Kolumne

Fünf Dinge, die bei der Wohnungssuche nerven

Von Julia Anton
Aktualisiert am 18.11.2020
 - 06:45
Auch ohne Premiumaccount nutzbar: die Straßenlaterne
Von den Mietpreisen will unsere Autorin gar nicht erst anfangen: Die Wohnungssuche in der Großstadt ist auch so schon nervenaufreibend – dreisten Mitinteressenten, absurd hohen Abschlagssummen und anderen Horrorgeschichten sei dank.

1. „Gemütliche und romantische Wohnung“

Sie suchen eine schöne Wohnung? Kommen Sie nach Frankfurt! Hier ist es überall „gemütlich“, „stilvoll“ oder „romantisch“, manchmal sogar alles drei. Nur: Mit der Realität haben diese Beschreibungen oft so wenig zu tun, dass man nicht mal von einem Euphemismus sprechen kann. Was das soll, ist mir ehrlich gesagt nur bedingt klar: Spätestens, wenn ich zur Besichtigung komme, sehe ich doch, dass „gemütlich“ ein anderes Wort für „winzig“ ist, das Wohnzimmer mit Weitwinkelobjektiv fotografiert wurde, „stilvoll“ einen Fünfziger-Jahre-Bau mit marodem und muffigem Treppenhaus beschreibt und „romantisch“ ein Frankfurter Bad bedeutet. Ich kann es mir nur so erklären: Das ganze funktioniert ähnlich wie eine Fliegenfalle. Wenn nur genug Leute kommen, ist irgendwann jemand dabei, den die Wohnungssuche schon so zermürbt hat, dass er vor lauter Verzweiflung einfach kleben bleibt.

2. Die Horrorgeschichten der anderen

Man muss mir nichts schön reden. Der Wohnungsmarkt in Großstädten wie München, Berlin und eben Frankfurt ist hart umkämpft. Es ist hinlänglich bekannt, dass man hier mit einem Geduldsspiel rechnen muss und damit, entweder die eigenen Ansprüche runter- oder das Budget raufzuschrauben. Auf den Dialog, der folgt, wenn man von seiner Suche erzählt, könnte ich trotzdem gut verzichten: „Du Arme! Der Wohnungsmarkt ist Hölle! Ich habe neulich gelesen, dass ...“ Spätestens an dieser Stelle halte ich mir innerlich die Ohren zu: Ich will gar nicht wissen, wie viele Bewerber im Schnitt auf eine Wohnung in meinem bevorzugten Viertel kommen. Es sind viele, das reicht mir – zumal mir die genaue Zahl nicht weiterhilft (Ich habe sie leider trotzdem gehört: es sind mehr als 70. Und jetzt?). Am schlimmsten sind aber diejenigen, die an dieser Stelle ihre Horrorgeschichten auspacken: „Eine Bekannte von mir hat neulich ein halbes Jahr nach einer Wohnung in Frankfurt gesucht. Jetzt ist sie nach Dietzenbach gezogen.” Oder: „Meine Cousine hat 30 oder 40 Wohnungen besichtigt, bis sie etwas gefunden hat. Die Wohnung ist jetzt zwar etwas kleiner und hat noch kein fließendes Wasser, aber die Lage ist top!” Okay, bei letzterer habe ich etwas übertrieben. Aber so in etwa sahen die Albträume aus, die mir ähnliche Geschichten in den folgenden Nächten beschert haben.

3. Dreiste Mitinteressenten

Im Krieg und in der Liebe sind alle Waffen erlaubt, heißt es. Manch einer scheint das auch auf die Wohnungssuche zu beziehen. Tatsächlich scheint es zumindest in Sachen Liebe einige Parallelen zu geben: Vor der Besichtigung der vermeintlichen Traumwohnung ist man schnell mal ähnlich nervös wie vor dem ersten Date: Ist das Outfit in Ordnung? Sollte man lieber nochmal duschen? An Ort und Stelle versucht man dann mit Charme und einer witzigen Bemerkung zu punkten und mit vermeintlich originellen Smalltalk-Fragen sowie übertriebenem Lob für das Objekt der Begierde („Braune Fliesen! Meine Lieblingsfarbe!“) positiv in Erinnerung zu bleiben. Klingelt das Telefon in den nächsten Tagen nicht, beschleichen einen Selbstzweifel. Woran lag's? Warum mochte der andere mich nicht? Um eine solche Ablehnung zu vermeiden, scheint das Liebesgleichnis manch einen jedenfalls zu motivieren, zu unlauteren Mitteln zu greifen: Als ich eine herrliche Altbauwohnung im Frankfurter Nordend besichtigte (das Lob für das Parkett war nicht übertrieben), fragte ein Mitinteressent den Makler, ob er seine Chancen steigern könnte, wenn er die Courtage übernehmen würde. Ich weiß nicht, was ich dreister fand: den Bestechungsversuch an sich oder die Tatsache, dass er es völlig unverhohlen probierte, während ich daneben stand. Immerhin: Ähnlich wie wohl bei den meisten Dates lief der Versuch ins Leere – der Makler lehnte ab.

4. „Die Möbel müssen für 4000 Euro übernommen werden“

Ja, Ebay-Kleinanzeigen sind nervig. Die Leute wollen dauernd verhandeln, kommen nicht zum vereinbarten Termin – und wie zum Teufel hat man das Sofa damals durch das Treppenhaus bekommen? Den Nachmieter oder die Nachmieterin deshalb zu fragen, ob er oder sie Interesse an den Stücken hat, ist durchaus logisch. Der ein oder die andere freut sich vielleicht auch, wenn beim Einzug schon ein Kleiderschrank in der neuen Bude steht. Nur dass zumindest da, wo der Wohnungsmarkt ohnehin angespannt ist, gar nicht erst gefragt, sondern die Übernahme zur Bedingung gemacht wird. Wehren kann man sich nicht, sonst leitet der Vormieter die Bewerbungsunterlagen gar nicht erst weiter. Und weil es so schön ist, endlich mal am längeren Hebel zu sitzen, nutzen viele die Situation aus und rufen abenteuerliche Preise auf: Plötzlich werden da 2000, gerne auch 4000 Euro für eine alte Couch mit Fleck auf dem Sitzkissen, einen türlosen Schrank, ein Bett ohne Matratze und eine äußerst hässliche Kommode von einer schwedischen Möbelkette fällig. Ich muss gar nicht in den Online-Shop schauen, um zu wissen: Für die Summe könnte ich die Möbel auch neu kaufen, liefern und aufbauen lassen – und mir immer noch ein Hot-Dog-Party-Paket dazu leisten. Überhaupt scheinen nach oben keine Grenzen gesetzt: Ich habe auch Anzeigen mit Abschlagssummen von 10.000 Euro für ein paar Stücke in einer Zwei(!)-Zimmer-Wohnung gesehen – Qualitätsmöbel waren das mit Sicherheit nicht. Nein, danke.

5. Der Todesstoß kommt per Mail

Da! Da ist sie: Die (vermeintliche) Traumwohnung. Schneller hat wohl noch nie jemand einen Premium-Account bei einem Wohnungsportal abgeschlossen als ich in dem Moment, in dem ich diese Wohnung sah: Frisch renoviert, größer als meine alte, direkt am Park in meinem Lieblingsviertel, in meinem Budget, überzeugende Fotos, und, halten Sie sich fest: mit Balkon! Mit zitternden Fingern tippe ich eine Nachricht an die Vermieterin, anschließend lasse ich mein Handy nicht mehr aus den Augen. Auf keinen Fall will ich eine Einladung zur Besichtigung verpassen. Nur passiert: Nichts. Die Tage verstreichen. Auch wenn mir insgeheim klar ist, dass da wahrscheinlich nichts mehr kommt: Ein klitzekleines bisschen Hoffnung habe ich noch. Vielleicht ist die Vermieterin auf Geschäftsreise, krank, oder hat gerade einfach viel zu tun – wer weiß? Schließlich summt mein Handy. Eine E-Mail von dem Wohnungsportal, im Betreff die Traumwohnung. Mein Herz klopft, ich öffne sie. Der Text lautet: „Ein Angebot, für das Sie sich interessieren, wurde deaktiviert. Diese Inserate könnten Sie interessieren: ...“ Jetzt steht es unausweichlich fest: In meine Traumwohnung zieht jemand anderes. Warum man mich mit dieser Info quälen muss, ist mir schleierhaft. Fehlt nur noch, dass ich dem oder der Glücklichen beim Umzug helfen muss.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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