Beziehungskolumne

Der erste Kuss

Von Alexandra Dehe
22.09.2021
, 05:58
Magischer Moment: Der erste Kuss zwischen zwei Menschen kann der Beginn einer großen Liebe sein.
Der erste Kuss zwischen zwei Menschen kann alles und nichts bedeuten, findet unsere Autorin. Warum es sich dabei um einen magischen Moment handelt, beschreibt sie in der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Zum ersten Kuss gehört Mut. Vielleicht ist das der Grund, warum sich jeder an seinen ersten Kuss erinnern kann. Ich weiß noch, wie unsicher ich damals mit 15 war und was für eine Überwindung es mich gekostet hatte, dem Jungen, der vor mir stand, immer näherzukommen – bis sich unsere Lippen schließlich berührten. Die Umgebung wurde mit einem Mal unscharf, und für einen kurzen Moment gab es nur noch uns beide.

Seitdem hatte ich einige weitere erste Küsse in meinem Leben. Trotzdem fühle ich mich auch heute noch wie das 15 Jahre alte Mädchen von damals, wenn der Kuss kurz bevorsteht: Neugierig, etwas unsicher – und zugleich voller Spannung und Erwartung.

Der Moment des Zögerns

Vor jedem ersten Kuss ist dieser Moment des Zögerns. Wir halten kurz inne, weil wir uns nicht sicher sind: Ist jetzt wirklich schon der richtige Zeitpunkt? Oder sollten wir nicht doch noch etwas warten? Und: Warum machen wir uns eigentlich so verdammt viele Gedanken?

Vielleicht, weil sich mit dem ersten Kuss zwischen zwei Menschen alles ändern kann. Der Kuss gibt einen Vorgeschmack auf alles, was folgen soll, und Antworten auf so viele Fragen, die wir niemals laut stellen. Kann ich den anderen nicht nur gut riechen, sondern auch schmecken? Fühle ich etwas in dem Moment? Passt es auf körperlicher Ebene zwischen uns? Nach dem Kuss wissen wir es. Auch, ob der allseits bekannte Funke übergesprungen ist, merken wir spätestens dann.

Ein erster Kuss ist wie die Eröffnung beim Schach: Niemand kann in diesem Augenblick voraussagen, was als Nächstes passieren und wie das Ganze ausgehen wird. Der Moment ist einmalig und unwiderruflich. Und genau das ist das Magische daran.

Deshalb ist ein erster Kuss aber auch immer mit einem Risiko verbunden. Ich habe mal jemanden kennengelernt, mit dem ich auf Anhieb auf einer Wellenlänge war. Wir verstanden uns blendend, doch als wir uns beim zweiten Treffen dann näher kamen, fand ich ihn nicht mehr anziehend. Es hat kusstechnisch einfach nicht gepasst zwischen uns. Weil wir uns so gut verstanden haben, halten wir seitdem freundschaftlichen Kontakt. Doch dieser Kuss hat dafür gesorgt, dass aus uns kein Paar geworden ist.

Der Kuss als große Wende

Nicht selten kann ein erster Kuss auch die große Wende oder das Finale einer Geschichte bilden, auf das alles zuläuft. Einer meiner liebsten ersten Küsse in der Literatur ist der von Jay Gatsby und Daisy Buchanan, der in der deutschen Übersetzung von Fitzgeralds Gatsby wie folgt beschrieben wird:

„Sein Herz klopfte schneller und schneller, als Daisys weißes Gesicht sich dem seinen näherte. Wenn er sie jetzt küsste und seine unaussprechlichen Visionen für immer mit ihrem vergänglichen Atem mischte, würde sein Geist nie wieder solch göttliche Kapriolen schlagen, das wusste er. […] Dann küsste er sie. Als seine Lippen auf ihre trafen, erblühte sie für ihn wie eine Blume, und die Inkarnation war vollkommen.“ Gatsby kann den Kuss mit Daisy nie wieder vergessen. Alles, was er später unternimmt, die ausschweifenden Feste, die er gibt – immer in der Hoffnung, Daisy möge dort auftauchen – zielen darauf ab, dieses Gefühl der Vereinigung zwischen den beiden wiederherzustellen. Auch wenn Gatsby vielleicht schon beim Kuss ahnt, dass eine aufrichtige Beziehung zwischen ihm und der sozial höher gestellten Daisy eher weniger realistisch ist.

Doch der erste Kuss mit jemandem muss nicht immer der Beginn von etwas Größerem sein. Er kann auch so bedeutungslos sein, dass man sich am nächsten Morgen nicht einmal richtig daran erinnern kann, wie es dazu gekommen ist. So viele einander vollkommen fremde Menschen begegnen sich jedes Wochenende – meist nicht mehr nüchtern – und knutschen nach ein wenig Smalltalk und zwei Bier zu viel miteinander. Danach geht jeder seines Weges, und sie werden wieder zu Fremden.

Warum sich Menschen überhaupt küssen, darüber sind sich Forscher bis heute nicht einig. Der Begriff Osculogie bezeichnet diese Wissenschaft. Das Wort ist vom lateinischen Wort obsculum abgeleitet worden, das sowohl für den Kuss an sich, als auch für „Mündchen“ steht. Auch wenn die Situation immer wieder eine andere ist, so ist uns das Küsschen an sich so vertraut wie Händeschütteln.

Gibt es den richtigen Zeitpunkt?

Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten, wann der richtige Zeitpunkt für den ersten Kuss ist, scheiden sich die Geister. Eine Freundin von mir hält an ihrem Prinzip fest, niemals beim ersten Date zu küssen. Eine andere erzählt mir: „Ich habe für mich gemerkt, dass es aufregender sein kann zu warten. Wenn ich jemanden mag und noch besser kennenlernen will, warte ich lieber darauf, dass sich langsam die Spannung zwischen uns aufbaut.“

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Ich glaube, dass es dabei kein Richtig oder Falsch gibt. Direkt nach der ersten oder auch erst nach der fünften Verabredung. Vor der Haustür, zu Hause auf dem Sofa, oder mitten auf einer Tanzfläche – umringt von hundert fremden Menschen. Was der richtige Moment und der richtige Ort dafür ist, entscheidet allein unser Gefühl.

Quelle: FAZ.NET
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