Illustratorin Amelie Persson

Wie man sich mit sich selbst anfreundet

Von Alexander Jürgs
21.09.2020
, 14:14
Die Frankfurter Illustratorin Amelie Persson hat ein Buch darüber gemacht, warum es den idealen Körper nicht gibt. Damit will sie Jugendliche dazu ermutigen, sich so zu mögen, wie man nun einmal aussieht.

Viel Platz ist nicht. Der kleine Holztisch steht so, dass der Blick in den Garten fällt. Pinsel liegen auf ihm herum, Notizbücher, ein Tuschkasten, ein London-Stadtführer. Auf der Fensterbank darüber wackelt eine asiatische Winkekatze gemächlich im Takt, daneben thront eines der roten, schwedischen Dalapferde aus Holz. Amelie Persson kramt den Kasten mit den Buntstiften hervor. Darin hat sie Stifte in den unterschiedlichsten Hauttönen gesammelt: zartes Rosa, dunkles Braun, Beige, ein heller Sandton. „An die Hauttöne musste ich mich erst einmal herantasten“, sagt die Illustratorin.

Haut hat die 39 Jahre alte Persson in den vergangenen Monaten viel gemalt und gezeichnet. Und Körperteile: Brüste, Nasen, Augenpartien, Münder, Hände, Penisse, Rücken, Ohren. Entstanden sind die Illustrationen für ein Jugendbuch, das den Titel „Wie siehst du denn aus?“ trägt. Und den programmatischen Untertitel „Warum es normal nicht gibt“. Erschienen ist es im März bei Beltz & Gelberg, gerade wurde die zweite Auflage ausgeliefert. Persson hat das Buch zusammen mit der Autorin Sonja Eismann, der Herausgeberin des feministischen Pop-Magazins „Missy“, gemacht. Eismann lieferte die Texte, die sich, manchmal vielleicht eine Spur zu akademisch im Tonfall, damit beschäftigen, warum Körper sich unterscheiden und wie sie wahrgenommen werden. Persson hat diese Vielfalt mit ihren Körperskizzen abzubilden versucht.

Die Doppelseiten mit ihren Zeichnungen haben oft etwas Komisches und Charmantes, weil sie die Unterschiede so augenscheinlich unterstreichen. Etwa das Blatt mit den Füßen. Da sieht man weiße Haut mit braunen Tupfern darauf, da sieht man abstehende „dicke Onkel“, langgestreckte Füße und kompakte Klumpen, Warzen und lackierte Nägel.

Oder die Brüste. Mal scheinen sie in Richtung Himmel zu hüpfen, mal zieht es sie gen Boden, mal sind sie kräftig behaart, mal blass, mal riesig, mal klein. Welche von Männern und welche von Frauen stammen, erfährt man nicht.

Das Unperfekte ist die Regel

„Mit dem Buch geht es mir auch darum, Jugendlichen zu zeigen, wie wichtig es ist, sich so zu mögen, wie man ist“, sagt die Illustratorin. Mit Wohlwollen auf das zu blicken, was man selbst oder ein anderer als nicht perfekt einstufe, sei enorm wichtig. „Die Teenager stehen heute unter einem krassen Druck“, sagt Persson. Denn vorgesetzt bekommen sie, auf Instagram, in den Posts von Influencern, in der Werbung und in Filmen, meist ausschließlich perfekte, „gephotoshopte“ Körper. Ihr selbst ging es bei der Arbeit am Buch ganz genauso. Im Netz war Persson auf der Suche nach Vorlagen für ihre Illustrationen. „Ich wollte einen faltigen Hals zeichnen, doch im Internet findet man keine Darstellungen“, sagt sie: „Es gibt im Netz so gut wie keine ungefilterten Bilder mehr.“

Auch an ihre eigene, jugendliche Unzufriedenheit mit ihrem Körper kann Persson sich noch erinnern. „Ich hatte mit Hautunreinheiten zu kämpfen, das hat mich geprägt“, erzählt sie. Ganz frei vom skeptischen Blick auf das eigene Aussehen sei sie auch heute noch nicht. „Wenn man in der Schwangerschaft plötzlich zwanzig Kilo zunimmt, dann muss man sich als Frau auch erst einmal neu mit sich selbst anfreunden“, sagt Persson, die bald ihr zweites Kind bekommen wird, deren Babybauch nicht zu übersehen ist: „An dem Buch zu arbeiten, hatte deshalb auch etwas Therapeutisches.“ Weil es den Blick dafür schärfte, dass das vermeintlich Unperfekte die Regel ist.

Persson ist es wichtig, dass das, was sie selbst erlebt, in ihre Illustrationen einfließt. Als sie vor einigen Jahren in die Welt der Graphic Novels eintauchte, also der Comics, die große Geschichten erzählen und das Leben von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten aufblättern, war das für sie eine entscheidende Entdeckung. So wie die Graphic-Novel-Zeichner wollte auch sie arbeiten: detailreich, biographisch, erzählerisch.

Do-it-yourself-Kultur

Zum Zeichnen ist Persson nicht über den klassischen Weg gekommen, eine Kunstakademie oder Illustratorenschule hat sie nie besucht. Studiert hat sie, an der Frankfurter Goethe-Universität, stattdessen Soziologie. Sie fühle sich der Do-it-yourself-Kultur stark verbunden, sagt Persson. Etwas Neues wagen, Dinge ausprobieren, auch wenn man nicht weiß, ob man es darin wirklich zur Meisterschaft bringen wird, das habe sie schon immer gereizt: „Wenn es mein Bier ist, ob etwas klappt oder nicht, dann ist mir das am liebsten.“

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Beim alternativen Frankfurter Sender „Radio X“ war sie während des Studiums als Moderatorin aktiv, als Regieassistentin hat sie gearbeitet und auch für die F.A.Z. geschrieben und Video-Filmkritiken für den Online-Auftritt produziert. In Bars hat sie Musik aufgelegt, für das „Missy“-Magazin schreibt sie bis heute Rezensionen über Musik und Kinofilme.

Doch mit der Zeit wurde ihr das Illustrieren immer wichtiger, wurde es zu ihrem Beruf. Für das Stadtmagazin „Journal Frankfurt“ hat sie Kolumnen gezeichnet, auch das evangelische Magazin „Chrismon“ hat ihre Illustrationen gedruckt, im Berliner Comicverlag Jaja, einem Einmannbetrieb der Verlegerin Annette Köhn, hat sie handgezeichnete Kochbücher herausgebracht. Eine Zeitlang lebte Persson, Tochter eines schwedischen Vaters und einer aus Lindau stammenden Mutter, in New York. 2016 zog sie, weil ihr Partner dort einen Job als Filmanalyst gefunden hatte, nach London.

In der britischen Hauptstadt wurde Persson Mutter. Dort begann sie auch, dieses für sie neue Leben zeichnend festzuhalten – den Alltag mit der Tochter, die Kämpfe mit dem oft unzureichenden Gesundheitssystem, die Zeit zu dritt, das Schöne und den Stress. „Motherhood Sketchbook“ nennt Persson die Serie, auf Instagram teilt sie die Skizzen. Aus den Schnipseln würde sie gern einen zusammenhängenden Comic machen, Arbeitstitel: „Brexit Baby“. Doch um sich in ein solch aufwendiges Projekt hineinzuknien, fehlt der Freiberuflerin meist die Zeit.

Umzug im Lockdown

Nach Frankfurt ist Persson erst vor kurzem zurückgekehrt, im März, mitten im Lockdown. Der allgemeine Stillstand hat den Umzug nicht einfacher gemacht, auf die in Großbritannien eingelagerten Möbel musste die Familie länger warten als gedacht, bei Perssons Schwester fanden sie in der Zwischenzeit Unterschlupf. Eigentlich wollte sich die Illustratorin in Frankfurt auch gleich einen neuen Atelierplatz suchen, doch dabei kam die Pandemie ebenfalls in die Quere. Also zeichnet sie nun in dem Raum der Ginnheimer Altbauwohnung an ihrem kleinen Tisch, der eigentlich das Schlafzimmer hätte werden sollen. Nebenan steht der noch kleinere Schreibtisch ihres Freundes, der derzeit ebenfalls im Homeoffice arbeitet.

Persson macht nicht den Eindruck, als könne all das sie aus der Bahn werfen. Improvisieren zu müssen, nicht auf großem Fuß zu leben, darauf zu hoffen, dass die Aufträge nicht ausgehen: Das nimmt sie, wie so viele selbständige Kreative, schon länger in Kauf. Und daran will sie auch nichts ändern. „Ich weiß, es klingt kitschig, aber ich liebe einfach, was ich mache“, sagt sie.

Sonja Eismann mit Illustrationen von Amelie Persson: Wie siehst du denn aus? Warum es normal nicht gibt gebunden, 90 Seiten, Beltz und Gelberg.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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