Kolumne

Fünf Dinge, die beim nachhaltigen Einkauf nerven

Von Lea Wegener
16.09.2021
, 08:54
So viel Auswahl: Bio-Gurken aus dem Spreewald
Bio-Gurken in Plastikverpackungen? Unverpackte Tomaten aus Spanien? Veganes Sojaschnitzel, oder doch lieber die teuren Eier vom Hof nebenan? Unsere Autorin versucht, bewusst und ökologisch einzukaufen – und fühlt sich dabei überfordert.
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Der Supermarktbesuch kann so schon ziemlich stressig sein. Wenn man dann noch versucht, die Produkte nach bestem Wissen und Gewissen auszuwählen, kann es wirklich nervenaufreibend werden. Meist frage ich mich schon vor meinem Supermarktbesuch, was mir gerade besonders wichtig ist: Möchte ich möglichst plastikfrei einkaufen? Oder regional und saisonal? Oder tierleidfrei? Die Auswahl an Produkten ist heutzutage so groß und doch scheint man nicht alles „richtig“ machen zu können. Ich jedenfalls stehe jedes Mal wieder vor herausfordernden Kaufentscheidungen.

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1. Plastik ist überall

Gurken in Plastikverpackungen? Muss das wirklich sein? Blickt man sich im Supermarkt seines Vertrauens genauer um, wird man nur wenige Produkte finden, die unverpackt verkauft werden. Dabei benötigen viele Produkte die Verpackung gar nicht. Aber Plastik ist überall. Sogar die Tiefkühlpizza im Papierkarton ist noch mal zusätzlich in Plastik verpackt. Klar, Plastik hat auch seine Berechtigung, immerhin hält der Kunststoff unsere Lebensmittel frisch. Aber meine Gurke braucht nun wirklich nicht noch einen Plastikmantel. Und meine Nudeln könnten auch einfach in Glas- oder Papierverpackungen verkauft werden. So schwierig kann das doch nicht sein – Unverpacktläden machen es schon lange vor.

2. Äpfel vom anderen Ende der Welt

Es ist doch ziemlich abgefahren, dass wir das ganze Jahr lang Zugang zu Lebensmitteln aus aller Welt haben – so müssen wir theoretisch nie auf irgendwas verzichten. Ziemlich luxuriös. Und trotzdem könnte ich mich regelmäßig darüber aufregen, wenn ich „Äpfel aus Chile“ oder „Brokkoli aus der Türkei“ lese. Wieso lassen wir diese Produkte um die halbe Welt fliegen? Äpfel und Brokkoli gibt es doch nun wirklich auch in Deutschland. Wie viel CO2 eingespart werden könnte, würde man Lebensmittel nicht ständig um den Globus jetten. Und es ist doch auch ein gutes Gefühl, die Äpfel vom Landwirt um die Ecke zu kaufen – da weiß man wenigstens, unter welchen Bedingungen sie angebaut wurden.

3. Tierleid ist billig

Auch über Preise wundere ich mich oft beim Einkaufen. Vegane, also tierleidfreie Varianten sind meistens teurer als die Produkte, für die Lebewesen leiden mussten. Kann das so überhaupt richtig sein? Auch diverse Gütesiegel haben ihren Preis. Fleisch hingegen bekommt man oft hinterher geschmissen. Ob das alles noch in Relation zueinander steht, ist fraglich. Wie kann es sein, dass ein Tetra Pak Kuhmilch weniger als die Hälfte einer Hafermilch kostet? Für erstere musste doch immerhin ein Lebewesen herhalten. Und obwohl ich das alles weiß, greife ich manchmal zur günstigeren Alternative. Einfach, weil es sie gibt.

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4. Das kleinere Übel

Nicht selten finde ich mich also vor dem Supermarktregal wieder und versuche abzuwägen, welches Produkt wohl das „kleinere Übel“ wäre. Nehme ich nun lieber das Bio-Produkt in Plastik verpackt? Sind die regionalen Eier vom Hof um die Ecke nachhaltiger als die mit dem „Ohne Kükenschreddern“-Siegel? Welche Milchalternative ist die ökologischste? Kann man es überhaupt noch vertreten, Avocados oder Mangos zu kaufen? Oder sollte ich bei regionalem Obst und Gemüse bleiben? Und wieso ist das alles so intransparent und schlecht gekennzeichnet? Bei weiterverarbeiteten Produkten ist es zum Beispiel gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu erkennen, woher die Inhaltsstoffe stammen und wie sie produziert wurden. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden, durchzublicken und eine gute Entscheidung zu treffen.

5. Trotzdem ein schlechtes Gewissen

Das Thema ist komplex, man kann nicht alles richtig machen. Deswegen darf man beim Einkaufen auch mal verzweifeln. Oft blicke ich auf meine Errungenschaften und habe trotzdem ein schlechtes Gewissen, weil ich wieder nicht auf meine geliebten Avocados verzichten wollte. Oder weil ich vor meinem inneren Auge schon den Plastikberg sehe, der aus dem Einkauf resultieren wird. Aber es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht darum, wieder ein Bewusstsein für unsere Lebensmittel, ihre Herstellung und ihre Herkunft zu schaffen. Und vielleicht müssen es in Zukunft ja nicht mehr die Äpfel aus Chile sein.

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Quelle: FAZ.NET
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