FAZ plus ArtikelEvolutionspsychologie

Frauen träumen von Liebe, Männer wollen Sex – stimmt das überhaupt?

Von Leonie Feuerbach
16.10.2019
, 10:05
Frauen sind in der Liebe vorsichtig und monogam, Männer draufgängerisch und promisk. Das wusste schon Darwin. Allein: Es stimmt nicht. Was uns die Evolution wirklich lehrt, schrieb unsere Autorin im vergangenen Oktober auf.

Frauen wollen einen zuverlässigen Partner fürs Leben finden, Männer wollen sich nicht festlegen, lieber mit vielen Frauen schlafen: Diesen Eindruck vermitteln Ratgeber und romantische Komödien. Männer kommen demnach vom Mars, Frauen von der Venus. Die Titel solcher Bücher: „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ oder „Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen“. In „Er steht einfach nicht auf dich“ (2009) sagt Bradley Cooper: „Männer wollen nicht wirklich heiraten. Tun sie es doch, denken sie nur an all die Frauen, die sie deshalb nicht haben können.“ Ist das wirklich so? Und wenn nicht, warum glauben wir trotzdem daran? Vermutlich hat es mit Darwin zu tun und mit einem von ihm inspirierten Experiment zum Sexualverhalten von Fruchtfliegen.

1. Darwin und die Fruchtfliegen

„Die Männchen fast aller Arten haben stärkere Leidenschaften als die Weibchen. Deshalb sind es die Männchen, die miteinander kämpfen und ihre Reize verführerisch vor den Weibchen präsentieren. Die Weibchen auf der anderen Seite sind fast ohne Ausnahme weniger begierig als die Männchen. Sie will umworben werden, sie ist spröde und versucht häufig für lange Zeit dem Männchen zu entkommen.“ So beschreibt Charles Darwin das Sexualverhalten der Tiere 1871 in „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“.

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Batemans Studie

Bei Batemans Experiment trug jede Fruchtfliege eine sichtbare Mutation, sozusagen ein Namensschild, wie gekrümmte Flügel oder fehlende Augen. Nachdem Bateman die Fruchtfliegen ein paar Tage lang zusammen eingesperrt hatte, untersuchte er den Nachwuchs. Das Problem: Da Bateman die Fliegen nicht bei der Paarung beobachtete, schätzte er die Anzahl an Sexualpartnern der Fliegen über diejenigen Nachkommen, die zwei Mutationen hatten, also die Namensschilder von Mutter und Vater. Weil die Mutationen aber so heftig waren, starben viele der Nachkommen mit zwei Mutationen, bevor sie dem Larvenstadium entwachsen waren. Das führte zu verzerrten Ergebnissen: Auch Fruchtfliegen, die aufgrund der höheren Sterblichkeit bei Vorliegen zweier Mutationen vermeintlich keine Sexualpartner hatten, hatten zahlreiche Nachkommen - und zwar die, die nur ihre Mutation geerbt hatten. Bateman überschätzte also die Zahl an Fruchtfliegen, die keinen Sexualpartner hatten, und unterschätzte diejenigen mit einem oder mehreren Sexualpartnern. Die Unterschiede im reproduktiven Erfolg führte er auf die unterschiedliche Anzahl an Sexualpartnern zurück - diese war aber verzerrt. Außerdem hatten laut Bateman die männlichen Fruchtfliegen mehr Nachkommen gezeugt als die weiblichen: eine biologische und statistische Unmöglichkeit, weil natürlich jede Fliege eine Mutter und einen Vater hat.

Patricia Adair Gowaty, Yong-Kyu Kim und Wyatt W. Anderson (2012): No evidence of sexual selection in a repetition of Bateman's classic study of Drosophila melanogaster. In: PNAS 109, 11740-11745.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.
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