Beziehungskolumne

„Kannst du nicht mal leiser atmen?“

Von Anna-Lena Ripperger
19.01.2022
, 06:27
Die eine will noch lesen, den anderen stört das Licht – was tun, wenn der Schlafrhythmus des anderen nicht zu einem passt?
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Der Freund unserer Autorin kann ohne ihre Anwesenheit schlecht einschlafen. Was sie zu Beginn romantisch fand, empfindet sie nun als emotionale Erpressung. Aber was tun, wenn der Schlafrhythmus des anderen nicht zum eigenen passt? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“
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Wenn ich von Paaren mit getrennten Schlafzimmern höre, werde ich neidisch. Egal, ob der Grund für die nächtliche Separation Schnarchen, kleine Kinder oder Nachtschichten sind. Ich würde so ziemlich alles in Kauf nehmen, um endlich wieder allein schlafen zu gehen – und vor allem, wann und wie ich will. Kurz vor Mitternacht oder erst um halb vier, lesend, Tee schlürfend oder mit einer dicken Schicht Erkältungsbalsam auf der Brust. Aber leider sind meine Nächte fremdbestimmt, seit ich mit meinem Freund zusammenlebe.

Vor zehn Jahren, am Anfang unserer Beziehung, fand ich es noch schmeichelhaft, dass er angeblich besser einschlafen kann, wenn ich neben ihm liege. Inzwischen fühle ich mich von dieser Behauptung emotional erpresst. Vor allem, weil es dabei weniger um mich zu gehen scheint als um die richtigen Rahmenbedingungen für seine Erholung.

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Das fängt mit den Geräuschen an. Ich soll zusammen mit ihm das Nachttischlicht ausmachen, weil ich dann erstens nicht mehr in der Wohnung herumklappern kann, während er versucht einzuschlafen, und ihn zweitens auch nicht störe, wenn ich zu einem späteren Zeitpunkt ins Bett krieche. (Dabei habe ich es inzwischen perfektioniert, ganz, ganz leise die Tür zu öffnen, wieder zu schließen und mich bis zu meiner Bettseite zu schleichen – besser könnte das James Bond auch nicht machen. Das einzige mit menschlichem Gehör wahrnehmbare Geräusch ist das Knarren des Lattenrosts, wenn ich mich vorsichtig auf die Matratze und unter die Decke rolle.)

Die Schlafenszeiten stimmen nicht

Ich selbst habe unerhört gute Schlaffähigkeiten, die ich schon oft im Kino, im Theater oder auf Partys unter Beweis gestellt habe. Geräusche sind für mich kein Hindernis, wenn ich wirklich müde bin. Aber das Bedürfnis nach Stille beim Einschlafen kann ich zumindest auf rationaler Ebene nachvollziehen.

Anders verhält es sich mit der bevorzugten Schlafenszeit meines Freundes. Die ist zwischen 22 und 22.30 Uhr. Aber mal ehrlich, kein vernünftiger Mensch geht zu dieser Zeit freiwillig ins Bett, wenn er nicht krank ist, am nächsten Morgen Frühdienst hat oder den ganzen Tag von kleinen Kindern auf Trab gehalten wurde. Um 22 Uhr haben die „Tagesthemen“ noch nicht begonnen, und an einem Kneipenabend mit Freunden hat man sich da – in vorpandemischen Zeiten – gerade noch ein weiteres Getränk bestellt. Mein Tag kann zu dieser viel zu frühen Uhrzeit noch nicht zu Ende gehen. Und vor allem nicht nur deshalb, weil es jemand anderes gerne so hätte.

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Dabei wäre ich durchaus kompromissbereit. Ich würde mich jederzeit auf eine „Schon ins Bett gehen, aber noch lesen“-Lösung einlassen. Aber in Büchern lesen ist böse, weil die Lampe zu hell leuchtet. Handynachrichten lesen ist böse, weil der Bildschirm zu hell leuchtet. Und selbst Podcasts zu hören ist böse, weil das winzige Licht an den Kopfhörern zu hell leuchtet. Meine Hinweise auf eine im Haushalt vorhandene Schlafbrille und eine (von ihm gekaufte) Vorratspackung Ohropax ignoriert er geflissentlich.

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So wenig wie mein persönlicher Kim Jong-un im Schlafzimmer bereit ist, seine Rituale zu ändern, so gerne verurteilt er meine. Jede Tasse Tee, die ich mit ans Bett bringe, wird mit missbilligenden Blicken gestraft, weil sie „den Prozess“ – mein Freund ist Informatiker – verzögert. Duftende Nachtcremes werden im Schlafzimmer auch nicht akzeptiert, und die Höchststrafe steht auf Erkältungsbalsam, weil der, ich zitiere, „nach altem Mann riecht“. Nur Wärmflaschen werden toleriert, solange das heiße Wasser für sie vor 22 Uhr gekocht wurde.

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Ich reagiere auf all diese ungeschriebenen Schlaf-Paragraphen mit stillem Protest. Ich trödele im Bad herum, spüle und poliere sehr gründlich benutzte Weingläser, oder ich gebe vor, dringend noch etwas für die Arbeit tun zu müssen. Auf die immer ärgerlicher werdenden „Wann kommst du?“-Rufe aus dem Schlafzimmer reagiere ich routiniert mit einem immer ärgerlicher werdenden „Gla-heich“.

Mein passiver Widerstand wird aber spätestens dann gebrochen, wenn mein Freund noch einmal das Bett verlässt, um seinem Anliegen durch Präsenz Nachdruck zu verleihen. Völlig zerknautscht steht er dann barfuß im Flur und fragt mit einer Schärfe in der Stimme, die man einem so schläfrigen Menschen überhaupt nicht zutrauen würde: „Was machst du denn noch? Komm ins Bett!“

In jenen Momenten schlägt mein Ärger in Mitleid um, oder besser: in Schuldbewusstsein. Da kann jemand wegen mir nicht schlafen, obwohl er doch so müde ist. Dabei muss er am nächsten Morgen sogar noch früher auf der Arbeit sein als ich. Aber spätestens dann, wenn ich ein paar Minuten später hellwach im Bett liege und sein manipulatives Spiel durchschaut habe, ist der Ärger wieder da und noch größer als zuvor: Wie kann er es wagen, mir permanent seinen Schlafrhythmus aufzuzwingen? Und warum lasse ich das überhaupt mit mir machen?

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Meine Versuche, das Getrennt-Schlafen über die Hintertür einzuführen, sind bisher leider nicht so erfolgreich wie seine nächtlichen Flur-Performances. Immer, wenn ich weiß, dass ich erst spät abends nach Hause kommen werde, frage ich scheinheilig: „Soll ich auf dem Sofa schlafen? Dann störe ich dich später nicht.“ Seine Antwort ist immer dieselbe. „Nein.“ Auf meinen Einwand, dass ich womöglich leicht angetrunken sein und so sicher Lärm verursachen werde, erwidert er schlicht, das sei ihm in diesem Fall egal. Wenn er schon mal geschlafen habe, sei das nicht so schlimm. Dass Menschen, die sich lieben, die Nacht im selben Bett verbringen, ist für ihn offenbar der Inbegriff von Paarbeziehung, wichtiger als Sex, ein geteilter Spotify-Account oder ein Haushaltskonto.

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Lange dachte ich, ich sei mit meinem Leid allein. Aber als ich Freundinnen bei einem gemeinsamen Urlaub von diesem Schlaf-Terror erzählte, ereiferte sich eine von ihnen mit mir: „Das kenne ich“, sagte sie voller Mitgefühl. „Das ist schlimm. Ich darf mich im Bett nicht mehr bewegen, wenn mein Mann einschlafen will. Und manchmal sagt er zu mir: Kannst du nicht mal leiser atmen?“ Da war mir klar, dass ich nicht die Einzige bin, die mit einem Schlaf-Diktator zusammenlebt.

Wenn Sie sich in diesen Zeilen auch wiedererkennen, schreiben Sie mir. Vielleicht können wir eine Selbsthilfe-Gruppe gründen. Oder eine WG mit lauter Einzelbetten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ripperger, Anna-Lena
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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