Ausgesetztes Federvieh

Von Hühnern und Hipstern

EIN KOMMENTAR Von Melanie Mühl
Aktualisiert am 03.11.2020
 - 13:30
Dieses kleine Hühnerwesen ahnt nicht, was ihm blüht
Hühner sind beliebte Haustiere, besonders seit der Corona-Pandemie. Doch viele Halter sind heillos überfordert und versuchen, die Tiere wieder loszuwerden.

Früher, als die Welt des freilaufenden Huhns, das reichlich Einstreu zum Scharren und Sitzstangen zum Ruhen hatte, noch halbwegs in Ordnung war, sangen die Comedian Harmonists „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn, ich hätt’ nicht viel zu tun, ich legte vormittags ein Ei und abends wär’ ich frei.“ Was waren das für Zeiten! Inzwischen hat sich nicht zuletzt pandemiebedingt auch das Hühnerleben gehörig verändert, ja, man könnte sogar sagen, dass sich das Huhn kaum mehr vor den Begehrlichkeiten stadtmüder Städter retten kann. Dabei stand das Huhn als kuschelig lustiges Haustier bereits hoch im Kurs, bevor unser Aktions- und Spaßradius eingeschränkt wurde – seit Jahren möchten ja immer mehr vermeintliche Tierfreunde lieber frisch gelegte Eier aus dem eigenen Garten holen als sie im Supermarkt zu kaufen. Wenn schon kein Haus auf dem Land, dann eben etwas Landleben ums Haus. Leider verfliegt die anfängliche Begeisterung bei vielen Anschaffungen rasch, was, handelt es sich um ein staubansetzendes Rudergerät, nicht weiter dramatisch ist. Aber zumindest zehn Minuten Zeit am Tag muss man seiner kleinen Hühnerschar schenken, wozu im Winter gehört, große Kämme mit Vaseline zu schützen, damit es nicht zu Erfrierungen kommt.

Der Ferrari unter den Ställen

Über einen Eglu Cube, den Ferrari unter den Hühnerställen mit raubtiersicherem Auslauf, dürften sich die Tiere ebenfalls freuen. Jedenfalls – und jetzt denken Sie sicher sofort: ha, war ja klar, die Hipster wieder! – schlug bereits vor zwei Wochen ein Berliner Tierheim Alarm und rief den „Hühner-Notstand“ aus, was bei der aktuellen bundesweiten Notstandslage freilich leicht untergehen kann. Allerdings, der Gerechtigkeit halber, muss man erwähnen, dass nicht nur in Berlin überforderte Hühnerhalter kapitulieren, sondern auch im Süden des Landes, wo am Waldeingang von Rothenlachen Hohenbrühl bereits im Sommer 35 Hühner ausgesetzt wurden: Steigt man erst einmal in die Hühnerrecherche ein, öffnet sich ein weites, trauriges Feld.

Dabei gilt auch bei der Geflügelhaltung, dass Übung den Meister macht. Wer auf die Hühnerpsyche pfeift, die offenbar Kontinuität schätzt, kann sich fürs Erste ein paar Hühner samt Unterkunft leihen und die Tiere testen.Hühnerfreundlicher ist es, Bernhard und Renate Zehs Hühnerensemble zu lauschen. „Hühner, die 1. CD zum Ei“ wartet mit Stücken wie „Morgenstunde im Hühnerstall“, „Henn und Egg“, und „Erste Schreie“ auf wobei das Gegacker von Tageszeit, Licht und Futterlage abhängt. Bei einer Neuauflage müsste allerdings ein Stück hinzukommen: „Ich wollt’, ich wär’ kein Huhn“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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