens in denselben Räumen, die nun das Disgusting Food Museum übernommen hat. Sind wir Heuchler? Sind wir.

Martin Völker zeigt auf einen Bildschirm an der Wand. „Das ist für mich das schlimmste Video.“ Zu sehen ist ein nervös zuckender Fisch, der mit etwas Gemüse garniert auf einem Teller serviert wird. Die Frage, „welchen Totheitsgrad“ ein Tier für den Verzehr haben muss, sei gar nicht so leicht zu beantworten. In Deutschland ist zwar gewöhnlich alles, was in unseren Mägen landet, mausetot (schluck, der Reiswein . . .). „Aber spätestens wenn es hier in Berlin in den Galeries Lafayette wieder Austern gibt, macht sich keiner ’ne Platte, dass die Tiere, die man da isst, ja eigentlich noch leben.“

Paul Rozin, der amerikanische Ekelforscher, geht davon aus, dass uns Dinge anwidern, die uns daran erinnern, dass wir selbst Tiere sind. Der sich noch regende Fisch führt uns vor Augen, dass Verzehrende und Verzehrte sich einst auf derselben Existenzebene befunden haben. Auch unsere Sprache offenbart viel über derartige Befindlichkeiten. Am Anfang dieses Texts fiel das Wort Körpersäfte – ein ekelhaftes Kompositum, annähernd so appetitlich wie das Platznehmen auf einer warmen Klobrille. Es suggeriert eine unerwünschte Nähe zwischen unseren Organen und unserer Nahrungsaufnahme. Saft bitte nur aus Äpfeln und Orangen, wenn’s sein muss auch Tomaten. Schon der Saft, der aus zu vertilgendem Fleisch austritt, bereitet, so bezeichnet, vielen Menschen Unbehagen. Man behilft sich mit der französischen Vokabel jus – voilà, deliziös.

„Tote Oma“

Vermeintlich ist die Ekelresistenz hoch in einem Land, das die „Blutwurst“ mit dem Anti-Euphemismus „Tote Oma“ ersetzt hat. Das stimmt zumindest insofern, als im Deutschen der Name des Tieres, von dem ein Stück Fleisch stammt, meist auch in der Produktbezeichnung auftaucht. Anders im Englischen: Pork, beef und venison hüpfen nicht über Wiesen und Felder, sondern liegen auf dem Teller.

„Unser Genuss kann ziemlich eklig sein, wenn man sich anschaut, wie das die Umwelt belastet und wie Tiere drunter leiden“, sagt Völker. Auf einem weiteren Bildschirm ist die Produktion von Gänsestopfleber zu sehen, bei der Jungvögel mit Metallschläuchen nahezu bis zum Bersten zwangsernährt werden. Wenngleich man Völker seine Haltung gegenüber der Fleischindustrie anmerkt, verzieht er keine Miene, wenn er von seinen Exponaten spricht. Überhaupt nimmt man ihm ab, dass er den Ekel phänomenologisch zeigen will, nicht als Jahrmarktsattraktion. Als die Belegschaft beim Muttermuseum in Schweden war, habe er es befremdlich gefunden, dass einige Besucher sich dort übergaben: „Ich mag bestimmte Sachen auch nicht, aber diese körperliche Wirkung gab’s bei mir nie.“ Die Eintrittskarte, eine Kotztüte, hat er von den Schweden dennoch übernommen.

Quelle: F.A.S.
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