Kolumne

Fünf Dinge, die als Croupier nerven

Von Kira Kramer
03.03.2021
, 06:31
Unsere Autorin hat mehrere Jahre hinter den Spieltischen von Casinos gestanden. Dann hat sie den Job an den Nagel gehängt. Hier erzählt sie, was sie als Croupier genervt hat.

Die meisten Menschen kennen die schillernde Welt des Glücksspiels vor allem aus Filmen. Sie denken an James Bond im Smoking, der seinen Gegenspielern im Pokerturnier die Millionen abnimmt oder an Robert de Niro als Casino-Boss, der in Hinterzimmern krumme Geschäfte mit der Mafia dreht. Ich habe sieben Jahre lang in verschiedenen Spielbanken in Deutschland und der Schweiz als Croupier gearbeitet und weiß: Der Casino-Alltag ist längst nicht so aufregend. Das fängt bei der Kleidung an: Strenge Kleidervorschriften gibt es in vielen Casinos nicht mehr und langweilige Jeans sind in Spielsälen häufiger anzutreffen als schicke Smokings.

Wer zudem glaubt, dass sich in Casinos vor allem steinreiche Großunternehmer, Superschurken oder goldbehangene Millionenerben tummeln, der wird ebenfalls enttäuscht sein. Echte High Roller – so nennt man Spieler, die sehr viel setzen – sind eher die Ausnahme als die Regel. Dennoch kann man als Croupier Ungewöhnliches erleben, trifft Menschen, denen man außerhalb des Casinos nie begegnet wäre und hört Geschichten, die so unglaublich sind, dass sie kaum wahr sein können. Aber mir wird wohl auch jeder Croupier zustimmen, wenn ich sage: Es gibt ein paar Dinge, die an dem Job nerven.

1. Wie, das ist ein Glücksspiel?

Am Abend zuvor lief wieder einmal der Hollywood-Streifen „21“ im Fernsehen und am nächsten Tag sind sie da: Casino-Erstbesucher, die sich vorgenommen haben, die Bank zu sprengen. Im Film verkörpert Kevin Spacey einen Mathematikprofessoren am MIT, der talentierte Studenten rekrutiert, um ihnen das Kartenzählen beim Black Jack beizubringen. Der Plan geht auf, sie gewinnen in verschiedenen Casinos beachtliche Summen. Und die Geschichte basiert sogar auf einer wahren Begebenheit. Die Hoffnung aufs schnelle Geld lockt die Neueinsteiger auch abseits des Films an den Spieltisch. Zwar hat ihnen kein MIT-Professor das Kartenzählen beigebracht, dafür haben sie den ganzen Wikipedia-Eintrag darüber gelesen – und analysieren nun das Spielgeschehen, um im richtigen Moment zuzuschlagen.

Doof nur: Das Kartenzählen am Black-Jack-Tisch ist schon lange nicht mehr möglich, denn so gut wie jedes Casinos nutzt inzwischen Maschinen, die die Karten mischen und dafür sorgen, dass alle ausgegebenen Karten schon nach kurzer Zeit wieder im Spiel sind. Die Glücksritter hören das natürlich gar nicht gerne: Wie? Alles Zufall? Unverschämt! Und nein, es tut mir leid, auch wer besonders nett zum Croupier ist und immer fleißig Trinkgeld gibt, hat am Ende die gleichen Gewinnchancen wie jeder andere Gast auch. Natürlich gibt es Strategien, mit denen man die Chancen minimal verbessern kann, aber um die zu lernen, braucht es garantiert kein Studium an einer Elite-Uni. Letztlich gilt: Es ist und bleibt ein Glücksspiel.

2. Wo der Chauvinismus blüht

Ein ehemaliger Croupier-Kollege von mir nannte Casinos einmal „die letzte Hochburg des Chauvinismus“. Auch wenn das eine recht scharfe Formulierung ist: Er hat nicht ganz unrecht. Lange waren Frauen vom Beruf des Croupiers ausgeschlossen. Zwar ergriffen die ersten Frauen in Deutschland bereits in den späten sechziger Jahren den Beruf der Croupière – so heißt die weibliche Form –, allerdings gab es auch Anfang der nuller Jahre in einigen deutschen Spielbanken noch immer keine Frauen hinter dem Spieltisch. Auch wenn Croupièren heute zum Alltag gehören, brauchen die mitunter ein dickes Fell: Sie hat eine neue Frisur? Zwei Kilogramm zugenommen? Sich heute mal nicht geschminkt? Ihre Kollegen werden ihr mit Sicherheit erzählen, was sie davon halten.

Ich weiß schon: Das geht nicht nur Frauen in Casinos so. Allerdings gibt es in vielen Spielbanken keine Gleichstellung: Weibliche Chefs sind noch immer die große Ausnahme. Dass es den Spielbanken schwer fällt, tradierte Geschlechterverhältnisse aufzubrechen, hat sicher auch damit zu tun, dass Frauen, die den klassischen Schönheitsnormen entsprechen, oft mit mehr Trinkgeld belohnt werden als andere. Und davon profitieren am Ende alle Croupiers – zumindest monetär. Deshalb ist das Aussehen einer Frau im Casino vieles, aber bestimmt keine Privatangelegenheit.

3. Die Sucht spielt mit

Ich erinnere mich an einen Abend im Casino, an dem der Feueralarm losging: Eine schrille Sirene erstickte die allabendliche Stimmenkakophonie im Spielsaal und eine Durchsage verkündete, aufgrund eines Brandes sei das Gebäude zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt stand ich hinter dem Roulette-Tisch, das Spieltuch war über und über gefüllt mit Jetons und einige Gäste hatten einen glücklichen Lauf. Nach einem ersten kurzen Schreckensmoment fingen die meisten Spieler an, ihre Jetons einzusammeln und den Saal zu verlassen. Mit einer Ausnahme: Mir gegenüber am Spieltisch stand ein Mann, der unbeeindruckt weiter seine Jetons auf dem Tableau ausbreitete. Der Aufforderung, den Saal zu verlassen, entgegnete der Herr bloß energisch: „Aber das eine Spiel machen Sie doch wohl noch?“

Leider weist die Anekdote auf etwas hin, das überall dort, wo es Glücksspiel gibt, unvermeidbar ist: Spielsucht. Zwar hat jedes Casino Schutzkonzepte, Hotlines für Abhängige und die Möglichkeit, Spieler landesweit in allen Spielbanken zu sperren. Das kann aber nicht immer verhindern, dass es Menschen gibt, die die Kontrolle über ihr eigenes Spielverhalten verlieren und trotzdem weiter am Spieltisch stehen. Und wenn es erst einmal soweit ist, muss sich auch die unmittelbare Gefahr von Leib und Leben hinten anstellen, wenn es am Roulettetisch gerade mal gut läuft.

4. Croupiers unter sich

Als Croupier ist man vor allem dann auf den Beinen, wenn andere Menschen schlafen. Casinos sind bis in die Morgenstunden geöffnet. Schließt der Spielsaal für die Gäste seine Pforten, ist es noch an den Croupiers, den Spielertrag des Tages auszuzählen. Dementsprechend spät – oder früh – kommt man ins Bett. Hinzu kommt, dass die Wochenenden die meisten Gäste ins Casino locken und es nur wenige Tage im Jahr gibt, an denen Spielbanken überhaupt geschlossen bleiben (wenn kein Lockdown ist). Das kann dazu führen, dass man als Croupier völlig am Alltag der meisten anderen Menschen vorbeilebt. Mal zum Mittagessen verabreden? Sorry, da schlafe ich noch. Am Wochenende auf einen Cocktail treffen? Sorry, da arbeite ich wieder.

Croupiers verbringen ihre Freizeit deshalb oft mit anderen Croupiers. Die finden es immerhin nicht abwegig, sich auch mal am Dienstagabend auf ein, zwei oder fünf Bier zu treffen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, heißt es doch. Und wenn das Wochenende auf einen Dienstag fällt, zieht man eben dann um die Häuser. Und jetzt raten Sie mal, was viele Croupiers auch noch gerne in ihrer Freizeit machen? Sie gehen ins Casino. Im eigenen Haus darf zwar nicht gespielt werden, aber das nächste Casino ist nie weit.

5. Geld ersetzt Manieren

Auch wenn Smokings und Abendkleider im Casino nur noch selten zu sehen sind: Spielbanken erwarten von ihren Mitarbeitern ein gepflegtes Auftreten und ein besonderes Maß an Höflichkeit. Das gehört zum Konzept: Casinos verkaufen den Spielern letztlich nichts als Träume, die in der Atmosphäre des Spielsaals ein Zuhause finden wollen. Gewinne kann schließlich keiner garantieren, wohl aber, dass der Besuch im Casino zu einem Erlebnis wird. Frauen werden daher oft mit „Madame“ und Männer mit „Monsieur“ angesprochen, die Croupiers geben sich die größte Mühe, ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Doch während auf der einen Seite des Spieltisches stets Anstand, Etikette und Professionalität gefordert sind, lässt das Benehmen einiger Gäste zu wünschen übrig.

Zwar wird üblicherweise auch von den Spielern Anstand erwartet, aber die Grenzen sind immer dann dehnbar, wenn sehr hohe Einsätze im Spiel sind. Ich erinnere mich an einen High Roller am Black-Jack-Tisch, der meine Kollegen und mich mit Spottnamen überzog, wenn wir nicht die Karten legten, die er sich wünschte. Hatte die Bank eine 21 und er verlor, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch und polterte so laut, dass es im ganzen Casino zu hören war. Jeder andere Gast wäre dafür vor die Tür gesetzt worden – bei ihm drückten die Chefs aber zwei Augen zu. Es lagen immerhin Spieleinsätze im fünfstelligen Bereich auf dem Tisch. Und während besagter Spieler den Croupiers „Kröte“ und „Äffchen“ an den Kopf warf, solang er verlor, wanderte ein Fünfhunderter nach dem anderen in den Trinkgeldtopf, sobald es richtig gut für ihn lief.

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

Quelle: FAZ.NET
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