Drei Geschichten

Lichtblicke in der Corona-Krise

Aktualisiert am 05.04.2020
 - 11:44
„Bleibt zu Hause“: Alle zusammen gegen das Virus
Besorgniserregende Nachrichten bestimmen zurzeit unsere Tage. Ohne das Leid von vielen schmälern zu wollen, möchten wir am Wochenende vor Ostern auch mal auf hoffnungsvolle Zeichen schauen.

Wie Corona mich meinen Eltern näherbrachte

Meine Eltern wohnen in der Nähe, wir haben uns immer regelmäßig gesehen. Ostern feiern wir zusammen, Weihnachten auch. Seit drei Wochen ist alles anders. Wir sehen uns nicht mehr. Wir umarmen uns nicht mehr. Wir sitzen nicht mehr an einem Tisch. Wir feiern Ostern nicht zusammen. Meine Eltern gehören zu der sogenannten Risikogruppe, sie sind 78 und 81 Jahre alt. Seit drei Wochen bleiben sie zu Hause. Die Corona-Krise hat uns getrennt. Das Seltsame daran aber ist: Sie hat uns auch näher gebracht.

Wie war es ohne Corona? Ein hektischer Alltag mit zwei Kindern. Wie oft sind Tage vergangen, an denen ich dachte: Musst dich mal bei den Eltern melden! Und abends merkte ich, dass ich es mal wieder nicht geschafft hatte. Mein Alltag ist jetzt mindestens genauso hektisch, denn im Homeoffice muss ich zwei Schulkinder bei Laune halten und mittags noch kochen. Trotzdem rufe ich jeden Tag bei meinen Eltern an, ich will wissen, wie es ihnen geht, ich will ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind, ich will die Nähe zu ihnen anders herstellen, mit Gesprächen und mit Anteilnahme.

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Ich kaufe auch zweimal in der Woche für sie ein. Meine Mutter sagt, dass es ihr leidtue, dass ich jetzt so viel Arbeit mit ihnen hätte. Aber das macht mir nichts, es ist wenigstens etwas, was ich tun kann. Eine Geste, um zu zeigen, dass mir etwas an ihnen liegt. Einmal sind meine Mutter und ich im Park spazieren gegangen, mit zwei Meter Abstand und Mundschutz. Das war ein Highlight, nicht nur für sie. Dass wir uns mal in echt und nicht über Facetime gesehen haben.

Natürlich ist es auch die Angst um meine Eltern, die mich umtreibt. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn das Virus sie erreichte. Wenn sie ins Krankenhaus müssten und ich sie nicht besuchen könnte. Das wäre ein Albtraum. Ich wünsche mir für sie, dass sie irgendwann in Würde sterben können, im Kreise ihrer Familie und nicht auf der Intensivstation. Und dass das Letzte, was sie sehen, nicht das vermummte Gesicht eines Fremden ist.

Wenn ich der Kontaktsperre etwas Positives abgewinne, dann ist es, dass meine Eltern stärker zu einem Teil meines Alltags geworden sind. Dass ich viel mehr an sie denke, viel mehr mit ihnen spreche als vorher. Dass meine Kinder nach ihnen fragen. Dass wir uns alle vermissen. Und dass wir froh sind, dass wir einander haben. Vielleicht ist auch das eine Hoffnung in diesen Tagen, dass wir bereit sind, für unsere Elterngeneration etwas zu opfern. Dass wir viele Einschränkungen hinnehmen, um sie (und Vorerkrankte) nicht zu gefährden. Über diese Solidarität freue ich mich. Und ich hoffe, dass sie in den nächsten Wochen nicht bröckelt.

Anke Schipp

Die Geschichte von Mats Richter, 33, Feuerwehrmann

Unser Dorf, Hohenholte im Kreis Coesfeld, hat knapp 700 Einwohner – und keine Apotheke, keinen Supermarkt, keinen Arzt. Nur einen Tante-Emma-Laden und zwei Friseure. Als ich Mitte März las, dass in einigen großen Städten private Hilfsangebote für ältere Menschen entstanden sind, dachte ich spontan: Hier im Ort brauchen wir das doch noch viel mehr! Meine Eltern sind recht hilfsbereite Menschen, mein Vater engagiert sich zum Beispiel für das Projekt „Ein-Dollar-Brille“, vielleicht bin ich deshalb auf die Idee gekommen. Und so habe ich nun auch ein Hilfsprojekt gegründet: die „Coronahilfe Hohenholte“.

Zusammen mit meiner Mutter und meiner 16 Jahre alten Schwester habe ich im Pfarrheim 200 Flugblätter ausgedruckt und im ganzen Dorf verteilt. Dann habe ich eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Kurz darauf hatten sich schon zehn Prozent der Dorfbewohner, also 70 Helferinnen und Helfer, gemeldet. Die jüngste ist meine Schwester, der älteste so um die 70. Eigentlich gehört er damit ja schon selbst zur Risikogruppe – aber das wollte ich ihm so direkt nicht sagen. Seitdem warten wir darauf, dass uns Leute anrufen und um Hilfe bitten.

Viel ist noch nicht passiert: Letzten Mittwoch meldete sich ein älteres Ehepaar; sie baten darum, dass jemand ihnen aus dem Supermarkt Paprika, Mandarinen und zwei Gläser Champignons mitbringe. Weil ihre Kinder, die das normalerweise machen, verhindert waren. Auch eine zwischenmenschliche Anfrage gab es schon: Eine Familie, die kürzlich aus Frankfurt neu in unser Dorf gezogen ist, fragte an, ob nicht jemand eine Tochter im Alter ihrer Tochter habe. Als Spielkameradin, weil es zurzeit so langweilig sei. Kurz darauf stand eine Mutter mit ihrer Tochter bei der Familie vor der Tür. Natürlich halten die Kinder aber Abstand zueinander.

Insgesamt bekommen wir von allen Seiten viel Lob. Eine ältere Dame hat diese Woche sogar einen Brief bei uns zu Hause abgegeben, in dem sie schrieb, wie toll sie die Aktion findet. Das fand ich gut, weil viele Leute sich ja leichter tun, was zu kritisieren, als was zu loben. Ich selbst freue mich einfach nur, dass ich anderen helfen kann. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Riesengedanken, was für ein toller Typ ich bin, mache ich mir aber deswegen nicht. Ich sehe das so: In Hohenholte stehen die Menschen halt einfach zusammen und sind füreinander da – das war schon immer so. Ich liebe mein Dorf, nicht nur deswegen. Ich habe mal sechs Jahre lang in Hamburg als Feuerwehrmann gearbeitet, und wenn ich nach dem Wochenende zurück nach Norden gefahren bin, habe ich auf der Autobahn öfter mal geweint. Meine Heimat, die ist hier in Hohenholte.

Protokoll: Katrin Hummel

Auch in diesen Zeiten: guter Hoffnung sein

Eigentlich ist es völlig außer Mode gekommen, dass heute über werdende Mütter gesagt wird, sie seien guter Hoffnung. Sprachliche Gepflogenheiten ändern sich eben über die Jahre. Warum etwas umständlich beschreiben, was man doch klar beim Namen nennen kann: Die Frauen sind schwanger. Sie bekommen ein Kind.

Dass gerade der Ausdruck „guter Hoffnung sein“ aus dem alltäglichen Sprachgebrauch vieler verschwunden ist, hat aber sicher auch damit zu tun, dass die medizinische Versorgung währen der Schwangerschaft in unseren Breiten heutzutage so gründlich, so umfassend, so technisch, so reichlich ist, dass werdende Eltern an vielen Stellen nicht mehr allzu sehr hoffen müssen, dass es ihrem ungeborenem Kind schon gutgehen und es unbeschadet das Licht der Welt erblicken wird. Sie bekommen es gesagt von den Frauenärzten. Wenn sie es wollen, dann können sie es ständig kontrollieren und sich durch Messdaten versichern lassen. Teilweise können sie es mit Hilfe dieser modernen Medizin sogar bewusst in die Hand nehmen und beeinflussen.

Aber – und das kann jeder, der schon einmal ein Kind bekommen hat, bezeugen – all diesen Möglichkeiten und Hilfen zum Trotz bleibt eine Unsicherheit. Eltern zu werden, das heißt auch, das Ungewisse aushalten zu müssen. Werdende Eltern haben es selbst in Zeiten von Gentests, pränataler Diagnostik und 3D-Ultraschall nicht bis ins Letzte in der Hand, ob das Kind wirklich wohlauf ist. Darauf zu hoffen, dass schon alles gut werden wird, gehört auch im 21. Jahrhundert zum Elternwerden dazu.

Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen, die in diesen außergewöhnlichen Corona-Tagen schwanger sind, berichten, dass sie so viel häufiger als sonst diese alte Redensart, diese drei Wörter wieder hören: Es sei stärkend in der Corona-Krise, jemanden zu sehen, der guter Hoffnung sei, ruft man ihnen dann etwa zu. Ganz bewusst, so der Eindruck der werdenden Mütter, werden genau diese Worte gewählt. Weitere Beglückwünschungen fallen nicht weg, aber es kommt häufig genau dieser Zusatz dazu: Hoffnung haben.

In Zeiten, in denen sich die Welt in einer unsicheren Schieflage befindet, werden Schwangere für so manchen wohl zu einem Zeichen, trotz der Einschränkungen, der Sorgen und Ängsten, darauf vertrauen zu können, dass es (wieder) gut werden wird. Dieses Ungewisse, das sich zurzeit überall breitmacht, so viel Raum einnimmt und zahlreiche Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen in seinen Bann zieht, muss jetzt von allen ausgehalten werden – ungezählten Expertenmeinungen, Daten und Forschungsergebnissen zum Trotz.

Guter Hoffnung sein: Werdende Eltern haben einen ganz besonderen Grund, auch in diesen Tagen auf die Zukunft zu bauen. Umso schöner, wenn sie andere Menschen damit jetzt anstecken können.

Lucia Schmidt

Quelle: F.A.S.
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