Größenunterschiede bei Paaren

„Ich habe voll Angst, dass der Typ klein ist“

Von Lilly Bittner
25.08.2021
, 09:19
Um auf Augenhöhe zu sein, streckt sich die Frau hoch und der Mann beugt sich hinunter. Das ist ein weitverbreitetes Bild. (Symbolbild)
Unsere Autorin ist einen halben Kopf größer als ihr Freund – damit entspricht das Paar nicht den gängigen gesellschaftlichen Erwartungen. Dabei war auch ihr ein größerer Partner wichtig. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

„Lässt du den Kleinen unten?“, fragt mich meine Tante, als ich die Treppen zu ihrer Wohnung hochsteige, um schnell etwas abzuholen. Mit „dem Kleinen“ meint sie nicht etwa meinen Sohn, sondern meinen Partner. Denn – man wird es schon ahnen können – er ist kleiner als ich.

Ich könnte jetzt schreiben, dass es nicht auf die Größe ankommt. Fakt ist aber, dass auch ich zu Beginn irritiert war von unserem Größenunterschied. Ich hatte nie einen speziellen Typ, auf den ich abfuhr, Haarfarbe und Bartwuchs waren mir relativ egal. Nur eins war mir wichtig bei meinem potentiellen Partner: Er sollte größer sein als ich.

So landete mein jetziger Freund zunächst weit in der gefürchteten „Friendzone“, als wir uns auf der Arbeit kennenlernten. Aus Kollegen wurden Freunde, denn es war recht schnell klar, dass wir uns gut verstehen. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie es dann zur Beziehung kam. Ich hatte mir meinen Partner doch anders, also größer vorgestellt!

Da bin ich wahrlich nicht die Einzige. Letztens traf sich eine Bekannte zum ersten Mal mit einem Tinder-Date, das sie nur von Fotos kannte. Sie sorgte sich nicht, dass sie kein Gesprächsthema finden würden oder dass er keinen Humor haben könnte. Sie hatte auch keine Angst, dass er nicht so schön sein könnte wie auf den Bildern (was bei Tinder keine Seltenheit wäre). Nein. „Ich habe voll Angst, dass der Typ klein ist“, sagte sie zu mir, bevor sie losging.

Umfragen bestätigen dieses Schema. Der Psychologe Guido Gebauer fragte 2020 für die Online-Partnerbörse Gleichklang je 500 männliche und weibliche Mitglieder nach ihrer Einstellung zur Körpergröße des Partners. 70 Prozent der Frauen gaben an, dass der Partner größer sein sollte. Exakt null Prozent suchten einen kleineren Freund. Mehr als ein Drittel der Frauen würde von der Größe nicht einmal absehen, wenn alles andere passt. So extrem bin ich dann doch nicht. Alles andere passt nämlich, und siehe da: Plötzlich ist auch die Größe egal.

Eine Frage der Größe

Ich landete im Übrigen auch in seiner „Friendzone“. Nicht nur, aber auch wegen des verdrehten Größenunterschieds. Denn auch er hat natürlich eine Vorstellung davon, wie heterosexuelle Paare auszusehen haben. Als 1,64-Meter-Mann waren Frauen über 1,60 Meter eigentlich tabu für ihn. Nicht, weil das seine persönliche Präferenz ist. Sondern weil er es nicht für möglich hielt, für größere Frauen als Partner in Betracht zu kommen.

Er erzählte mir von ehemaligen Chatpartnerinnen auf Tinder, die nicht mehr antworteten, nachdem er die Frage nach seiner Größe beantwortet hatte. Auch das spiegelt die Befragung der Partnerbörse wieder: Von den Männern gab nur rund ein Drittel an, die Partnerin solle kleiner sein – fast die Hälfte davon wünscht sich das aber nur wegen der Befürchtung, von größeren Frauen abgelehnt zu werden.

Warum ist es Frauen noch immer so wichtig, dass der Mann größer ist als sie? Das Bild einer zierlichen Frau in den starken Armen eines großen Mannes hält sich anscheinend hartnäckig. Ich wurde auch schon recht früh damit konfrontiert. Als ich hauptberuflich noch Prinzessin werden wollte, waren all meine Vorbilder kleiner als ihr Prinz. Nur Schneewittchen war größer als ihre sieben männlichen Weggefährten. Entschieden hat sie sich letztlich doch für den großen Prinzen, der ihr Leben rettete.

Ich brauche keinen Beschützer

Mein Männerbild war also offenbar folgendes: Ein großer Typ, der mich beschützt. Auch wenn ich das nicht so recht glauben will. Denn ich sah und sehe mich als emanzipiert. Ich wollte immer eine Beziehung auf Augenhöhe – aber eben nur metaphorisch. Die Zeiten müssten doch längst vorbei sein, in denen Männer ihre Frauen beschützen. Ich brauche niemanden, der mich im Büro oder auf dem Weg zum Supermarkt vor einer Bärenattacke beschützt. Vorbei sein sollte auch die Zeit, in der Frauen zu den Männern aufschauen. Wenn der Partner 21 Zentimeter größer ist, kriegt man sowieso nur irgendwann Nackenschmerzen vom vielen Hochgucken.

21 Zentimeter – so viel größer soll der Partner durchschnittlich sein, fragt man Frauen. Zu dem Ergebnis kam ein Forschungsteam der Universität Groningen um Gert Stulp. Männer sind übrigens nicht so extrem: Sie finden es am besten, wenn Frauen im Schnitt acht Zentimeter kleiner sind als sie. Bei uns ist es genau umgekehrt: Ich bin acht Zentimeter größer als mein Freund.

Mittlerweile sehe ich, dass das sogar Vorteile hat. Zwar kann ich morgens nicht in das Oversized-Boyfriend-Shirt schlüpfen, wenn ich mal wieder vergessen habe, mir ein frisches einzupacken. Dafür aber in ein T-Shirt, das mir passt. Und das Beste: Er genauso. Die Schuhe können wir uns übrigens auch teilen, und beim Küssen muss ich mich nicht auf die Zehenspitzen stellen oder strecken. Es ist wirklich schön, wenn nicht nur ich mich geborgen fühlen kann, wenn seine Arme mich fest umschließen. Sondern ich ihm das gleiche Gefühl geben – und abends im Bett auch mal der große Löffel sein kann.

Quelle: FAZ.NET
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