Kolumne „Fünf Dinge“

Fünf Typen, die im Kino nerven

Von Sebastian Reuter
11.03.2020
, 11:33
Ein Kinobesuch hat nur noch in Ausnahmefällen etwas mit entspannter Unterhaltung zu tun. Unser Autor meidet Kinosäle. Schuld daran sind die anderen. Wie immer.

Haben Sie dieses Jahr schon einen Film im Kino gesehen? Nein? Gut, belassen Sie es am besten dabei – und zwar nicht wegen Ihrer Sorge vor dem Coronavirus. Sondern, weil ein Kinobesuch auch in Zeiten ohne Infektionsangst nur noch in Ausnahmefällen entspannte Unterhaltung ist. Bei mir jedenfalls – und das hat nur am Rande mit jenen Dingen zu tun, die an Kinobesuchen offensichtlich sehr fragwürdig sind: Seien es die Preise („Das macht neun Euro für den Film, plus ein Euro für sechs Minuten Überlänge, zwei Euro wegen 3D, 1,50 Euro für Logenplätze – und 11 Euro für Cola und Popcorn: Insgesamt 25,50 Euro, bitte.“), ewig lange und schlechte Werbespots lokaler Autohäuser und Optiker, durchgesessene und vom Vorgänger noch warme und vollgekrümelte Sitze oder eimerhafte Einheitsgrößen für Softgetränke und Junkfood.

Jetzt kommen Sie und sagen, ich solle aufhören, den Menschen das Kino madig zu machen. Der Branche gehe es schließlich schlecht genug, weil jeder Deutsche im Schnitt weniger als zwei Mal im Jahr mit Popcorn vor der Leinwand sitzt und die bösen Streamingdienste sowieso die Kinobetreiber ruinieren. Dass die Kinos mehr Umsatz machen als je zuvor und sieben der zehn erfolgreichsten Filme der Geschichte nach 2015 anliefen, passt aber nicht in diese Jammerei – ein beliebiger trister Samstagabend im Winter kann das bestätigen: Gerade bei neuen Filmen aus dem immergleichen Marvel-Star-Wars-Bond-Imperium müssen Tickets am besten schon online und für zwei Euro Vorverkaufsgebühr extra gekauft oder reserviert werden (dann aber eine halbe Stunde vor der halbstündigen Werbung da sein!), um zumindest die Chance zu haben, sich nicht in den vordersten vier Reihen des 800-Plätze-Saals eine veritable Nackenstarre und anhaltendes Augenflimmern einzuhandeln.

All das hatte mich nie davon abgehalten, regelmäßig ins Kino zu gehen – trotz der dumpfen Aggressionen, die ich jedes Mal verspürte, wenn ich mich in die roten Samtsessel fläzte. Mittlerweile aber meide ich Kinosäle wie Schlager-Fans das Metal-Konzert. Schuld daran sind – wie immer – die anderen. Ihr oft unfassbar nerviges Verhalten treibt mich zur Weißglut. Und auch Sie sollten künftig die Flucht antreten, wenn Ihnen diese fünf schlimmsten Kinobesucher begegnen:

1. Die Popcorn-Nacho-Cola-Vernichter

Der Klassiker unter den nervigen Kinobesuchern. Schon am Eingang hält er mitsamt fünfköpfiger Clique den kompletten Betrieb auf, weil in der Warteschlange einfach keine Zeit war, sich zu überlegen, ob lieber jeder einzeln das aus anderthalb Litern Cola und zweieinhalb Kilo Popcorn bestehende „Super-Maxi-Menü“ bestellen sollte – oder, ob man sich lieber das „Best-Friends-Cinemagic-Menü“ teilt, weil da jeder die Wahl zwischen süßem und salzigem Popcorn sowie Nachos mit Käse- oder Hot-Salsa-Sauce hat. Und obendrauf noch ein Plastiklichtschwert geschenkt bekommt.

Ist die Entscheidung gefallen, wird etwa ein Drittel des Menüs schon beim unbeholfenen Hinsetzen mitsamt Plastikbechern in beiden Händen auf Sesseln und Boden verteilt. Für den Verzehr der übrigen zwei Drittel aus dem kohlensäure- und saucenhaltigen Zucker-Salz-Paprikagewürz-Imperium werden dann die kompletten zweieinhalb Stunden benötigt, was den übrigen Saalgästen durch regelmäßiges Rascheln, Rülpsen, Schmatzen und Schlürfen nicht vorenthalten bleibt. Wundern Sie sich auch nicht, wenn zwischenzeitlich dicke Luft vorbeizieht: Die Gruppe war vor dem Film garantiert noch Burger oder Burrito essen.

2. Die „Darf-ich-kurz-durch“-Klogänger

Ja, es kann vorkommen, dass während eines Films derart die Blase drückt, dass sich nicht weiter auf die Handlung konzentriert werden kann. Zum Beispiel wenn man schwanger oder alt ist. Oder aufgrund anderer Umstände häufiger aufs Klo muss. Für alle anderen Filminteressierten dürfte es eigentlich kein Problem sein, zwei Stunden ohne den Gang zur Toilette auszukommen. Eigentlich. Doch im Kino ist es damit schnell vorbei. Spätestens nach zwanzig Minuten steht irgendwo der oder die Erste auf, flüsterbrüllt den im Fluchtweg Richtung Toilette Sitzenden sieben Mal ein „Tschuldigung, darf ich kurz durch“ entgegen und tritt auf dem Weg hinaus abgestellte Popcorn-Eimer um.

Dass sich das Schauspiel wenige Minuten später wiederholt, versteht sich von selbst. Vollständige Beliebtheit erlangen der oder die Erleichterte allerdings erst, wenn sie – als auf der Leinwand gerade das Universum dem Untergang geweiht ist – mit lautem Seufzer zurück in ihren Sessel plumpsen und ihrem Sitznachbarn entgegenrufen: „Und, was habe ich verpasst?“

3. Die Alles-und-jeden-Kommentierer

Das Kino verlangt von seinen Besuchern Dinge ab, die die meisten im Alltag nicht leisten können: Stillsitzen, Zuhören, auf das Wesentliche konzentrieren. Viele Besucher scheinen allerdings nicht zu verstehen, dass der aktuelle Tarantino-Film oder das Oscar-prämierte Drama etwas anderes sind als eine „Bauer sucht Frau“-Folge bei RTL. Zuhause ist es kein Problem, sich vom Smartphone ablenken zu lassen oder über Moderatoren, Darsteller und Kandidaten zu lästern, um vom eigenen jämmerlichen Alltag abzulenken. Dass man im Kino allerdings mit seinem Partner/Date/Kumpel nicht allein ist, nur weil es dunkel ist, haben die meisten offenbar bislang nicht verstanden. Dort werden sich nicht die Schuhe ausgezogen, man kommt nicht in Jogginghose und man hält verdammt nochmal den Mund! Mit welchen Tricks man die verstorbene Carrie Fisher im letzten Teil der Star-Wars-Trilogie nochmal als Prinzessin Leia auftreten ließ, warum die Kameraeinstellungen beim Weltkriegs-Epos so mitreißend sind oder weshalb man die Nebendarstellerin so unfassbar heiß findet, kann schließlich viel besser nach dem Film diskutiert und gegoogelt werden. Jedenfalls, wenn man seine Gedanken dazu so lange im Kopf behalten kann.

4. Die „Ich-will-unbedingt-ein-Eis“-Kinder

Schon klar: Wer als Erwachsener einen Animationsfilm im Kino ansieht, noch dazu am Sonntagnachmittag, muss sich nicht wundern, wenn der Saal voller aufgeregter Jungen und Mädchen ist, die alles wollen – außer entspannt auf den Moment zu warten, in dem das Licht ausgeht. Da wird auf der Treppe getobt und auf den Sitzen herumgerutscht. Spätestens, wenn die unmotivierten Mitarbeiter kurz vor Filmbeginn mit ihren Kühlboxen hineinplatzen und fragen, wer denn alles ein Eis wolle, rasten die Kleinen komplett aus.

Abgesehen davon, dass Eis im Kino generell völlig überbewertet und unnötig ist, muss man sich nun mindestens auf sieben bis acht Minuten Verzögerungen einstellen, weil sofort zwölf bis 15 Hände in die Luft fliegen und ebenso viele Münder „Hier, hier hier“ rufen. Dazu kommen mindestens zwei, drei Unentschlossene, die sich erst für ein Eis entscheiden können, wenn die Kühlboxen den Kinosaal fast schon wieder verlassen haben. Außerdem häufig am Start: Der schnöselige Vater, der sich lautstark darüber echauffiert, dass er die 2,25 Euro für das „Ed-von-Schleck“ seines Sohnes weder mit Karte noch mit seinem 50-Euro-Schein bezahlen kann.

5. Die Film-ist-vorbei-Flüchtenden

Wer es bei all den Unwägbarkeiten, die im Kino lauern, tatsächlich bis zum Ende des Films durchgehalten hat, wird spätestens dann jäh aus seinem Traum von einem gemütlichen Abend gerissen. Denn: Eine kurze Minute, um das tragische Ende oder das überraschende Happy End zu verarbeiten und zu genießen, gibt es im Kino nicht. Die erste Zeile des Abspanns ist noch nicht komplett auf der Leinwand erschienen, da springen die ersten von ihren Sitzen auf, klopfen sich Popcornreste von der Hose und werfen sich auf dem Weg zum Ausgang derart schwungvoll die Jacke über, als führe vor dem Eingang nur ein kleiner Shuttle-Bus zurück in die düstere Realität des eigenen Alltags. Man kennt das Phänomen aus dem Flugzeug, wo ein Großteil der Passagiere auch schon im Gang steht, wenn das letzte Glimmen der Anschnallzeichen über den Köpfen noch nicht erloschen ist. Dass man sich aber selbst an einem entspannten Filmabend keine Zeit mehr lässt, ist umso trauriger. Das Kino hätte von uns allen etwas mehr Respekt verdient.

Quelle: FAZ.NET
Autorenportträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
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