Kolumne

Fünf Dinge, die am Leben im amerikanischen Vorort nerven

Von Tatjana Heid, Nashville
18.08.2021
, 11:40
Amerikanischer Suburb in Florida.
Simpsons, Desperate Housewives, Reifeprüfung: Die amerikanische Suburb ist beliebte Kulisse für Geschichten jeder Art. Aber will man da leben? Die Kolumne „Fünf Dinge“.

1. Die Häuser sind eher Hütten

Meine Nachbarschaft ist ein Suburb-Klischee: liebliche Häuser, gepflegte Rasen, die ein oder andere US-Flagge. Doch nach den ersten zwei Wochen meines Journalistenstipendiums in Nashville kann ich sagen: Die Häuser sehen lieblich aus, aber sie sind furchtbar gebaut. Meist aus Holz, null gedämmt. Wenn die Klimaanlage aus ist, wird es innerhalb kürzester Zeit unerträglich warm. Die Wände könnten aus Butterbrotpapier sein, so dünn sind sie. Man hört alles, was im Haus vor sich geht. Als es neulich stark geregnet hat, kam ein Teil der Regenrinne runter. Die Türen und Schlösser sind so instabil, dass man sie ohne nennenswertes kriminelles Spezialwissen aufbrechen könnte.

Meine Mitbewohnerin hat auf meinen diesbezüglichen Hinweis nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Wir Amerikaner bauen eben gerne billig.“ Anschließend ist sie zur Bank gefahren, um dort wichtige Unterlagen einschließen zu lassen. „Sicherheitshalber, falls das Haus abbrennt.“ Angesichts der Bauweise hält sie das für ein realistisches Szenario. Ist es auch. Nicht weit von hier ist jüngst ein Haus abgebrannt. Und parken im Umkreis von Hydranten ist strengstens untersagt. Man weiß ja nie, wann die Feuerwehr mal wieder ran muss.

2. Alles sieht gleich aus

Die Grundstücke sind in etwa gleich groß, die Häuser gleich hoch, sie haben eine Doppelgarage, vor jeder steht mindestens ein Auto und vor dem Haus ein großer Baum. Die Briefkästen sind schwarz, der Rasen in den Vorgärten gleich hoch und weil sich unsere Hausnummer irgendwo in den Tausendern befindet, sind sogar die ersten beiden Ziffern identisch. Wenn der goldene Jeep meiner Mitbewohnerin nicht vorm Haus steht, fahre ich in der Regel dran vorbei. Einmal habe ich sogar auf dem Garagenvorplatz unserer Nachbarn geparkt, was mir erst auf dem Weg zu deren Haustür auffiel.

Und überall steht „Home sweet home“: auf Blechschildern im Vorgarten, als Willkommen an der Tür oder Bild im Fenster. Es ist, als hätten sich die Bewohner von Suburbs auf eine Art Uniform geeinigt. Zeichen des Patriotismus sind erlaubt, Blumen auch, aber bitte nichts allzu Extravagantes. Ich habe mich neulich ehrlich über ein „Trump. Keep America first!“-Schild gefreut. Das nämlich zeigt mir, wann ich von der einen endlos langen, endlos identischen Straße in die andere endlos lange, endlos identische Straße abbiegen muss.

3. Man sieht nur Autos, keine Menschen

Bisweilen überkommen mich beim Spaziergang postapokalyptische Vorstellungen, etwa dass ich die Einzige bin, die bei der Evakuierung der Erde vergessen wurde. Oder die letzte Überlebende nach einem Angriff von Außerirdischen. Denn man sieht kaum Menschen hier, weder auf der Straße noch vor den Häusern. Das ist seltsam, da die Veranden meist liebevoll gestaltet sind, mit Lichterketten, Schaukelstühlen, Blumen. Nur habe ich in zwei Wochen niemals einen Menschen gesehen, der auf ihnen verweilt hätte.

Irgendwie fehlt das Leben. Hinzu kommt, dass es an den Häusern keine Namensschilder gibt. Ein Haus hat eine Nummer, mehr nicht. Dass die meisten Häuser ohne Zaun auskommen, suggeriert eine Offenheit, die es nicht gibt. Die Häuser wirken wie Festungen. Rollos sind immer unten, Vorhänge zu. Hinter ihnen könnte alles passieren. Mrs. Robinson könnte Dustin Hoffman verführen oder Chucky, die Mörderpuppe, zum Leben erwachen. Es ist beklemmend.

4. Es gibt keine Bürgersteige

Natürlich sind die USA eine Nation der Autofahrer. Und ja, man braucht ein Auto, um von der Vorstadt in die Innenstadt zu kommen – zumindest in Nashville, wo der öffentliche Nahverkehr „very limited“ ist, wie meine amerikanischen Kollegen immer entschuldigend sagen. Aber ist das ein Grund, auf Bürgersteige zu verzichten? In meiner Nachbarschaft gibt es keinen einzigen, die Straßen reichen schlicht bis zum Vorgarten.

Wer mit dem Hund eine Runde dreht oder joggen will – was, wie mir scheint, die einzigen Tätigkeiten sind, denen in der Suburb ohne Auto nachgegangen wird –, muss auf der Straße gehen. Angenehm ist das nicht angesichts der Autodichte, selbst in reinen Wohngebieten mit zahlreichen Sackgassen. Lakonischer Kommentar meiner Mitbewohnerin: „Wieso willst Du auch spazieren gehen?“ Zur Ehrenrettung allerdings sei gesagt: Autofahrer reagieren geradezu herzig, wenn sie eine Fußgängerin wie mich sehen. Sie bremsen ab, fahren im Schritttempo vorbei und oft grüßen sie freundlich.

5. Es ist laut

Das mag verwundern angesichts der vorangegangen Darstellung der amerikanischen Suburb als lonely place. Und in der Tat sieht man Menschen zwar kaum, aber man hört sie. Irgendjemand fährt immer mit dem Auto vorbei, steht mit laufendem Motor vor dem Haus oder mäht den Rasen. Und da fast jeder einen Hund hat (wir sogar zwei), regt sich ständig irgendein Tier auf. Doch das Schlimmste ist der unfassbare Lärm, den die Zikaden machen – hier liebevoll der „sound of summer“ genannt.

Die Zikaden schlüpfen jährlich im Spätsommer aus der Erde und klettern auf Bäume – von denen es, wie gesagt, in der Suburb genug gibt. Und dort fangen die männlichen Tiere an, ohrenbetäubend laut zu zirpen. Sie machen das, um Weibchen anzulocken, denn so eine Zikade hat, einmal geschlüpft, nicht mehr viel Zeit um sich fortzupflanzen. Insbesondere in den Morgenstunden sind sie geradezu hysterisch. Thank God muss ich ihren Liebesliedern nicht mehr allzu lange lauschen. Die letzten vier Wochen des Stipendiums werde ich mitten in Nashville wohnen: weniger Bäume, mehr Menschen, und ja – leider noch mehr Autos. Aber man kann nicht alles haben.

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Kaffee-Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Heid, Tatjana
Tatjana Heid
Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.
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