Beziehungskolumne

Warum wir nicht zusammenziehen

Von Sarah Obertreis
22.07.2020
, 06:21
Unsere Autorin ist seit sechs Jahren mit ihrem Freund zusammen. Trotzdem wohnen die beiden nicht in einer Wohnung – und stoßen damit immer wieder auf Verwunderung. Die Geschichte einer Verteidigung, in der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Corona war noch eine Biermarke, die mein Vater manchmal im Keller stehen hatte, und Networking etwas, für das man keine Internetverbindung brauchte, als ich ein Muster entdeckte. Ich stand neben einem weißbehussten Tisch und führte mit einer Person das wahrscheinlich dritte gemeinsame Gespräch unseres Lebens. Wir waren gleichalt und ähnlich praktikaerprobt, deswegen stießen wir sofort auf das Small-Talk-Thema in solchen Situationen: Die Wohnungssuche. Mittlerweile ist es ja egal, ob man in Berlin, Frankfurt, Freiburg oder München steht, selbst in Leipzig und Gießen kann man mit Klagen über hohe Quadratmeterpreise und unverschämte Vermieter nichts falsch machen.

Ich sagte also zu dieser Person: „Mein Freund sucht auch gerade nach einer Wohnung in Frankfurt. Das ist wirklich unglaublich, wie stark die Preise in den letzten zwei Jahren gestiegen sind.“ Die Person nickte erst zustimmend, hielt dann inne und sah mich verwirrt an. „Dein Freund?“ fragte sie. „Ja“, sagte ich, und die vielen Gespräche der vergangenen Wochen setzten sich in meinem Kopf langsam zu einem großen zusammen. „Aber wollt ihr denn nicht zusammenziehen?“, fragte die Person, die ich in diesem Moment wirklich nur mit viel gutem Willen als Bekannte hätte bezeichnen können.

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Ein schneller Wechsel in mein Privatleben, dachte ich. Um den skeptischen Blick der Person möglichst schnell aus ihrem Gesicht zu wischen, erklärte ich stattdessen: Wir hätten natürlich darüber gesprochen, und würden es auch weiterhin tun, doch meine Wohnung sei zu klein für uns beide, das hätten wir schon festgestellt, und umziehen lohne sich für mich erst, wenn ich wüsste, ob ich länger in dieser Stadt mein Geld verdienen könne; zudem sei es ja bekanntlich schwierig für den einen, in die schon fertig eingerichtete Wohnung des anderen einzuziehen. „Ah ja, okay“, erwiderte mein Gegenüber und begann jetzt wieder zu nicken.

Wir wohnen einfach gerne allein

Inzwischen kann ich die Gründe, warum ich nicht mit meinem Freund zusammenziehe, auswendig. Ich kann sie ausführlich erklären – oder in ein paar Sekunden, mit Humor oder mit Ernsthaftigkeit, in persönlichen oder allgemeingültigen Worten. Je nachdem, ob sich Freunde, Familienmitglieder, Kollegen oder gerade noch Fremde nach meiner Beziehung erkundigen. Denn – das habe ich gelernt – fragen wird fast jeder irgendwann. Dabei würde ich am liebsten einfach nur antworten: Mein Freund und ich, wir wohnen gerade gerne alleine. Doch weicht diese Antwort offenbar so sehr von den Vorstellungen einer intakten Beziehung ab, dass es vielen Menschen schwer fällt, sie zu akzeptieren.

„Living Apart Together“ (LAT), so heißt diese Beziehungsform, seit der niederländische Journalist Michel Berkiel 1978 erstmals in Worte fasste, was damals einige Künstler- und Intellektuellenpaare taten. Getrennt zusammen leben – das klingt doch eigentlich ganz schön, finde ich. Rund zehn Prozent aller Paare in der westlichen Welt sollen einer Studie zufolge solch eine Beziehung führen.

Trotzdem ist LAT auch heute lediglich als Zwischenstadium gesellschaftlich anerkannt. Man lernt sich kennen, küsst sich das erste Mal, wird ein Paar und schaut in der LAT-Phase ein, zwei Jahre, ob es läuft, vielleicht sogar, ob man eine Fernbeziehung übersteht. Dann sucht man sich eine gemeinsame Wohnung – es ist die logische Konsequenz. Der oft zitierte Psychotherapeut Wolfgang Krüger sagte einem Spiegel-Journalisten einmal: „Wer eine ernsthafte Beziehung führen will, der sollte zusammenziehen.“

Paare, die mit Ende zwanzig immer noch im LAT-Stadium stecken, wirken in so einer Welt, als wären sie in ihrer Entwicklung hängen geblieben. In der Soziologie gingen Männer und Frauen, deren Partner an einem anderen Ort leben, jahrzehntelang als Singles in die Statistik ein. Der Psychologe Jens Asendorpf kritisierte 2008 diese Praxis und forderte den Abschied von der gängigen „Dreierklassifikation“, die Menschen in „alleinwohnend“, „kohabitierend“ und „verheiratet“ einteilte.

Ich plädiere dafür, solche Kategorisierungen, die man für wissenschaftliche Auswertungen benötigt, im Alltag wegzulassen. Ehepaare, die eine Fernbeziehung führen, Studenten, die gemeinsam in ihrem 15-Quadratmeter-WG-Zimmer wohnen, Partner, die zusammen leben, aber in getrennten Zimmern schlafen, Paare, die ihr Schlafzimmer teilen, aber immer alleine verreisen, die sich nur freitags sehen oder nie am Wochenende, die eine offene Beziehung führen, die sich verloben und einen Tag später heiraten oder sich weder verloben noch heiraten, die zusammenziehen und dann wieder auseinander. Woher nehmen wir uns das Recht, sie zu beurteilen? Das kann alles Liebe sein.

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Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin in der Wirtschaft.
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