Beziehungskolumne

Sind wir jetzt ein „Wir“?

Von Sophie Rebmann
29.04.2020
, 09:12
Unsere Autorin sagt nicht „Wir“, wenn sie über sich und ihren Freund spricht – irgendwie nerven solche Paare sie. Dabei gibt es auch ein dezentes „Wir“. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Ich benutze kein „Wir“. Wenn ich auf eine Party komme – natürlich nur, wenn das Partymachen auch erlaubt ist –, will ich einer der Partygäste sein, nicht Teil des langweiligen Pärchens, das sich in die Ecke verzieht. Wenn alle in der Gruppe diskutieren, will ich meine Meinung sagen und dann seinen Standpunkt hören, anstatt anzunehmen, „wir“ hätten die gleiche Meinung.

Deswegen benutze ich „wir“ nicht, wenn ich über meinen Freund und mich spreche. Zugegeben, wenn er und ich zusammen auftauchen, ist es manchmal umständlich, nicht „wir“ zu sagen. Im Urlaub, zum Beispiel. „Seit wann seid ihr da?“, kann ich noch ohne „wir“ beantworten: Ich nenne einsilbig den Ankunftstag. Meistens geht das Gespräch aber weiter. Dann sage ich Sätze wie: „Ich gehe immer dort an den Strand.“ Und die Menschen schauen verdutzt. „Was macht dein Freund in der Zeit?“

Manchmal ist es sogar komplett unsinnig, nicht „wir“ zu sagen. Einmal fragte jemand nach einem Film: „Wie findet ihr den?“ Am Abend zuvor hatten mein Freund und ich den Film schauen wollen, ihn aber nicht zu Ende gesehen, weil er so langweilig war. Wir mochten ihn nicht, dachte ich, sagte aber: „Ich mochte ihn nicht.“

Meistens aber ist es leicht, nicht „wir“ zu sagen. Unser Alltag überschneidet sich kaum. Wenn jemand zu einer Party in den nächsten Monaten einlädt, kann es sowieso gut sein, dass nur einer von uns kommt. Und wenn jemand fragt „Wo wohnt ihr?“, nenne ich einen anderen Ort als er – Fernbeziehung. Seit ich mich für diesen Text hier beobachte, merke ich, wie sehr sich das verselbständigt hat: Als wir mit seinen Freunden über die Abiturzeit und die Organisation des Abi-Balls sprachen, erzählte ich: „Sowohl du als auch ich haben uns nie groß engagiert.“

Das sollte mir Sorgen machen, finde ich im Internet heraus: „Paare, die in der ‚Wir'-Form sprechen, sind glücklicher“, titelt eine Beziehungskolumne, die mir auf Seite zwei der Google-Ergebnisse zu den Suchbegriffen „wir“ und „Beziehung“ angezeigt wird. Auf anderen rosafarbenen Blogs zitieren Autoren die Wissenschaftler der Universität von Kalifornien, die angeben, in einer Metastudie herausgefunden zu haben, Paare, die im Plural voneinander sprechen, seien zufriedener, und ihre Beziehung sei langlebiger. Nun bin ich schon seit zehn Jahren mit meinem Freund zusammen und trotz der Langzeit-Fernbeziehung sehr glücklich. Er sagt das auch.

Also klicke ich zurück auf Seite eins der Ergebnisse, auf der mir das Internet in meinem Hass auf den Pärchen-Plural recht gibt: Die Leute nerven, sie sind peinlich, und sie geben sich selbst auf. Furchtbar.

Abends dann – es war ein Prä-Corona-Abend – saß ich mit meinem Freund in einem Restaurant einem Paar gegenüber, das im Pärchen-Plural sprach, so demonstrativ, dass ich es nicht mehr aushielt und fragte: „Warum tut ihr das?“ Die Freundin sagte, so grenze sie sich ab – von ihren Freundinnen. Die waren im Studium sehr vereinnahmend: Vorlesung, Mensa, Lernen, Biertrinken – alles unternahmen sie zusammen. Dann lernte sie ihren Freund kennen und mit ihm die ausgrenzende Kraft des „Wir“. Wenn die Freundinnen mal wieder über ihren Kopf hinweg planten, sagte sie einfach: „Wir kommen nicht.“ Oder: „Wir kommen auch.“ Wer weiß, was die anderen mehr nervte. „Jetzt nutzt sie es weiter, aber nie über meinen Kopf hinweg“, sagt ihr Freund. „So benutze ich es auch“, sagt – mein Freund. Ich bin schockiert. „Du? Über dich und mich? Ich dachte, wir sagen beide nicht ,wir'.“ Denn irgendwann waren er und ich uns einig, dass er und ich das doof finden.

Aber: Er muss wohl seine Meinung geändert haben – so leise und subtil, dass ich es nicht bemerkt habe. Vielleicht kann ich ja auch ein nicht-nerviges „Wir“? Ich muss das mal ausprobieren.

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Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
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