Beziehungskolumne

Mein erster deutscher Freund

Von Šejla Ahmatović
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 08:32
Seit diesem Sommer ist unsere Autorin zum ersten Mal mit einem Deutschen zusammen.
Unsere Autorin ist Deutsche und Serbin zugleich. Eigentlich dachte sie immer, dass sie sich als Partner jemanden mit ähnlichem Hintergrund wünschen würde. Doch dann kam alles anders. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Manchmal sehe ich mich als Deutsche, manchmal als Serbin, manchmal als irgendetwas dazwischen. Manchmal fühle ich mich gar keinem Land zugehörig. Meine Identität ist so wie der Beziehungsstatus einiger Menschen auf Facebook: kompliziert.

In meiner Kindheit ging es viel darum, was meine Eltern für richtig hielten – und diese Vorstellungen waren eben keine deutschen, sondern serbische. Auch wenn sich der Balkan weiterentwickelt hat, sind meine Eltern ein Produkt ihrer Zeit und ihrer Herkunft. Sie haben nie zu den strengsten Eltern gezählt, aber ich wusste immer, was man von mir erwartet: gute Schulnoten, ein abgeschlossenes Studium und irgendwann eine Familie. Vorzugsweise sollte ich Juristin werden. Und: jemanden aus meinem Kulturkreis heiraten. Nun bin ich auf dem besten Wege, beide Wünsche nicht zu erfüllen.

Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass es in Ordnung ist, mein Leben nach meinen eigenen Wünschen zu planen, nicht nach der Erwartungshaltung meiner Eltern. Was für manche Leute ganz logisch zu sein scheint, war besonders für meine Mutter „typisch Deutsch“ – und damit etwas, das ich nicht war.

Je älter ich wurde, desto mehr wurde deutlich: Manchen Themen stehen meine Eltern geradezu feindselig gegenüber. Dating zum Beispiel. Während sich meine Freunde zum ersten Mal verliebten und auch auf Dates gingen, hieß es bei mir nur (in einem Mischmasch aus Serbisch und Deutsch mit gerolltem r): „Du bist zu jung für einen festen Freund, Männer wird es immer geben“, oder auch: „Ich arbeite doch nicht so hart, damit du die Schule wegen eines Jungen vernachlässigst“. Deshalb waren Beziehungen und alles, was damit zusammenhängt, nie etwas, das ich zu Hause besprechen konnte. Das Einzige, was immer feststand: Er sollte aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen.

Auch später, als ich älter wurde und mehr Dates hatte, war es für mich instinktiv ein Minuspunkt, wenn der andere kein „Jugo“ war. Dabei würde ich niemals jemanden ablehnen, nur weil er nicht demselben Kulturkreis entstammt wie ich. Es regten sich nur stets kleine Zweifel, die an mir nagten: Kann der andere mich richtig verstehen, mit all meinen Eigenarten und Einstellungen, die zweifelsohne einer strengeren, andersartigen Erziehung geschuldet sind? Wie kommuniziert er mit meiner Familie, die nicht in Deutschland wohnt und oft auch kein oder wenig Englisch spricht? Trotz der Distanz stehe ich meiner Familie sehr nahe und fahre mindestens einmal im Jahr nach Serbien, wo all meine Verwandten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Bei einer ernsten Partnerschaft würde ich durchaus erwarten, dass mein Partner mir zuliebe irgendwann meine erste Muttersprache lernt; ob das fair ist, kann ich nicht beurteilen. Anders würde es sich aber nicht richtig anfühlen.

„Bei uns macht man das nicht“

In diesem Jahr ist es dann einfach passiert: Ich habe mich verliebt, in einen Deutschen. Und bin jetzt zum ersten Mal mit einem Deutschen ohne Migrationshintergrund zusammen. Nur: Meine Erwartungen sind gar nicht allein das Problem, sondern auch seine. Wann ich denn seine Familie kennen lernen wollen würde? Er fragte das sehr früh. Das überforderte mich. „Bei uns macht man das nicht so schnell“, war mein erster Gedanke. Natürlich gibt es Unterschiede; in der Region, aus der mein Vater kommt, leben überwiegend Muslime. Dort wird der Partner meistens erst vorgestellt, wenn es zu einer Verlobung kommt – etwas extrem, wie ich finde und auf keinen Fall eine Option für mich. Also musste ein Kompromiss her: Kennenlernen: ja! Aber: bitte nichts überstürzen!

Vier Monate sind wir nun zusammen – und ich habe mich wohl noch nie so akzeptiert gefühlt. Das ist nicht so traurig, wie es klingt. Aber als Kind von gemischtreligiösen Eltern, das selbst nicht gläubig ist, bin ich immer wieder angeeckt, in meinem eigenen Kulturkreis. Ich bin eben nicht durch und durch Serbin – aber auch nicht durch und durch Deutsche. Es ist in meiner Familie trotzdem manchmal anstrengend, gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen. Deshalb ist ein Freund, der vieles versteht, auch wenn er nicht alles nachvollziehen kann, mir gerade recht. Hauptsache, ich muss mich nicht anpassen, um überhaupt akzeptiert zu werden.

Manche Werte und Verhaltensweisen, die ich selbstverständlich fand, habe ich vorher gar nicht in Frage gestellt. Und mein Freund andersherum auch nicht. In interkulturellen Partnerschaften sind diese Differenzen manchmal vielleicht noch schwieriger zu überwinden. Den richtigen Mittelweg zu finden, damit beide Partner sich wahrgenommen fühlen – wir werden immer besser darin. Und die Herkunft sollte nun wirklich nicht darüber bestimmen, wen man liebt.

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
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