Hochzeit trotz Pandemie

Wer sich jetzt noch traut

Von Jennifer Wiebking
09.12.2020
, 21:53
Mit Kontaktbeschränkungen auf privaten Feiern hat unsere Eventgesellschaft in der Corona-Pandemie eine Pause einlegen müssen. Geheiratet wird jetzt anders – aber mindestens mit Eheringen.

Wenn sie könnte, würde sie so feiern: „In Griechenland, in einer kleinen Kapelle zwischen Olivenhainen. Tische draußen. 60, 70 Mann.“ Auch dann würde Alexandra Papadea wohl hier stehen, Monate vor dem Fest, an einem Herbsttag, an der Düsseldorfer Königsallee. Gäbe es kein Corona, würde die 32-Jährige, die im öffentlichen Dienst tätig ist, mit ihrem Freund jetzt einfach so in den Laden von Tiffany & Co. gegenüber spazieren und Ringe anprobieren, in Vorfreude auf die Party in Griechenland im kommenden Jahr.

Das soll nicht heißen, dass sich Alexandra Papadea und ihr Verlobter nicht trotzdem freuen. Sie heiraten im kommenden Jahr – trotzdem. „Auf dem Standesamt in Köln.“ Altstadt anstelle von Olivenhainen. „Auch sehr schön.“ Deshalb sind sie heute auch nicht einfach so von Köln nach Düsseldorf gekommen. „Ich habe zwölf Jahre auf den Antrag gewartet“, sagt Papadea und lacht. Weil sie und ihr Partner nicht länger warten wollten, auf eine Zeit irgendwann nach Ende der Pandemie, stehen sie jetzt in der Warteschlange vor Tiffany. Warten auf Eintritt, um Ringe auszusuchen.

Ein Samstag im Herbst. Vor den Juwelieren in der Fußgängerzone, vor Tiffany, Cartier, vor 123 Gold, sieht es aus wie im Frühjahr vor Rewe. Der Einlass ist reglementiert, die Schlangen nicht gerade kurz. Manchmal sind es drei Paare, die warten, manchmal zehn. Für die Luxusindustrie könnte das ein schönes Bild sein, um Begehrlichkeiten zu wecken. Wäre Shopping mit Maske nicht alles andere als unbeschwert. Würden nicht auch die Spenderflaschen mit Desinfektionsmittel am Eingang an das Risiko erinnern. Wären Abstand und die damit verbundene maximale Zahl an Kunden auf begrenztem Raum nicht entscheidend für das Infektionsgeschehen.

Online einkaufen, so oft wie möglich

Wenn sich das Geschäft in der Vergangenheit zunehmend aus den Fußgängerzonen Richtung online verschoben hat, dann beschleunigt die Pandemie die Entwicklung in diesem Jahr. Viele Händler sind nicht darauf vorbereitet. Viele Kunden wiederum meiden belebte Einkaufsstraßen oder kommen nur, wenn sie müssen. Also zum Beispiel diejenigen, die sich entscheiden zu heiraten, zum Anprobieren der Ringe.

2020 werden es weniger sein als in den Vorjahren. Die Zahl der Eheschließungen ist im ersten Halbjahr gemäß Informationen des Statistischen Bundesamtes um 17,3 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019 zurückgegangen. Über Wochen blieben Standesämter geschlossen oder trauten nur einige wenige Paare. Viele andere verlegten den Termin von sich aus.

Für Alexandra Papadea, die wie alle Heiratenden in diesem Stück anders heißt, und ihren Verlobten ist es der zweite Termin bei Tiffany. Die einschlägigen Juweliere im Umkreis hat sie bereits abgeklappert. „Es waren mehr, als dass ich deren Namen im Einzelnen aufzählen könnte“, sagt Papadea. Der Antrag kam im Sommer, im Urlaub in Griechenland. Auch den Verlobungsring hatte der Freund zuvor bei Tiffany gekauft. Ein großer Stein in der Mitte, ein Prinzessinnenring.

Die Ringe sind geblieben aus der Blütezeit der Eventgesellschaft, der Corona in diesem Jahr ein jähes Ende bereitet hat. Runde Geburtstage, Taufen, Einschulungen, Kommunionen und Konfirmationen und vor allem: Hochzeiten. Das waren in den zehner Jahren Gelegenheiten für immer pompösere Festlichkeiten mit Save-the-Date-Karten, Gästebüchern, großzügigen Gruppengeschenken, Goodies der Gastgeber an die Gäste. Mit Reden, Fotoboxen und Darbietungen. Das alles nicht selten in Verbindung mit einer mehrtägigen Reise an einen entlegenen Ort.

Auch in diesem Sommer tauchte das Wort „Hochzeit“ häufig in Zeitungsartikeln auf, nur jetzt in einem anderen Zusammenhang, als Superspreader-Event, als Infektionstreiber. Sollte man Feste jetzt und in absehbarer Zukunft feiern, wie sie fallen, dann in viel kleinerem Rahmen. Vielleicht zu viert, mit den Angehörigen des eigenen Haushaltes. Vielleicht irgendwann und auch ohne Weihnachten wieder zu zehnt. Darauf hofft Alexandra Papadea an diesem Samstag. Am 16. Januar möchte sie ihren Freund eben auf dem Standesamt in Köln heiraten: Alles daran ist ungewiss. „Man weiß nicht, was im Januar ist.“ Ob sie anschließend in ein Restaurant gehen können. Ob sich dort zehn Personen treffen dürfen. „Die Familie, Trauzeugen, dann sind wir schon zu zehnt.“

Hoffen anstelle von Hinfiebern auf ein Fest. Hoffen zum Beispiel auch, dass das eingravierte Datum auf der Innenseite der Ringe am Ende noch stimmt. Ein paar Straßen weiter an diesem Samstag steht ein Paar vor 123 Gold. Sie 44, er 46. Für beide ist es die erste Hochzeit. Sie strahlen, als würden die Mundwinkel gleich die Ohrläppchen berühren. „Wir haben gekauft“, sagt sie. Einen Ring mit Steinen und einen schlichten. Im Juli soll es so weit sein. „Wir gehen mal davon aus, dass wir dann mit 40 Gästen feiern können.“ Der Antrag kam im vergangenen Jahr auf Mauritius am Strand. Diesen Sommer haben Freunde geheiratet. „Da war natürlich mehr Maske, aber trotzdem war es ein schöner Tag.“ Der soll es auch bei ihnen werden, auf dem Landgut mit Kapelle an der holländischen Grenze. Ungutes Gefühl? „Für mich ist es okay“, sagt sie. Gefragt haben sie trotzdem, was im Falle einer kurzfristigen Absage mit den Ringen passiert. Wann diese spätmöglichst graviert werden könnten.

Für die Hochzeit sind sie elementar. Sie sind das physische Symbol von Ehe. Ringe, so scheint es, sind schon beinahe so lange Ausdruck von Zusammengehörigkeit, wie Menschen Verbundenheit zueinander zeigen.

Christine Lüdeke, die an der Hochschule Pforzheim den Studiengang Schmuck leitet, in jener deutschen Stadt mit langer Schmucktradition, verweist auf Fundstücke wie die ältesten bekannten Ringfragmente von vor 21.000 Jahren aus Mammutelfenbein und auf die Bedeutung von Ringen als Zeichen des Zusammengehörens im Alten Ägypten. In der Antike habe man sie auf dem vierten Finger der linken Hand getragen, weil man glaubte, die vena amoris führe von dort direkt zum Herzen. „Man weiß, dass sich der Mensch schon geschmückt hat, bevor er sich Kleider angezogen hat“, sagt Lüdeke. „Gemeinsamkeit, Zugehörigkeit, ewiges Leben“, dafür stehe der Ring historisch. „Es geht auch darum, wie der Ring auf den Körper kommt. Der Akt des Anlegens, den Finger durch den endlosen Ring zu stecken, weist symbolisch darauf hin, durch dieses Portal in unbekannte Welten zu gehen“, so Lüdeke.

In der westlichen Welt der Neuzeit dauerte es allerdings, bis der Ring zur Requisite beider Ehepartner wurde. „Das hat sich erst mit dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt“, sagt Lüdeke. „Die Männer haben den Ring zum Krieg getragen, um ihre Partner so symbolisch dabeizuhaben. Viele haben ja auch noch geheiratet, kurz bevor der Mann in den Krieg zog.“

Der Ehering blieb, nach den Weltkriegen und in den Siebzigern, als zu heiraten als spießig galt. „Das Gewicht am Finger und der haptische Bezug macht ihn in seiner Bedeutung aus.“

Ringe statt Hochzeitstorte

Der Ring ist ein Muss. So sehen es auch Katharina Leiß, 26, und Markus Günther, 34, die sich erst seit wenigen Wochen kennen und an diesem Samstag gerade bei 123 Gold Ringe ausgesucht haben. Zusammen sind sie seit dem 1. September, verlobt seit dem 30. September, und sofern alles geglückt ist, nun, im Dezember, verheiratet. Auf die Torte zum Beispiel wollen sie verzichten. Die Ringe aber sind wichtig.

Das sind sie auch für Misaki Tanaka, 27, und Oliver Meier, 34. Heute, einige Wochen nach der Hochzeit, hat das junge Ehepaar noch einmal beim Trauringspezialisten Niessing vorbeigeschaut. Dort hat es die Ringe gekauft. „Wir waren noch mal da, um der netten Verkäuferin ein paar Fotos der Hochzeit zu zeigen.“ Die Planung sei nicht einfach gewesen. Tanakas Familie aus Japan habe nicht anreisen können und war auf dem Standesamt per Facetime dabei. „Es war eine sehr kleine Feier mit insgesamt zwölf Personen.“ Sie wollen nachfeiern. Irgendwann, in Japan.

Noch mal größer heiraten, mit mehr als zehn Personen und kirchlicher Trauung, das alles in Griechenland, das wünscht sich auch Alexandra Papadea, die mit ihrem Verlobten vor dem Tiffany-Laden in der Warteschlange steht. „Im Jahr 2022“, sagt sie, „hoffentlich.“

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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