Kolumne „Fünf Dinge“

Fünf Dinge, die am Spätsommer nerven

Von Thorsten Winter
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 06:47
Na endlich: Im September geht die Sonne immer später auf.
Der Übergang vom Sommer zum Herbst mutet wie eine herrliche Zeit an. Oberflächlich betrachtet jedenfalls. Aber wer etwas genauer hinguckt, entdeckt so manchen Mangel. Fünf Dinge, die am Spätsommer nerven.

Wunderbar! Trotz der langanhaltenden Trockenheit viele knackige Äpfel, dazu frühreife aromatische Brombeeren und Birnen. Brechend voll die Birnbäume, so voll wie selten, verwöhnt von der Sonne die Früchte: Diese Wochen, auch Spätsommer genannt, muten wie eine herrliche Zeit an. Oberflächlich betrachtet jedenfalls. Aber wer die Sonnenbrille putzt und etwas genauer hinsieht, der erkennt umgehend so manchen Mangel.

1. Irgendwas in-between

Der Mensch an sich kennt vier Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Kommt da Spätsommer vor? Eben. Der Spätsommer ist gar keine richtige Jahreszeit. Da fängt es schon mal an. Er ist irgendwas in-between. So wie neuerdings der Februar. Kein Winter mehr und noch kein Frühling. So ist der Spätsommer kein Sommer mehr und noch kein Herbst. Zum Herbst, da fiele uns gleich was Nettes ein: „Und kam die goldene Herbsteszeit. Und die Birnen leuchteten weit und breit“. (Den Rest googeln Sie bitte selbst). Aber der Spätsommer: Nichts Halbes und nichts Ganzes.

2. Zu schwankungsanfällig

In diesen Tagen verkündet die Wettervorhersage wieder einmal mehr als 30 Grad im Tagesverlauf. Ja, im Tagesverlauf. Aber wann genau? Morgens ist es jedenfalls viel kühler. Naturgemäß und Gott sei Dank. 25 Grad in der Nacht hatten wir in diesem Sommer wahrlich oft genug. Aber: Es gibt auch Tage, die weniger bieten als die 15 Grad, die diese Woche bereit hält. Vergangene Woche etwa erzitterte der Einwohner dieser Republik, als er nach dem obligatorischen Blick auf das Smartphone und dem Inhalieren aller Push-Mitteilungen zum Zeitungsrohr ging und das Blatt aus demselben zog.

Binnen Millisekunden wusste er angesichts der drei Grad über Null (kein Scherz!), wie sich die zuvor frisch von oberhessischen Äckern geerntete Zuckererbse im Moment des Schockfrostens gefühlt haben muss. Kein Wunder, dass die Kinder am Frühstückstisch völlig verzweifelt fragen, was sie anziehen sollen. Den Midirock oder die Jeans, Bluse oder Langarm-Shirt, darüber die Jeans- oder doch die Kuscheljacke?

3. Einfach zu spät dran

Solche Fragen kämen erst gar nicht auf, wenn der Spätsommer an sich wenigstens ein bisschen früher aus den Puschen käme. Die Sonne krabbelt erst das Firmament hoch, wenn die Schülerschar und die Werktätigen schon wach sind. Sich von den Sonnenstrahlen wach kitzeln lassen? Schön wär´s!

Das Ärgerliche dabei: Die Sonne lässt sich von Tag zu Tag mehr Zeit zum Aufstehen. Als ob sich ein Arbeitnehmer dergleichen auch leisten könnte. Oder ein Schüler. Wobei: In Zeiten von Homeschooling wegen neuerlichen Corona-Befalls von Mitschülern und Lehrkräften ist das ja vielerorts schon fast wieder Alltag. Aber das führt nur vom eigentlichen Thema weg.

4. Zu früh vorbei

Ärgern wir uns lieber über die Folgen des spätsommerlichen Sonnenlaufs. Die liebe, liebe Sonne steht nicht nur immer später auf, sie verzieht sich auch immer früher. Dabei ballert sie zwischendrin mit restlicher voller Kraft. Deshalb stellt sich der Büromensch nicht nur ähnliche Fragen wie sein Nachwuchs („Nehme ich über dem Business-Hemd die Weste aus Seide? Oder die aus Leinen-Mix? Oder doch schon die aus leichtem Woll-Tweed?“). Im Auto friert er zunächst und lässt die Klimaanlage heizen, nur um sich zehn Minuten später zu fragen, ob er noch bei Trost ist, weil der Sonnenschein die Kiste längst schön wärmt und das Hemd unter der Weste und dem Sakko an der Haut zu kleben beginnt. Sehr unerfreulich. Sakko ausziehen, war natürlich zuvor keine Option. Wer will sich schon in diesen Tagen eine Erkältung einfangen?

Im Tagesverlauf lacht die Sonne dann fröhlich durch die Bürofenster. Oder grinst sie vielmehr frech? Das ist die Frage. Denn wenn der Arbeitstag sich dem Ende zuneigt, gilt das auch für das wärmende Oberlicht von Mutter Natur. „Die Sonne hat den Lauf vollbracht. Und Abendröte. Mitternacht“ – so lautet der Dreisprung bei Detlev von Liliencron.

5. Einfach ungerecht

Ins Schwimmbad kann dann nur noch, wer Frühschicht hat oder mobil arbeitet und ein Freibad in der Nähe weiß. Wie ungerecht. Die einen brutzeln in der noch kräftigen Frühabendsonne umgeben von Glas und Blech auf der Autobahn, die anderen liegen entspannt am Pool. Nichts Halbes und nicht Ganzes. Spätsommer halt!

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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