Beziehungskolumne

Papa werden

Von Felix Hooß
16.12.2020
, 12:55
„Auch dabei“: Die Vaterrolle wird auch in Deutschland oft noch passiv gesehen.
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Ein Baby macht aus einem Paar eine Familie. Und aus unserem Autor demnächst einen Papa. Aber was heißt heute eigentlich Papa sein? Und welche Erwartungen werden an Väter gestellt? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“
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Als sich mein Leben für immer verändert, liege ich noch im Bett. Es ist Samstagvormittag, der ideale Zeitpunkt, sich noch mal umzudrehen, als meine Frau die drei Worte sagt: „Ich bin schwanger.“ Meine erste Reaktion lautet nur „okay“ oder „krass“ und fällt damit überhaupt nicht so filmreif aus, wie ich es zuvor in Dutzenden Youtube-Videos gesehen habe. Erst einmal bin ich nur überrascht: Es hat also wirklich geklappt. Nach einer Weile sinkt die Erkenntnis ins Bewusstsein: Wir werden Eltern! Ich werde Vater! Ein neuer kleiner Mensch wächst gerade heran und wird sein Leben auf dieser Erde leben – und ich war daran beteiligt, dass es ihn gibt.

Dass ich einmal Vater werden wollte, stand eigentlich schon fest, als ich selbst noch ein Kind war. Das Konzept, Kinder zu haben, leuchtete mir ein, am liebsten zwei, da ich mit einer Schwester aufgewachsen bin, zu der ich eine enge Beziehung habe. Erst mit fortschreitendem Alter wird einem klar, dass das mit dem Kinderkriegen gar nicht so selbstverständlich ist. Selbst wenn der richtige Partner oder die richtige Partnerin vorhanden ist, selbst wenn die Biologie es gut mit einem meint und man auf natürlichem Wege Nachwuchs zeugen kann – Kinder müssen erst einmal in den gemeinsamen Lebensentwurf passen. Die beiden gut laufenden Karrieren, die schönen Reisen zu zweit, die Option, jedem Wunsch nachgehen und morgen etwas ganz Neues anfangen zu können, keine Wurzeln schlagen zu müssen – will man das wirklich alles aufgeben, oder zumindest eine Zeitlang stark einschränken, nur um dem latenten Nestbautrieb nachzugehen? Wiegt die Freude über das Neugeborene die durchwachten Nächte, die dreckigen Windeln und den vielen Streit auf? Diese Frage nimmt den Rang eines Luxusproblems ein, hat aber schon viele gesettelte Mit- und End-Dreißiger-Paare in die Krise gestürzt.

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Ein enger Zeitkorridor für eine wichtige Entscheidung

Die „Rushhour des Lebens“ verdichtet jede Menge lebenswichtiger Entscheidungen auf einen engen Zeitkorridor und mutet den Frauen die größte Gemeinheit zu: Sie müssen, sofern sie ihre Eizellen nicht auf Eis legen, ihren Babywunsch irgendwann in die Tat umsetzen, auch wenn die Umstände dafür vielleicht nicht hundertprozentig passen. Männer können das gelassener sehen, wie die späte Vaterschaft von Herren wie Michael Douglas (59), Richard Gere (69) oder Bernie Ecclestone (89) zeigt (obwohl auch das bei weitem nicht für alle Papas in spe zutrifft). Aber ich wollte kein uralter Vater sein, der auf dem Kinderspielplatz gefragt wird, ob er der Papa oder der Opa ist. Und während die meisten meiner Freunde nach und nach Kinder bekamen, empfand ich einen leichten Stich im Herzen, wann immer ich unterwegs Männer in meinem Alter sah, die ihren warm eingepackten Nachwuchs an den kleinen Kinderhänden durch unser Wohnviertel spazieren führten. Frauen bekommen in unserer Gesellschaft so nachdrücklich einen Kinderwunsch unterstellt, dass sie nach wie vor dafür kämpfen müssen, keine Kinder haben zu wollen. Männer mit Kinderwunsch? Tauchen in keiner Debatte auf.

Von den vielen Ratgebern zum Elternwerden, die wir seit besagtem Samstagvormittag konsultiert haben, hat uns einer nachhaltig erheitert. Das liegt gar nicht so sehr am Inhalt der dünnen Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die speziell werdenden Vätern Tipps gibt, zum Elterngeld oder dazu, wie man die Partnerin am besten unterstützt. Sondern an dem Titel „Ich bin dabei!“, denn der Slogan ist verräterisch für das gesellschaftliche Verständnis von Vaterschaft: Regalreihenweise Bücher beschreiben die Veränderung des weiblichen Körpers während der Schwangerschaft, die verschiedenen Stadien des heranwachsenden Säuglings im Mutterleib und die Pflege des Kleinkinds. Der Vater? Ist halt auch dabei. Sein Job besteht darin, möglichst nicht zu stören.

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Der gemeinsame Besuch beim Frauenarzt war für mich so ein Moment: Hier war ich bestenfalls geduldet. Es ging natürlich in allererster Linie um die Gesundheit von Mutter und Kind. Aber für den für mich sehr besonderen Moment, als ich das erste Mal den Herzschlag meines ungeborenen Babys auf dem Ultraschall sah, war kein Raum. Mir ist schon klar, dass die Mutter, die Schwangere, in den ersten neun Monaten den Hauptjob übernimmt. Aber die Rolle des Papas als Depp, der doof danebensteht und zu nichts ein Gefühl äußern darf, verstärkt nur das Gefühl, dass Väter allerhöchstens passive Eltern zu sein haben. Mal abgesehen davon, dass der Testosteronspiegel von Vätern während der Schwangerschaft messbar sinkt, verändert sich schließlich auch für sie schon vor der Geburt einiges: Sorgen um Mutter und Kind treiben einen ständig um. Von dem eigenen Erwartungsdruck mal ganz zu schweigen.

Wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommt das Thema Elternzeit, immerhin besteht für Arbeitnehmer ein gesetzlicher Anspruch, sich diese Auszeit fürs Kind zu nehmen, obendrein gibt es in der Regel während der ersten 14 Monate Elterngeld. Aber wieso nehmen nur vier von zehn Vätern überhaupt Elternzeit – die meisten davon die klassischen zwei sogenannten Vätermonate, während die Partnerin zumeist ein ganzes Jahr auf den Nachwuchs aufpasst? Mir ist bewusst, dass die Entscheidung für jedes einzelne Paar eine individuelle ist: Ein Selbständiger kann schlechter die eigene Firma zusperren, und wenn der Mann der Hauptverdiener ist, können sich viele Paare Einbußen bei seinem Gehalt nicht leisten. Je höher hingegen das Einkommen der Frau ist, desto eher wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann Elterngeld bezieht, heißt es im „Väterreport“ des Bundesfamilienministeriums.

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Dort steht auch: Fast jeder fünfte Vater wäre gerne in Elternzeit gegangen, hat aber darauf verzichtet. Die Hauptgründe dafür: Angst vor Einkommensverlusten, vor beruflichen Nachteilen und vor „organisatorischen Problemen im Betrieb“. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue, kommt mir noch ein anderer Verdacht: Den meisten Paaren ist die klassische Aufteilung ganz recht. Sie bleibt zu Hause, er klotzt im Job richtig ran und geht in der Rolle des Brötchenverdieners auf – Studien zufolge verbringen Männer nach der Geburt eines Kindes mehr Zeit im Büro. Was dabei verloren geht? Für die Väter Zeit mit ihrer Familie. Für die Unternehmen betriebswirtschaftlicher Erfolg: Sobald Unternehmen die Vereinbarkeitsprobleme speziell von Vätern lösen, führt das laut „Väterreport“ zu einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit, geringen Fehlzeiten und einer höheren Mitarbeiterproduktivität.

Kein Wochenend-Daddy

Mein Konzept sieht dieses Wochenend-Daddy-Dasein jedenfalls nicht vor. Meine Frau und ich wollen uns die Elternzeit in der Mitte aufteilen, ich werde mich dann eine Zeitlang hauptamtlich um unser Kind kümmern. Klar soll das auch meiner Frau dabei helfen, sich nicht ganz aus ihrem Beruf abzumelden. Aber letztlich mache ich das für mich: Ich will Zeit mit meinem Kind! Als ich die Elternzeit beantrage, überkommen mich trotzdem Zweifel: Torpediere ich gerade meine eigene Karriere? Finden meine Chefs die Idee unmännlich? Falls ja, lassen sie sich zumindest nichts anmerken: Ich lege mir noch Argumentationshilfen zurecht („Erst mal rein pro forma“, „Könnte vielleicht auch früher zurück…“), doch die Chefs – allesamt Männer, Väter – nicken meinen Antrag nur routiniert ab. Vielleicht denken sie sich: Warte nur ab, du wirst das Büro schnell genug vermissen. Dennoch bleibt das Gefühl, dass wir schon weit gekommen, mir andere Papas vorangegangen sind, die für eine modernere Vaterrolle gekämpft haben. Nicht zuletzt wird an der Frage, wie Vaterschaft in unserer Gesellschaft gelebt wird, auch ein neues Männlichkeitsbild verhandelt: Finden wir den Typen toll, der die anderen Alphamänner im Strategiemeeting niederbrüllt, oder auch den, der seinem Dreijährigen in der Sandkiste die klebrigen Mandarinenreste aus den Fingerchen pult?

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Dokutrailer
„Dads“
Video: Apple TV+, Bild: Apple TV+

Wohlmeinende Menschen fragen mich jetzt immer häufiger, wie es uns geht. Ich antworte dann meist wahrheitsgemäß: Meiner Frau geht’s super, na ja, mit dem Bauch wird es jetzt langsam umständlich. Und ich bin erstaunlich gelassen. Natürlich flößt mir der Gedanke an die Geburt und die ersten Tagen danach Respekt ein. In der etwas kitschigen Doku „Dads“ auf Apple TV+, in der Hollywood-Väter und Normalos über ihre Vaterschaft sprechen, gibt es einen treffenden Satz von Will Smith: „Wir hatten eine tausendseitige Gebrauchsanweisung für einen Fernseher und sie schicken dich nach Hause mit einem Baby – und nichts weiter.“ Aber ich bin zuversichtlich. Wir werden eine Kliniktasche packen und auf den großen Tag warten. Wir werden mit dem Baby nach Hause kommen und es wird von da an bei uns wohnen und wir werden versuchen herauszufinden, was es von uns will. Irgendwann wird es Papa zu mir sagen und auf der Straße meine Hand nehmen. Und das ist so ziemlich das Beste, was ich mir vorstellen kann.

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Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hooss, Felix
Felix Hooß
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