Beziehungskolumne

Wenn die Freundschaft nicht hält

Von Natalia Wenzel-Warkentin
05.05.2021
, 10:38
Wenn eine Beziehung zu Ende geht, hat alle Welt Verständnis. Dabei tut es vielen genauso weh, wenn eine Freundschaft auseinandergeht. Über eine andere Art von Kummer. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es“.

Es verging kaum eine Nacht, in der ich nicht von uns träumte. Dabei gehöre ich zu diesen Menschen, die sich nur selten an ihre Träume erinnern. In diesen Träumen ziehen wir durch die Straßen, nippen an unseren Kaffeebechern, halb scherzend, halb streitend über Belanglosigkeiten und ihr Verhältnis zum Ernst des Lebens. Da sitzen wir auf Holzpaletten, teilen uns eine Decke und wärmen uns an der Feuerstelle im Garten. In einem anderen dann trinken wir Pfefferminzschnaps auf einer Hochzeit im August. Aus diesem Traum erwache ich, in kalten Schweiß gebadet. Es ist schon elf, und ich habe Sehnsucht.

Wenn eine romantische Beziehung endet, dann ist das ein schmerzhafter Einschnitt im Leben der Liebenden. Man trennt sich, teilt Hab und Gut, vielleicht sogar Kinder auf, zieht aus. Kollegen und Freunde haben Verständnis, spenden ein offenes Ohr und Trost. Manch einem zieht der Liebeskummer den Boden unter den Füßen weg. Manche kommen nie wieder auf die Beine. Unsere Gesellschaft gibt Liebeskummer nach einer Trennung viel Raum und Verständnis, denn wir alle können das Gefühl nachvollziehen. Aber was, wenn es nicht unser Partner ist, von dem wir uns trennen, sondern ein Mensch, zu dem wir zwar eine platonische, aber nicht weniger intensive Beziehung gepflegt haben? Wenn sich gute, gar beste Freunde trennen, dann reißt das eine mitunter noch größere Lücke in unser Leben – doch sie ist unsichtbar.

Im Deutschen gibt es kein Wort, das den Akt des Entfreundens beschreibt. Sprechen wir von einer Trennung, dann denken wir immer an das Ende einer romantischen Liebe. Auf sie folgt in logischer Konsequenz der Liebeskummer, der uns dazu bringt, unseren Schmerz in Wein und Tränen zu ertränken. Um die Häuser zu ziehen, Bilder zu verbrennen und unsere Wut in der Badewanne hinauszuschreien. So eine Trennung verläuft in Phasen. Auf die anfängliche Trauer folgt Wut, dann (hoffentlich) Akzeptanz und Einsicht, irgendwann Heilung. Und am Ende schafft man es vielleicht, mit dem Ex-Partner so etwas wie eine Freundschaft aufzubauen, falls man einander vorher nicht in einem Rosenkrieg zerstört hat.

Freundschaften enden leise

Freundschaften hingegen enden leise. Denn Menschen entwickeln sich weiter, ändern ihre Gewohnheiten und Interessen. Sie wechseln den Job oder ziehen in eine andere Stadt. Die einen kriegen Kinder, die anderen nicht. Die allermeisten Freundschaften enden nicht mit einem großen Knall, sondern verkümmern jämmerlich. Und am Ende gilt es eine Lücke zu füllen, für die man nicht mal ein Wort hat.

Die Pandemie tut ihr Bestes, um solche Dynamiken zu befeuern. Der Spaß an virtuellen Spiele- und Weinabenden ist uns längst vergangen. Stattdessen sitzen wir allein daheim und kämpfen mit den ganz persönlichen Folgen, die diese Pandemie für uns hat. Was fehlt, sind die Umarmungen, das Klirren der Gläser, die Schnappatmung nach einem Lachanfall. Meinungsverschiedenheiten, Enttäuschung und unterdrückte Wut – sie alle wiegen so viel schwerer, wenn sie bloß über den Messenger kommuniziert werden, mit vielen Kilometern dazwischen. Und was soll man sich auch erzählen, wenn so rein gar nichts passiert?

Jede Freundschaft ist anders. Manche bestehen seit dem Kindesalter und überdauern schon Jahrzehnte. In diesem Fall haben die Freunde das Glück, dass ihre Beziehung zueinander die Wirren der Pubertät überstanden hat, ja, vielleicht sogar mit ihnen gewachsen ist. Was der romantischen Beziehung die erste große Liebe ist, ist den platonischen Beziehungen die Sandkastenfreundschaft. Zwei Menschen, die sich kennen, seit sie einander die Schaufel geklaut haben, in der Schule stets nebeneinander saßen und denen nicht mal der ein oder andere Ausflug in eine neue Peergroup gefährlich werden konnte. Dieses fast schon sakrale Idealbild einer zutiefst engen Verbindung schafft Druck. Denn auch wenn wir alle uns danach sehnen: Sie ist äußerst selten.

In Wahrheit ist jede neue Lebensphase, jeder neuer Partner und jeder Umzug ein Stresstest für unsere Freundschaften, und die Art und Weise ihrer Beschaffenheit entscheidet über ihr Fortbestehen. Ich habe Freunde daher immer als Lebensabschnittsgefährten gesehen. Bei manchen von ihnen war mir von Anfang an bewusst, dass sie sich nur schwer außerhalb der Situation, in der sie entstanden sind, würden halten können. Die Freundschaft zu Klassenkameraden ist so ein Fall. Wie viele der Menschen, denen wir beim Abiball versprachen, einander niemals aus den Augen zu verlieren, sind heute wirklich noch Teil unseres Lebens und nicht bloß ein Kontakt auf unserem eingeschlafenen Facebook-Account?

Freunde als Lebensabschnittsgefährte

Ich erinnere mich an Thorsten*, dem ich solange die beste Freundin war, bis er eine feste fand. Oder Elena, zu der ich während des Grundstudiums sofort einen Draht fand. Wir tanzten auf Literaturpartys in den Mai, gingen ins Theater oder auch nur die Mensa. Warum das enge Band immer spröder wurde, obwohl ich sie meinem Freund als „einzigartige Persönlichkeit“ vorstellte, weiß ich bis heute nicht. Da war Allegra, die mir schrieb, wie sehr ihr meine Texte gefallen. Sie nahm mich in ihre bunte Kommune auf, ich mochte sie alle sehr. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Und zu guter Letzt André, der zum selben Zeitpunkt verschwand wie meine Großmutter – für immer.

Was machen wir – was mache ich – also nun mit den ganzen kurzen, intensiven, langen, lockeren, schwierigen oder toxischen Freundschaften, die uns unterwegs abhandengekommen sind und mit ihnen ein kleiner Ausschnitt unseres Lebens? Ich für meine Teil sammle sie und verwahre sie in einer Ecke meiner Erinnerung. Manchmal, wenn mir danach ist, hole ich sie hervor und bin dankbar dafür, wie dieser Mensch zu genau diesem Zeitpunkt mein Leben beeinflusst hat. Und wenn mich dann die Sehnsucht überkommt und ich versucht bin, mit einer Nachricht an alte Zeiten anzuknüpfen, denke ich daran, dass es einen Grund gab, warum die Freundschaft nicht überdauert hat. Das tut dann kurz weh. Aber ich halte es hier wie mit meinen kulinarischen Vorlieben: Aufgewärmt schmeckt nur Gulasch.

*Alle Namen geändert

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne, die Kolumne „Der Moment“ und die Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wenzel Warkentin, Natalia
Natalia Wenzel-Warkentin
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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