<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Minimalismus

Nichts mehr zu verlieren

Von Katrin Hummel
Aktualisiert am 06.01.2016
 - 11:06
Ziemlich leer hier: Nicol Froning braucht nicht viel, um sich wohl zu fühlen. Im Gegenteil: Sie verzichtet sogar gern. zur Bildergalerie
Verzicht ist so hip wie nie zuvor. Immer mehr Menschen verweigern den Konsum – ein Lebensstil, der durch eine Entrümpelung der eigenen vier Wände und eine radikale Form des Konsumverzichts geprägt ist.

Eine Luftmatratze, ein Kissen auf dem Fußboden, ein Putzeimer als Laptoptisch. Eine Bananenkiste, auf der eine Reisetasche steht, und ein riesiger Scheinwerfer. Ein Garderobenständer, der nur noch da steht, weil ihn bisher niemand haben wollte. Und ein kleines Waschtischunterschränkchen vom Sperrmüll. Das ist die Möblierung von Nicol Fronings Ein-Zimmer-Souterrainwohnung am Düsseldorfer Rheinufer. Alles andere hat die Fünfundzwanzigjährige vor zwei Jahren verschenkt. „Das ist praktisch“, sagt sie, „ich saß eh nie gern auf Stühlen.“

Heidemarie Schwermer, 73, ist noch einen Schritt weiter gegangen. Die pensionierte Lehrerin und frühere Psychotherapeutin hat seit zwanzig Jahren nicht mal mehr eine Wohnung und auch kein Bankkonto. Ihre einzigen Besitztümer sind ein Koffer voller Kleidung, ein Computer und ein Rucksack mit Waschzeug. „Nachdem ich alles weggegeben hatte, war das ein Gefühl von Befreiung, ein Prickeln im ganzen Körper wie am letzten Abend vor einer Reise. Ich war nicht mehr belastet mit so vielen Sachen“, erinnert sie sich.

Freiheit durch Verzicht? Glück durch Entsagung? Was sich in den Ohren vieler Leute komplett masochistisch anhören dürfte, ist für eine wachsende Zahl von Menschen ganz normaler Alltag. Da ist der fünfzigjährige Schreiner aus Frankfurt, der mehr Zeit als Geld haben möchte und darum Teilzeit arbeitet, der auf Fernseher, Spülmaschine und Auto verzichtet und seine Bedürfnisse mit Hilfe eines Tauschrings organisiert. Da ist die 49 Jahre alte Bankangestellte aus einem kleinen Ort in der Nähe von Graz, die ebenfalls Teilzeit arbeitet und Foodsharing macht oder Containern geht. Da sind die Agenturjournalistin aus Offenbach und der Augenoptiker aus Bergisch Gladbach, da sind die Hausfrau aus Niederösterreich und der Berliner Rentner, der in einer Hängematte schläft und kein Telefon hat.

Sie alle haben ihre Besitztümer radikal minimiert, sie kaufen Kleidung nur Secondhand oder tragen die abgelegten Sachen von Freunden, sie leihen sich vieles nur und kaufen so wenig wie möglich neu. Sie achten auf Nachhaltigkeit und Müllvermeidung, sie tauschen vieles mit anderen und teilen ihre Erfahrungen gern in eigenen Blogs im Internet. Minimalismus nennt man diesen Lebensstil, der geprägt ist durch eine Entrümpelung der eigenen vier Wände und eine radikale Form des Konsumverzichts.

„Wenig zu besitzen ist befreiend“

„Wenig zu besitzen ist befreiend“, erklärt der Soziologe Harald Welzer, der als Professor für Transformationsdesign und Direktor der Futurzwei Stiftung Zukunftsfähigkeit nach Wegen in eine zukunftsfähige Moderne sucht, „man hat nichts, was man verlieren kann. Zum Beispiel, wenn man sein Auto abschafft: Man muss nicht mehr in die Werkstatt damit, nicht mehr zum TÜV, man muss nicht mehr tanken und braucht sich nicht mehr um die Versicherung zu kümmern.“ Viele Menschen litten auch an der Überfülle an Produkten, die sie kaufen könnten - an den unzähligen Entscheidungsmöglichkeiten. Andere hätten einfach keine Lust, sich den Gesetzen des Arbeitsmarktes zu unterwerfen. Folgerichtig verzichteten sie auf jegliche Form von Luxus.

So ist es auch bei Nicol Froning. „Ich bin natürlich auch ein Mensch, der schöne Möbel total toll findet“, gibt sie zu, „aber man braucht ziemlich viel Geld, wenn man so einen Lebensstandard aufrechterhalten will, und zu diesem hohen Lebensstandard gehören dann auch viele Dinge wie zum Beispiel Stühle, die ich eh nie haben wollte. Wenn ich das alles nicht besitze, brauche ich weniger Geld und muss weniger arbeiten.“ Froning, Bauerstochter und gelernte Landwirtin, hat deswegen entschieden, dass sie so wenig Dinge wie möglich besitzen und anschaffen will, sondern lieber mehr Freizeit haben möchte. Ihr Studium an der Fachhochschule für Polizei hat sie abgebrochen, den Vegan-Shop, den sie danach hatte, hat sie verkauft. Seit anderthalb Jahren betreibt sie den YouTube-Kanal „vegan power girl“, die Werbeeinnahmen reichen inzwischen dafür, die Hälfte ihrer Lebenshaltungskosten zu decken, den Rest verdient sie sich mit der Betreuung alter Menschen dazu.

Viel Geld braucht sie aber nicht. Während sie auf einer Mauer am Rheinufer sitzt - die Bänke an der Uferpromenade hat sie verschmäht -, zählt sie auf, wofür sie überhaupt Geld ausgibt: „Vegane Lebensmittel, Miete, Internet, Krankenversicherung, Sport und mein Fahrrad.“ Urlaub hat sie noch nie gemacht, Kleidung bekommt sie meistens geschenkt, Dinge wie Kühlschrank und Waschmaschine besitzt sie erst gar nicht.

Man könnte denken, dass Froning ein asketisches Leben führt, aber sie selbst empfindet das ganz anders. Ähnlich wie Schwermer fühlt sie sich befreit: „Früher habe ich mir unheimlich viel gekauft, aber es machte mich nicht glücklich. Ich hatte zum Beispiel unglaublich viel Make-up, aber ich konnte gar nicht alles nutzen, und dann veränderte sich die Konsistenz.“ Heute wäscht sie sich die Haare mit Wasser und Kernseife, ganz ohne Shampoo, und am Ende schüttet sie sich eine Essigspülung über den Kopf, um den Kalk auszuspülen, der im Leitungswasser ist. Schminken tut sie sich kaum noch. Vor einem Jahr hat sie zuletzt Foundation benutzt, weil sie zu einer Feier eingeladen war, „das ist auch mal schön“, sagt sie ganz locker, denn darin sieht sie keinen Widerspruch. Es liegt kein Dogmatismus in ihrem Tun, nichts Zwanghaftes.

Das Spektrum derer, die minimalistisch leben, reicht nach Beobachtung des Soziologen Welzer in der Tat vom puritanischen Orthodoxen bis hin zu Menschen, die locker an die Sache herangehen und sich einfach nur fragen: „Was brauche ich für mein Glück, und wie passt das zum Gemeinwohl?“ Dass man minimalistisch lebt und sich dann trotzdem mal schick aufbrezelt, mit Schminke und tollen Klamotten, darin sieht Welzer kein Problem. „Das ist eine Frage der Priorität. Wer handelt denn schon zu 100 Prozent auf Grundlage seiner inneren Überzeugung? Das wäre doch sonst beängstigend. Man kann nicht widerspruchsfrei handeln, sondern muss immer priorisieren. Man muss Luxus ja nicht schlecht finden, nur weil man ihm nicht frönt.“

Auch bei Heidemarie Schwermer ist das nicht anders, allerdings nur, weil sie krank ist. Manchmal muss sie jetzt einfach an sich denken und Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die sie früher gern verschmäht hat, sonst wäre sie nämlich schon tot. Vor zwei Jahren bekam sie Krebs, ihre Nieren sind kaputt, sie hat Schmerzen und muss oft zum Arzt, deswegen lässt sie sich die 820 Euro Rente, die ihr zustehen, seit zwei Jahren auf ein Sparbuch überweisen. Auch ihre Krankenversicherung nimmt sie nun, anders als früher, in Anspruch. Im Prinzip ist da aber immer noch dieser Gedanke in ihr, „dass wir alle viel zu viel besitzen und uns verkleinern müssen, weil sonst die Erde kaputtgeht. In New York werden Picassos für 159 Millionen Dollar verschachert, ist das nicht schlimm? Und die Lager, in denen die Menschen nichts zu essen haben!“

Sie gibt den einen und nimmt von den anderen

Schwermer - weiße, schulterlange Haare, rosafarbene Wickeljacke, schwarze Jeans und Wollsocken - sitzt in einem Lehnstuhl und hat ihr Bein hochgelegt. Es ist nicht ihr Stuhl und nicht ihre Wohnung, sondern die einer befreundeten jungen Frau, die bei ihrem Freund lebe und sich die Wohnung zur Sicherheit noch halte. Allerdings wohnt Schwermer nicht immer hier, sondern pendelt zwischen verschiedenen Wohnungen in ganz Deutschland, in denen manchmal auch Freunde von ihr leben, die sich, so sagt sie, über ihre Anwesenheit freuen. „So viele Häuser werden von nur einer Person bewohnt, das ist doch Verschwendung!“

Schwermer fühlt sich nicht als Schnorrerin, Geben und Nehmen funktioniert bei ihr nicht linear, von Mensch zu Mensch, sondern global: Sie gibt den einen und nimmt von den anderen, kreuz und quer durcheinander, und sie träumt von einer Gesellschaft, in der es kein Geld mehr gibt und die Menschen wieder vom Tauschhandel leben.

Verzicht ist tatsächlich so hip wie nie zuvor

Seit zwanzig Jahren macht sie vor, dass das geht. Schwermer ist die unangefochtene Veteranin des Minimalismus, sie bekommt Post aus der ganzen Welt, es gibt einen Kinofilm über sie („Living without money“), und manche halten sie für eine „Legende“. Selbst mit 73 und krebskrank ist sie viel radikaler als all diese jungen Dinger, die in letzter Zeit mal ein Jahr lang auf irgendwas verzichtet und dann gleich ein Buch darüber geschrieben haben. Zum Beispiel die Wienerin Nunu Kaller, die ein Jahr lang eine „Shopping-Diät“ gemacht und das Buch „Ich kauf nix“ geschrieben hat. Oder der finnische Filmemacher Petri Luukkainen, der in dem Dokumentarfilm „My Stuff“ erzählt, wie er erst alle seine Sachen in ein Lager packt und dann nackt in einem leeren Appartment sitzt. Ein Jahr lang kauft er gar nichts, sondern holt sich nur jeden Tag eine Sache aus dem Lager zurück, um herauszufinden, was wirklich wichtig ist im Leben. Auch die amerikanische Autorin Judith Levine hat ein Jahr lang überhaupt kein Geld ausgegeben: kein Konsum, kein Theater, kein Abendessen und keine Bücher. Und die Leipziger Autorin Greta Taubert hat ein Jahr lang so gelebt, als wäre die Wirtschaft zusammengebrochen. Sie aß Blätter, züchtete Pilze, lebte in einer Waldhütte - und entdeckte die rettende Kraft der Gemeinschaft.

Verzicht ist tatsächlich so hip wie nie zuvor, und der Soziologe Harald Welzer weiß auch, warum: Die gesellschaftlichen Normen verändern sich, weil all unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind. „In solchen Gesellschaften kann man sich um Gestaltungsfragen kümmern und damit um Nachhaltigkeit“, erklärt Welzer. Das werde auch in Unternehmen zur Kenntnis genommen oder in Fragen der Geldanlage - Nachhaltigkeitsfonds seien gefragt.

Die Gründe liegen bei einigen Menschen im Privaten

Für Oliver Stengel, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter im Forschungslabor Nachhaltige Entwicklung der Uni Bochum, haben auch einige Skandale dazu beigetragen, dass der Minimalismus jetzt so viele Anhänger findet. Berichte über Massentierhaltung, menschenunwürdige Produktionsbedingungen, Verschwendung von Lebensmitteln oder das bewusste Verkürzen der Haltbarkeit von Waren brächten die Verbraucher zum Nachdenken. Deswegen hinterfragten sie mehr, was sie kauften, und verzichteten auf manches - zum Beispiel auf Flugreisen oder tierische Produkte. Gerade in wohlhabenden Kreisen könne bewusstes, ökologisches Konsumieren sogar „Statuskonsum mit anderen Mitteln“ sein, meint Soziologe Welzer: „Diese Konsumform verbessert den Status in manchen Gruppen viel eher, als wenn man sich einen Porsche kaufen würde.“

Vielleicht liegen die wahren Gründe bei einigen Menschen aber auch im ganz Privaten. Heidemarie Schwermer etwa wurde im Krieg geboren, sie musste hungern, floh mit ihrer Familie als Kind aus Ostpreußen und sagt heute: „Vielleicht lebe ich auch wegen meiner Kindheit minimalistisch. Als wir in Deutschland ankamen, hatten wir nichts. Vielleicht bin ich heute deswegen so sehr gegen Verschwendung, für Teilen und gegen Armut.“ Und Nicol Froning erzählt, dass sie früher „depressiv und kränklich“ war; sie habe eine Essstörung gehabt, und ihr Vater sei gewalttätig gewesen. Sie hat den Kontakt zu ihm abgebrochen und auch sonst vieles in ihrem Leben geändert. Jetzt lebt sie minimalistisch, um sich wohl zu fühlen. Aber ihr Leben lang will sie das nicht machen: „Wenn ich wieder Möbel will, mach’ ich das. Vielleicht habe ich irgendwann eine Einbauküche und eine Couchgarnitur. Wenn es mich stresst, hör’ ich damit auf und mach’ was anderes. Aber momentan tut es mir gut.“

Wie vor 100 Jahren
Hosenträger gegen das schnelle Leben
© Franziska Gilli, Franziska Gilli
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.