Beziehungskolumne

Meine fünf miesesten Tinder-Dates

Von Anna Kirschner
Aktualisiert am 12.08.2020
 - 07:08
Das Kennenlernen über Tinder ist oft schön, die Treffen danach nicht immer.
Wer auf Tinder und Co. nach der Liebe sucht, muss sich eine dicke Haut zulegen. Unsere Autorin berichtet von ihren persönlichen Tinderdate-Katastrophen – und was sie daraus gelernt hat. Die Beziehungskolumne Ich. Du. Er. Sie. Es.

Die Auswahl in Dating-Apps ist riesig. Es gibt tatsächlich viele Fische im Meer. Wie wir mittlerweile aber wissen: auch viel Plastik. Die guten Fänge muss man erst mal finden. Bei der Frage, welche Beute man am besten direkt zurück ins Wasser wirft, kommt es natürlich darauf an, was man sucht. Für mich gibt es offensichtliche Red Flags: Er sagt nicht mal Hallo, bevor er nach meinen sexuellen Phantasien fragt? Nein, danke. Er fragt direkt nach Nacktfotos? Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen. Mit diesen Standards komme ich mir, und das allein sagt schon viel über die Umgangskultur bei Tinder aus, im Vergleich zu meinen kopulationswilligen Altersgenossen fast spießig vor. „So ist Online-Dating halt“, sagt meine beste Freundin. Für mich kein Grund, jegliche Ansprüche fallen zu lassen.

Was aber, wenn beim Texten alles harmlos oder sogar spannend wirkt? Man trifft sich. Und erlebt die skurrilsten Dinge. Nachfolgend meine persönliche Best-of-Five der Horror-Dates. Die Namen der Männer habe ich natürlich verändert.

Platz 5: Das politische Desaster

Das erste Hallo ist zauberhaft, Philipp richtig süß. Wir können einander definitiv gut riechen, unterhalten uns über dieses und jenes. Aber nach einer Weile stelle ich fest: Philipp stellt mir keine einzige Frage, zeigt keinerlei Interesse. Stattdessen unterbricht er mich bei fast jedem Satz und bemerkt es nicht einmal. Mehrere und zunehmend genervte Hinweise, dass ich gerne aussprechen würde, zeigen keine Wirkung. So richtig unangenehm wird es, als wir auf das Thema häusliche Gewalt kommen. Ich bin skandalöserweise der Meinung, dass von Gewalt betroffene Männer nicht in Frauenhäusern untergebracht werden sollten. „Das ist einfach diskriminierend“, meint Philipp, spuckt es geradezu aus. Er wird richtig wütend. Dass Frauenhäuser als Zufluchtsorte mühsam von Frauen erkämpft werden mussten: nichtig. Schließlich hätten die Gewerkschaften Frauen ja auch mitspielen lassen. So finden wir nicht zusammen, auf mehreren Ebenen.

Platz 4: Sexisme en passant

Martin und ich sitzen eine Weile am Main und unterhalten uns. Von Anfang an finde ich es etwas merkwürdig, kann aber nicht ganz den Finger drauflegen, wieso. Dann erzählt Martin von Problemen mit seinen Mitbewohnerinnen. Die seien „typisch Weiber“, immer zickig und anstrengend. Innerlich sind meine Augen schon mehrfach um 360 Grad rotiert. Als er irgendetwas über die „dicken Titten“ der einen erzählt, verabschiede ich mich. Wo die Probleme wohl herkommen?

Platz 3: Es ist kompliziert

Schon als der große, schöne Australier Ryan mich an der U-Bahn-Station abholt, funkt es gewaltig. Wir holen uns Pizza, sitzen Bier trinkend in seinem Wohnzimmer und machen zusammen Musik. Seine Mitbewohnerin, sagt er, sei zum Glück nicht zu Hause. Am Ende schlafe ich neben ihm ein, eigentlich war das so nicht geplant. Als ich am nächsten Morgen aufwache, trifft es mich wie ein Schlag. Alles, was ich am Abend vorher ausgeblendet habe, springt mir nun ins Gesicht: Das hier muss das Gästebett sein, nicht sein Zimmer. Die süße Welcome-Home-Message an der Pinnwand? Zu romantisch für Roommates. Die vielen Fotos von ihm und seiner Mitbewohnerin am Kühlschrank? Zu innig. „Deine Mitbewohnerin ist deine Freundin, oder?“, frage ich fassungslos. „Es ist kompliziert“, sagt er. Ich ziehe die Tür hinter mir zu.

Platz 2: Immerhin war die Musik gut

Manchmal nervt es, tagelang miteinander zu schreiben. Also falle ich mit der Tür ins Haus: „Du bist schön, gehen wir was trinken?“ „Selber“, antwortet Jan, und: „Klar. Wann?“ Wir machen flugs was aus, wollen zusammen ein kleines Konzert besuchen. Der Chat bis dahin: schwerfällig. Er gibt sich überhaupt keine Mühe, ein Gespräch in Gang zu halten. Aber gut, jetzt sind wir schon verabredet, ich lasse es drauf ankommen. Als wir uns treffen, erzählt er mir direkt, dass er momentan keinen Alkohol trinke und nicht mehr kokse. Es war wohl etwas viel in letzter Zeit. Den Rest des Abends redet er ausschließlich über seine ehemalige Freundin. Jegliche anderen Versuche, ein Gespräch anzuregen, und ich bin wirklich nicht schlecht darin, scheitern an seiner gedanklichen Verklebung mit der Verflossenen. Ich habe das passende Lösungsmittel nicht parat, und selbst wenn: ob sich das lohnt?

Platz 1: Der Grapscher

Manchmal muss man sich auch fragen, warum man nicht sofort schreiend wegläuft. Sebastian und ich treffen uns am Main, unterhalten uns. Nach zwanzig Minuten küsst er mich plötzlich, ich denke mir: etwas früh. Er hätte vorher fragen können. Aber gut, Knoblauchfahne hin oder her, ich spiele mit. Dann greift er mir unvermittelt zwischen die Beine. Als ich ihn frage, was zur Hölle das solle, erzählt er etwas von „mal testen, wie weit ich gehen darf“. Vor völliger Überraschung über diese Dreistigkeit brauche ich einen Moment. Genug Zeit für Sebastian, der schon wieder an seinem Handy klebt, um zu verkünden: Ein Freund hat spontan Zeit, Musik zu machen. Da fährt er jetzt hin. Und lässt mich einfach sitzen.

Nicht alles an diesen Erfahrungen ist schlecht. Ich habe gelernt, wie Tinder und andere Dating-Apps für mich am besten funktionieren: Nicht ewig schreiben, weil die Spannung sonst verfliegt, oder der Typ nur das Gefühl von Verfügbarkeit, nicht aber ein echtes Date will. Aber sich auch nicht zu schnell treffen, sondern schon beim Chatten aussortieren. Zumindest werde ich mich künftig nicht scheuen, ein Date wieder zu canceln, wenn sich in der Zwischenzeit herausstellt, dass der Typ nichts für das Gespräch tut oder irgendwie erwähnt, dass Feministinnen anstrengend seien.

Online-Dating hat mich und meine Sprache hart gemacht: Plastik, Typen, aussortieren. Tinder ist nicht immer etwas für zart Besaitete, treibt manche Empfindsamkeit auch aus. Und eigentlich will ich ja gerade nicht an jedes Date misstrauisch herangehen, genau überlegen, was der erste Warnschuss sein könnte. Aber beim Anfertigen dieser Liste habe ich gemerkt: In Zukunft wird mir das erste innerliche oder geäußerte „Was zur Hölle“ Anlass sein, das Weite zu suchen. Auch wenn ich es, wie beim schönen Australier, zuerst nicht wahrhaben will. Danke an meine Dates für diese hart errungene Weisheit. Eine Ehrennennung verdient zuletzt der Mann, der mir in der Bar schon nach kurzer Zeit mehrfach mit seinem Strohhalm ins Gesicht piekste. Auch da: ich hätte einfach sofort gehen sollen.

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Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
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