Beziehungskolumne

Wenn man sich nur virtuell treffen kann

Von Alexander Davydov
Aktualisiert am 08.04.2020
 - 08:26
Warten auf Nachricht: in der Krise geht das am besten per Smartphone.
Eigentlich kennen sie sich kaum – und in „dieser Corona-Zeit“ ist es schwierig, daran etwas zu ändern. Also wird unser Autor kreativ. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

„Das liegt an der Corona-Zeit“, höre ich sie leise aus dem Smartphone sprechen, gefolgt von einem kleinen Gähnen. Sie braucht die Lampe nicht einzuschalten, damit ich ihre müden Augen über den verpixelten Bildschirm erkennen kann: Die ersten Sonnenstrahlen kommen durch das Fenster. Ich muss an das Lied „Lovely Day“ von Bill Withers denken und stelle fest, dass wir die ganze Nacht miteinander gesprochen haben. Schon wieder. Ich weiß nicht mehr, wie oft in Folge. Dabei vergesse ich fast, dass ich sie erst vor einigen Wochen das erste Mal getroffen habe.

Ihre digitale Nähe in der Pandemie-Zeit wirkt beruhigend, auch wenn sie tatsächlich Hunderte Kilometer von mir entfernt in ihrem Bett liegt und ich hier in meinem. Ich erinnere mich zurück, wie wir uns auf einer Reise in Westafrika kennengelernt haben und an die Nacht, in der sie krank im Bett lag und ich ihre Hand hielt, bis wir gemeinsam einschliefen. Das Gleiche später dann in einer Hütte am Strand. Und dann ein letztes Mal in der Sitzreihe auf 8000 Metern Höhe, als sie meine Hand nahm, weil ich Flugangst hatte und sie schließlich an meiner Schulter einschlief. Nicht mehr. Aber auch nie weniger.

In Deutschland bleibt der Kontakt dann bestehen, auch in dieser „Corona-Zeit“ – oder vielleicht gerade deswegen. Wir telefonieren, skypen, schicken uns lange Sprachnachrichten über den Tag verteilt. Ein bisschen naiv, ich weiß. Aber wohltuend. Es ist wie Routine in einer ungewissen Zeiten. Dann hat sie eine Nachtschicht. Sie ist dabei alleine, und ich entscheide, mit ihr wach zu bleiben.

Also reden wir. Ich schicke ihr Bilder vergangener Reisen, damit die Kontaktsperre nicht zu arg erscheint. Wir träumen von gemeinsamen Fahrten, sobald alles ausgestanden ist. Ich vertreibe ihr die langen Stunden und lese aus Borges, Wilde und Rilke vor. Wir tauschen Lieder aus. Heiser singe ich ihr „Times like these“ von den Foo Fighters vor. Sie schickt ein Video, in dem sie Chopins Waltzer Opus 64 No. 2 auf dem Klavier spielt. Ich lausche und genieße diese seltsame, einsame Zweisamkeit. Bei mir sorgt es für ein Kribbeln, sie spricht bei sich von „Lovey-Dovey“. Viele Zweideutigkeiten werden ausgetauscht, die eigentlich doch recht eindeutig ausdrücken: Es ist und bleibt alles auf die „Corona-Zeit“ beschränkt, und die ist nun mal endlich.

Weiter definieren will es keiner. Auch aus Sorge vor nicht erfüllbaren Erwartungen. Es gibt bestimmte Grenzen, die nicht überschritten und nur in schwachen Momenten angerissen werden, eben dann, wenn die Sehnsucht in Zeiten der Isolation nach etwas mehr verlangt. Dann sprechen wir kurz aus, was in einer idealen Welt sein könnte. Man wünscht sich letztlich vielleicht eines: Zu zweit geborgen zu sein. Besonders als ich später wegen einer Lungenentzündung meinen Geburtstag erst beim Arzt, später im Bett verbringen muss, ist sie „da“.

Aus Langeweile haben wir scherzhaft ein erstes „Non-Date-Date“ über Skype. Ich koche, backe, finde wieder einen Grund, ein gebügeltes Hemd anzuziehen. Auf der Tischseite, wo sie sitzen könnte, sitzen sollte, steht aber das Handy. Darin gefangen auf 15 mal sieben Zentimetern sehe ich ihr Gesicht, das mich anlächelt. Wir essen gemeinsam und reden bis zum Morgengrauen.

Zu 60 bis 70 Prozent wird nichts daraus

Freunde bemerken den Unterschied in unserem Verhalten. Sie wird gewarnt, mir keine unnötigen Hoffnungen zu machen und ich soll mich vorsehen, mich nicht zu verrennen. Meiner Mitbewohnerin versichere ich, dass aus der ganzen „Sache“ zu 60 bis 70 Prozent nichts wird. Sie lächelt verständnisvoll – und korrigiert die Zahl auf 99. Sie hat ja recht. Es ist eine „Beziehung“ auf Zeit. „Das ist die Corona-Zeit“, erinnert sie mich immer wieder. Und die vertreibe ich mir gerne damit, den wahrscheinlichsten Ausgang des Ganzen aus meiner Vorstellung zu vertreiben. Stattdessen drifte ich gelegentlich ab in ein hoffnungsvolles „Aber was wäre, wenn?“ Erwischt! Verdammte gefühlsduselige Romantik. Wenn man aber alles nüchtern überdenkt, sind wir bloß Freunde. Oder?

Es bedarf auch nicht viel, um zu sehen, wie es am Ende ausgehen wird: Kein Kitsch, kein Pathos, kein Drama. Nicht wie in den Balladen von Elliott Smith, Radiohead oder AnnenMayKantereit. Jeder wird einfach seinem Alltag nachgehen. Vielleicht werden wir uns dann wiedersehen, vielleicht aber auch nicht. Man weiß ja nicht. Wir leben in unsicheren Zeiten. In mir aber bleibt ein schwacher Stich zurück und eine kleine Narbe, um die ich nicht einmal so traurig bin. Es ist schon in Ordnung so. Ich hoffe, es geht ihr gut.

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Sportredakteur.
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