<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Gesellschaftliche Extreme

Die Fitten und die Fetten

Von Florentine Fritzen
Aktualisiert am 03.11.2015
 - 08:57
Trend Selbstoptimierung: Fit zu sein macht nicht nur selbstbewusst, sondern steht auch für Erfolg und Zielstrebigkeit.
Unsere Gesellschaft fällt auseinander. Fit und fett bestimmen die Gegensätze. Die einen leben immer gesünder, die anderen immer ungesünder. Das sorgt für Zündstoff, nicht nur im Alltag.

Pat und Patachon bilden ein prima Team, Dick und Doof ergänzen sich prächtig, und Fix und Foxi sind sowieso unzertrennlich. Bei Fit und Fett ist das anders. Sie haben nichts gemeinsam, bewegen sich zunehmend in verschiedenen Welten. Gegensätze ziehen sich an? Nicht bei Fit und Fett. Wenn sie Gefühle füreinander zeigen, dann nur schlechte. Unverständnis ist noch das harmloseste. Öfter kommen Häme und Neid vor.

Fit und Fett sind keine Figuren aus einem Film oder einem Comic, sie sind nicht ausgedacht, sondern echt. Es gibt sie nicht nur einmal, sondern millionenfach, und beide, die Fitten und die Fetten, werden immer mehr. Man muss nur irgendeine Zeitschrift aufschlagen, schon ist da wieder eine Statistik: Deutsche immer dicker. Oder aber, scheinbar das genaue Gegenteil: Deutsche immer gesünder. Nach den aktuellen Zahlen ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. Besonders rasant ist die Zahl der stark Übergewichtigen gestiegen, Ärzte und Politiker sagen übereinstimmend: stark übergewichtig heißt oft auch ungesund und damit teuer. Jeder Sechste gehört heute in die Kategorie „adipös“: Der Body-Mass-Index liegt dann nicht nur über 25 wie bei den normal Übergewichtigen, sondern sogar über 30. Um das zu schaffen, muss eine Frau, die 1,65 Meter groß ist, 82 Kilo auf die Waage bringen. Mit der Zahl der richtig Fetten steigt die der Diabetiker, der Herz-Kreislauf-Patienten und der Leute mit Gelenkschäden. Und der Andrang auf Arztpraxen, Krankenhäuser und Reha-Kliniken.

Gesundheit ist sexy

Gleichzeitig wächst das Heer der Fitten. Wer mitten in der Stadt oder draußen im Wald spazieren geht, sieht sie rennen, Liegestütze machen, Schattenboxen, nach Feierabend auf dem Kinderspielplatz Klimmzüge üben. Wer mit ihnen im Büro arbeitet, sieht sie morgens die Treppe hoch sprinten, ständig die Werte des Fitnessarmbands kontrollieren und abends zum Dynamic Yoga, Energy Cycling oder Speedminton entschwinden. In die Kantine gehen sie nie. Dann schon lieber Mittagspause im Internet, wo sie Trainingsergebnisse und Trainingspläne austauschen. Manche posten Selfies von der derzeitigen Bizepsbeschaffenheit und Filme mit viel Ächzen, Schwitzen, Stöhnen. Also viel Leistung. Immer weniger Leute rauchen, immer mehr verzichten auf Alkohol und Zucker, immer mehr leben komplett clean und detox, also so gut wie ohne Gifte. Der Markt der Bioprodukte wächst, ein Ende ist nicht absehbar.

Unsere Gesellschaft klafft auseinander in Fit und Fett. Der Alltag der beiden Gruppen wird immer unterschiedlicher - und in den Unterschieden wird die Gruppenzugehörigkeit sichtbar. Das fängt früh an. In den Brotboxen der einen Schulkinder sind täglich Schmelzkäseecken und Karamellriegel, in den anderen Apfelstücke und einmal in der Woche als süße Ausnahme ein Amaranthriegel. Bei den Erwachsenen kochen oder ordern die einen Gerichte mit viel Gemüse und wenig Zusatzstoffen. Die anderen schieben panierte Discounter-Fertigkost in den Ofen und verfeinern mit Mayonnaise.

Essen kann auf zweierlei Weise ein gutes Gefühl geben, auch das prägt jeweils den Alltag. Die eine Weise erleben eher die Fetten: Essen befriedigt unmittelbar. Es wärmt, tröstet, stillt den Hunger. Doch das hält nie lange an. Um es wieder zu spüren, muss mehr Essen her. Die andere Art von gutem Gefühl ziehen eher die Fitten aus der Nahrung. Es ist das Gefühl, dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun, nicht zuletzt durch Verzicht. Ihm durch die gesunde Kost Vitamine und Mineralstoffe zu schenken, auf dass er so frisch wird wie der gerade verzehrte Gemüsesmoothie selbst. Auch dieses Gefühl ist kein Selbstläufer. Um es aufrechtzuerhalten, will der gesunde Lebensstil gepflegt sein. Die Fitten müssen sich also mehr anstrengen als die Fetten, aber sie werden dafür dauerhafter belohnt. Nicht nur mit einem guten Befinden, sondern auch mit dem Wissen: Ich schaffe etwas, was andere nicht schaffen. Fit zu sein macht selbstbewusst. Es steht für Erfolg, Selbstkontrolle, Zielstrebigkeit, während es den Fetten an alldem zu mangeln scheint. Und weil jeder sehen kann, wenn jemand fett ist, gibt es da auch nichts zu kaschieren. Wer nicht darunter leiden möchte, muss entweder dazu stehen oder abnehmen. Körpergewicht ist nicht nur etwas Persönliches. Es wird vom Umfeld beeinflusst, von Normen. Die wandeln sich immer mehr zugunsten der Fitten, und derzeit ist überhaupt nicht absehbar, dass Rokokofiguren jemals wieder in Mode kommen könnten. Stattdessen heißt der langfristige, auch von Zukunftsforschern ausgerufene Trend: Gesundheit ist sexy, und mit Gesundheit sind auf keinen Fall Apfelbäckchen gemeint, sondern schlanke, feste Körper mit dezenten Muskeln.

Geld und Uni-Abschluss machen schlank

Solche Körper stehen für Leistung, Status und Schönheit. Gleichzeitig war es nie leichter als heute, sich mit so einem normkonformen Körper trotzdem individuell abzugrenzen, sich mittels Ernährung, Wellness oder Sport ein scheinbar unverwechselbares Profil zu geben - ob als Veganer, Thalasso-Liebhaberin oder Kletterpark-Fan. Auf der anderen Seite war schlechtes Essen nie so verfügbar wie heute. Minderwertiges Fleisch aus Massentierhaltung kostet fast nichts mehr, die Chipsregale wachsen mit den Packungsgrößen, in jeder Kleinstadt gibt es gefühlt alle paar Wochen ein Event mit Fressständen, und überhaupt gehörte die öffentliche Nahrungsaufnahme nie so sehr zum vermeintlich schönen Leben wie heute. Hier eine Blätterteigschnecke vom Bäcker direkt auf die Hand, dort ein Lachsröllchen vom fliegenden Buffet, hier ein Eis und dort ein Glühwein. Man gönnt sich ja sonst nichts, arbeitet doch so hart, und dann ist doch gerade Wochenende/Mittagspause/kinderfreier Vormittag. Dieses Verhalten macht dick und auf die Dauer auch fett.

Es erscheint logisch, dass in einer Gesellschaft, die extrem auf Arbeitskraft, Kaufkraft und Konsum ausgerichtet ist, die Fitten wie die Fetten immer mehr werden. Es gibt aber auch ganz handfeste soziale Gründe, die erheblichen Einfluss darauf haben, in welcher Kategorie jemand landet: Fit oder Fett. Es gibt eine Wissenschaft, die nennt sich Sozialepidemiologie - eine Mischung aus Soziologie und Medizin. Sozialepidemiologen fragen, welchen Einfluss etwa Einkommen, Bildung und die Tatsache, ob jemand einen Job hat, auf das Gewicht haben. Die Antwort: einen großen. „Die Prävalenz von Adipositas ist wesentlich geringer bei Personen mit hohem sozioökonomischem Status“, heißt es in einer Studie zusammenfassend. Will sagen: Wer Geld, einen Uniabschluss und einen guten Beruf hat, ist wahrscheinlich schlank. Umgekehrt ist, wer einen niedrigen Sozialstatus hat, eher dick und krank.

Kassen belohnen die Fitten

Er beansprucht auch öfter Leistungen aus dem Krankenversicherungssystem. Ist das selbst verschuldet, weil er fett ist? Oder die Schuld der Gesellschaft, weil Armut eben dick macht? Noch gilt bei den Krankenkassen der Grundsatz der Solidargemeinschaft: Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen. Aber je mehr Starke und Schwache - Fitte und Fette - es gibt, desto brüchiger wird der Konsens. Politiker halten sich mit Forderungen, Dicke müssten mehr einzahlen als Dünne, zurück. Aber in Foren und Leserbriefen und im Gespräch unter Fitten wird das längst gefordert. Fit verachtet Fett. Da schwingt auch Stolz mit: Tja, ich schiebe bei Einladungen eben immer den Nachtisch weg. Fett beneidet Fit vielleicht, aber die Energie fehlt, etwas zu ändern.

Hinzu kommt ein Anspruchsdenken: Wir sind es gewohnt, dass die Krankenkasse zahlen soll, und wenn sie nicht zahlt, dann haben immer noch viele Verständnis, wenn Betroffene meckern. Aber auch das könnte sich ändern. Das zeigt ein Blick auf die Belohn-Systeme der Kassen: Sie sind längst etabliert. Wer Gesundheitskurse nachweist, bekommt Geschenke oder einen besseren Tarif. Viele Fitte würden der Kasse dafür auch ihre Fitnessdaten zur Verfügung stellen - sie haben ja nichts zu verbergen, im Gegenteil: nur Erfolge vorzuweisen.

Doch die Fitten dürfen nicht vergessen, dass fett und krank nicht dasselbe ist. Auch wenn viele Krankheiten vom Übergewicht kommen, ist nicht jeder Dicke auch krank. Oder gar jeder Kranke selbst schuld, weil er sich nicht konsequent genug fit gehalten hat. Die Kosten des Gesundheitssystems steigen vor allem aus einem rein demographischen Grund: weil es mehr Alte gibt und damit mehr chronisch und mehrfach Kranke. Wobei, und hier kommt das Übergewicht doch wieder ins Spiel, das Körpergewicht mit dem Alter steigt.

Übergewichtige haben keine Lobby

Überhaupt gibt es zwischen Fit und Fett ein riesiges Zwischenreich. Da sind die Molligen, die Kräftigen, die mit den guten Vorsätzen, die mit Normalfigur, aber Bauchansatz oder dickem Po. Ob jemand eher Richtung Fit oder Richtung Fett tendiert, entscheidet sich oft im nicht mehr ganz jungen Erwachsenenalter, wenn Weichen gestellt werden. Paare werden oft zusammen moppeliger, während Leute, die noch auf Partnersuche sind, länger schlank bleiben. Wer im Studium oder in der Ausbildung noch regelmäßig Fahrrad gefahren oder schwimmen gegangen ist, kommt im Beruf plötzlich nicht mehr dazu - und hat nach einem Jahr im Büro plötzlich ein paar Kilo mehr auf den Rippen. Natürlich dient der anstrengende Job samt fettem Kantinenessen oft auch als Ausrede, obwohl es natürlich nach wie vor möglich wäre, sich morgens, abends oder wenigstens am Wochenende aufzuraffen. Genauso lautet ein verbreitetes Vorurteil, wer kleine Kinder habe, könne eben keinen Sport mehr machen (außer allenfalls Vormittagskurse wie „MommyFit“ oder „Fit dank Baby“). Da wird gerne verdrängt, dass Laufen auch mit Kinderwagen möglich und dass ein Crosstrainer für daheim durchaus erschwinglich ist.

Auf jeden Fall schleichen sich in den Jahren zwischen Mitte zwanzig und vierzig, in denen der Körper auch noch Jahr für Jahr weniger Kalorien braucht, um das Gewicht zu halten, schlechte Gewohnheiten ein. Hinzu kommt, dass Leute in dieser gern völlig überzogen, aber nicht ganz falsch „Rushhour des Lebens“ genannten Phase oft sehr fokussiert sind, um ihr Programm zu schaffen. Sie denken in Distanzen zum Ziel und halten diese so kurz wie möglich: lieber schnell mit dem Auto zum Termin, zum Einkaufen oder Kinderturnen, als aufwendig zu Fuß oder mit dem Rad. Ein paar Gläschen Wein oder Bier zum Stressabbau sind in dieser Lebensphase ebenfalls beliebt. Bei den meisten im Zwischenreich fällt bald die Entscheidung: Achte ich auf mich oder lasse ich es? Und dann entwickelt sich der Bauch entweder in Richtung Sixpack oder in Richtung Plauze.

Die Fitten haben die Politik auf ihrer Seite. Unermüdlich entwerfen Ministerien Programme, und die Guten werden belohnt. In der Kita gibt es eine Urkunde für den zuckerfreien Vormittag, im Altersheim ein Lob für den Tanzkurs, im Job eine Prämie fürs Fahrradfahren zur Arbeit. Mit der Prävention dringt die Politik auch in Arztpraxen, Krankenkassen und Schulen ein. Strafen wie eine Junk-Food-Steuer gibt es noch nicht, obwohl sie hin und wieder auch deutsche Politiker fordern. Aber strenge Hinweise wie Kalorienangaben auf Verpackungen setzen sich durch. Der Rückgang des Rauchens zeigt, dass Aufklärung etwas bewirkt. Aber dasselbe Beispiel zeigt, dass sich Raucher mitunter diskriminiert fühlen. Kommt bald eine flächendeckende Kampagne gegen Übergewicht? Ist Fettsucht das neue Laster, das ausgerottet werden muss? Wie werden die Fetten, wie die Fitten darauf reagieren? Für Dicke wäre die Stimmung, die daraus folgen müsste, ungleich unangenehmer - schließlich kann man seine Körperfülle in der Öffentlichkeit nicht verbergen. Noch stärker als jetzt würden wir eine Zweiklassengesellschaft aus Fit und Fett. Im schlimmsten Fall gälten Dicke als asozial, weil sie sich dem politisch gewollten Mainstream widersetzten. Das ginge zu weit, zumal es auch Fitte manchmal krankhaft übertreiben. Sportsucht und Orthorexie, die manische Beschäftigung mit gesundem Essen, sind noch recht selten. Aber sie verbreiten sich. Noch sind sie nicht als eigenständige Krankheiten anerkannt. Aber auch das wird kommen. Fettsucht und Fitsucht - auch diese Extreme berühren sich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.