Kolumne

Fünf Dinge, die am Autofahren in den USA nerven

Von Tatjana Heid, Nashville
13.10.2021
, 15:02
Die Interstate 55 führt von New Orleans über Memphis nach Chicago.
Rechtsabbiegen bei Rot, Trucks auf Speed, eigenwillige Straßenführung. Autofahren in den USA hat seine Tücken – und es gibt einen Endgegner. Die Kolumne „Fünf Dinge“.

Auf meine zuletzt erschienene Kolumne über das Leben in der amerikanischen Suburb habe ich viele amüsierte Reaktionen bekommen – sowohl von Deutschen, die länger in den USA gelebt haben, als auch von Amerikanern selbst. Ein paar Leser waren allerdings der Meinung, dass ich die amerikanische Seele nicht verstanden habe, und fühlten sich verletzt. Das will ich natürlich nicht. Deswegen nun erst einmal die Dinge, die am Autofahren in Amerika Freude machen:

Die Straßen sind groß und breit. Nervenzerfetzendes Schlängeln durch Altstadtgässchen gibt es hier nicht. Wenn dieses Land eines hat, dann ist das Platz. Es gibt ausreichend Parkplätze. Am Anfang bin ich vor jedem Termin 20 Minuten früher losgefahren, wie in Frankfurt und Berlin hatte ich die Parkplatzsuche einkalkuliert. Das war vollkommen unnötig, ich habe ständig gewartet. Die putzigen „All way“-Stoppschilder, die demjenigen die Vorfahrt gewähren, der zuerst da war, führen dazu, dass man besser aufeinander aufpassen muss. Und niemand wartet zu lange an einer Kreuzung.

Aber! Es gibt Dinge, die nerven.

1. Rechts abbiegen bei roter Ampel

Die Kreuzungen sind vollkommen unübersichtlich. Das liegt daran, dass sie vor allem in der Innenstadt riesig sind. Außerdem dürfen Autos rechts abbiegen, selbst wenn sie eigentlich rot haben. Natürlich geht das nur, wenn kein Verkehr kommt. Zumindest in der Theorie. In der Praxis muss man immer damit rechnen, dass jemand aus der Querstraße gegondelt kommt und ein abruptes Bremsen nötig wird. Das einzig Gute ist, dass die Amerikaner im Vergleich zu uns Deutschen eher geduldige Autofahrer sind. Während der vielen Male, bei denen ich eine ausgedehnte Rotphase lang die Rechtsabbiegerspur blockiert habe, bin ich nur zweimal angehupt worden.

Übrigens, für Fußgänger ist diese eigenwillige Rotregel auch kein Vergnügen. An Ampeln hängen tatsächlich Schilder, die dazu auffordern, vor dem Überqueren der Straße Blickkontakt zum Autofahrer aufzunehmen, damit der nicht plötzlich losfährt und einen umnietet. Bei mir war es einmal fast soweit. Nur ein großer Sprung zurück auf den Bordstein hat mich gerettet. Es wäre keine angenehme Sache geworden, die Kühlerhaube des Autos reichte mir bis zur Schulter.

2. Tankstellen!

Ich glaube, ich habe kein einziges Mal problemlos getankt. Immer war irgendwas. In Amerika wird vor dem Tanken bezahlt, am Zapfhahn und per Kreditkarte. Die deutschen Kreditkarten werden allerdings meist nur von den internationalen Ketten akzeptiert. Also muss man reingehen und dort im Voraus bezahlen. Was zu der unvermeidlichen Frage führt: „Wie viel wollen Sie denn?“ Die Antwort „eine Tankfüllung“ hilft nicht, der Kassierer braucht einen Betrag. Also rechnet man. Die Preise sind in Dollar, die Volumenangaben in Gallonen und der Umfang des Tanks beim Mietwagen in meinem Kopf in Liter. Meist bin ich mit einem zu drei Vierteln gefüllten Tank von dannen gerollt. Einmal nur mit einem Viertel, da war allerdings der Zapfhahn kaputt. Ist mir insgesamt viermal passiert. Einmal hätte ich beinahe doppelt bezahlt, weil meine Kreditkarte auch an einem defekten Zapfhahn angemeldet war. Der Tankwart, ein geduldiger, weißhaariger Mann, war vollkommen ratlos. Um sich zu entschuldigen, tankte er meinen Wagen. Voll.

3. Highways!!

Die Autobahnen sind der Endgegner. Nach wie vor wundere ich mich, dass ich die Recherchefahrten während meines Journalisten-Stipendiums heil überstanden habe. Vermutlich liegt das am Tempolimit. Schneller als 70 Meilen pro Stunde (gut 110 Stundenkilometer) wird es in Tennessee nicht. Das hat beim Überholen den Vorteil, dass das Auto, das eben noch ein Punkt im Rückspiegel war, nicht plötzlich am Kofferraum hängen und Lichthupe geben kann.

Der Nachteil am Überholen in den USA: Es geht rechts und links. Als Deutsche, für die das Rechtsfahrgebot genauso unumstößlich ist wie das Reinheitsgebot, ist das schwer zu verinnerlichen. Um mich sicherer zu fühlen, beschloss ich für den Anfang, trotzdem immer nur rechts zu fahren. Dumme Idee. Denn die rechte Fahrspur endet gerne mal oder geht plötzlich ab, und dann fährt man nach Memphis statt nach Hause.

Dass man sich urplötzlich auf einer Abbiegerspur befindet, ist allerdings nicht nur auf der Autobahn ein Problem, sondern auch in der Stadt. Einmal fuhr mich meine Mitbewohnerin zur Arbeit und ich bewunderte sie für ihre Fähigkeit, wirklich nie die falsche Spur zu erwischen. Sie lachte und meinte, dass ihr das schon manchmal noch passiere – und sie wohnt ihr Leben lang in Nashville. „Einmal nicht richtig aufgepasst, schon bin ich auf der falschen Spur und denke nur: ,Ach, verdammt! Nicht schon wieder.‘“

4. Der Zustand der Straßen ist erbärmlich

Erst seit meinem Besuch in den USA sehe ich ein, dass Geländewagen bisweilen auch in der Stadt nützlich sein können. Ich bin hier durch Schlaglöcher tief wie Krater gefahren. Zweimal habe ich ernsthaft befürchtet, die Achse meines sehr kleinen Mietwagens könnte brechen. Die Freundin meines Kollegen hat sich tatsächlich das Auto in einem Schlagloch kaputt gefahren, auch sie hatte so eine Knautschkugel. „Ich habe ihr noch gesagt: ,Du brauchst ein neues Auto‘“, sagt mein Kollege noch heute mit Verzweiflung in der Stimme. „Mit dem Auto schaffst du die Straßen hier nicht.“

Auch was Straßenqualität angeht, sind Highways der Endgegner. Denn hier sind die Schlaglöcher besonders tief, außerdem ist man hier am schnellsten unterwegs. Doch das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist der Müll auf den Straßen. Immer wieder liegen Teile von geplatzten Reifen auf der Fahrspur oder Trümmerteile am Autobahnrand. Es gibt das staatliche Adopt-a-Highway-Programm, bei dem man sich verantwortlich dafür erklärt, einen bestimmten Streckenabschnitt von Müll freizuhalten. Ich sage mal so: Es ist ausbaufähig. Bei einem gemeinsamen Trip ist mein Kollege auf der Autobahn über einen Schraubenzieher gefahren. Es tat einen Schlag, dann steckte der Schraubenzieher im Unterboden und machte einen Höllenlärm. Laut einem sehr hilfsbereiten Polizisten war unser einziges Glück, dass er nicht im Reifen steckengeblieben ist.

Kann ja mal passieren: Schraubenzieher steckt im Unterboden
Kann ja mal passieren: Schraubenzieher steckt im Unterboden Bild: Tatjana Heid

5. Trucks

Während in Deutschland die Lastwagen dafür bekannt sind, auf der rechten Spur rumzukrebsen und den Verkehr aufzuhalten, kann man das von den amerikanischen Trucks wirklich nicht behaupten. Da das Tempolimit nicht besonders hoch ist und für alle gilt, sind alle mehr oder weniger gleich schnell. Auch die Trucks sind auf Speed. In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Lastwagen so rasen und dabei geltende Verkehrsregeln missachten sehen wie hier. Mehr als einmal war ich eingeklemmt zwischen zwei Lastwagen, während mich der dritte links überholte. Kein sehr angenehmes Gefühl. Zumal die Hupen der Trucks so laut sind, dass man aufpassen muss, vor Schreck nicht das Lenkrad zu verreißen, wenn es mal wieder los geht. Dafür – das muss gesagt sein – sehen Trucks hierzulande sehr stylisch aus.

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Kaffee-Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Heid, Tatjana
Tatjana Heid
Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.
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