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Beziehungskolumne

Spülmaschine essen Beziehung auf

Von Anna-Lena Ripperger
 - 07:13
Wo darf was hin? Spülmaschine-Einräumen ist eine hohe Kunst.

Wenn ich mich irgendwann von einem Mann scheiden lasse, dann wegen der Spülmaschine. Genauer gesagt, wegen der Frage, wer sie besser einräumt. Regelmäßig schleudert mir mein Freund ohne Vorwarnung Sätze entgegen wie: „Die Deckel brauchen aber keinen Extraplatz, oder, Frollein?“ (Gemeint sind die Verschlüsse der Schraubgläser, in denen wir unsere Salatsauce mixen.) Oder: „Wie soll die Schüssel denn so sauber werden?“ (Offenbar hatte er Einblick in Studien zum Wasserfluss in Spülmaschinen, die eine Plazierung der Salatschüssel über dem Nudeltopf eindeutig als nicht empfehlenswert identifizierten.)

Häufig fällt auch ein Satz mit – derzeit hochaktuellem – Klimabezug: „Dann können wir sie ja gleich leer laufen lassen!“ Ohne meinem Freund zu nahe treten zu wollen, steht dieser Satz allerdings eher in Zusammenhang mit unserer Nebenkostenabrechnung als mit seinem Bedürfnis, die Welt zu retten. Begleitet werden diese Sätze immer von hektischen Umbauarbeiten, bei denen man schon am Klang, den Töpfe, Teller und Tassen im Zusammenspiel mit den Drähten des Spülkorbs erzeugen, merkt, dass jemand wirklich sauer ist.

Sauer werde dann allerdings auch ich. Ich bin, Freunde können das bestätigen, kein besonders rechthaberischer Mensch. Gerade was Haushaltsdinge angeht, gebe ich gerne zu, nicht die beste Methode zu kennen, um Zwiebeln in feine Würfel zu schneiden oder Kalkflecken von Duschwänden zu entfernen. Aber was die Spülmaschine betrifft, halte ich die durch den Akt des Umräumens nicht nur verbal geäußerte Kritik an meinem Denken und Handeln für ungerechtfertigt und irrational – und für ziemlich fies.

Diskussionen sind zwecklos

Denn erstens geht es immer nur um das Einräumen. Wie ich die Spülmaschine ausräume, ist meinem Freund vollkommen egal, Hauptsache, ich halte diese niedere Aufgabe von ihm fern. Und zweitens wartet die Welt meines Wissens noch immer auf die umfassende Theorie zum Bestücken der Spülmaschine. Ich glaube auch nicht, dass es einen Weltrekord im „Maximal viele Maßgedecke in eine Standardspülmaschine“-Stopfen gibt. (Ein Maßgedeck ist die durch die DIN EN 50242 festgelegte Einheit, um die Kapazität einer Spülmaschine anzugeben.) Selbst als es „Wetten, dass …?“ noch gab, ist mir dort niemals ein Geschirrkünstler untergekommen, den man in dieser Frage als Autorität heranziehen könnte.

Ich räume die Spülmaschine also so ein, wie ich es nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes für sinnvoll halte: Gabeln, Messer und Löffel in den Besteckkorb, Teller und Sperriges in den unteren Spülkorb, Tassen, Gläser, Schälchen und anderen Kleinkram nach oben. Der Teufel steckt hier, wie wahrscheinlich meistens, im Detail. Denn mein Freund geht theoretisch nach demselben Prinzip vor, kommt aber praktisch zu völlig anderen Ergebnissen: So dürfen etwa nie drei Müslischalen direkt hintereinander in das Gestell mit den breiteren Abständen („werden so nie sauber“). Schöpfkellen, Salatbesteck oder Pastalöffel können unmöglich auf anderem Geschirr abgelehnt werden, sondern müssen der Länge nach auf dem Boden des Spülkorbs liegen.

Statt sich tolerant zu zeigen – ein Problem, zwei Lösungen, alle glücklich –, muss mein Freund mir das vor geöffneter Spülmaschinenklappe jedes Mal aufs Neue erklären, in einem Ton, der normalerweise für Oberstudienräte vorgesehen ist, die den armen Latein-Nieten noch einmal gönnerhaft die Regeln des Ablativus absolutus vorbeten.

Diskussionen sind in solchen Momenten zwecklos, Argumente gelten nichts. Meistens ziehe ich mich dann einfach vom Duellplatz Spülmaschine zurück, vielleicht noch mit einem halblauten, halb-patzigen „Für mich hat das so gepasst“. Doch selbst die innigste Liebesbeziehung kann solche Attacken auf lange Sicht nicht unbeschadet überstehen.

Davon bin ich umso mehr überzeugt, seit ich meine Mutter in dieser Sache um Rat gefragt habe. Sie ihrerseits ist seit mehr als fünfzig Jahren mit einem Mann verheiratet, der von sich ebenfalls glaubt, der größte Spülmaschinen-Einräumer der Neuzeit zu sein. (Eine Parallele zwischen meinem Partner und meinem Vater, die mich leicht beunruhigt zurücklässt.)

Für das Phänomen Spülmaschinen-Streit hatte meine Mutter eine ebenso simple wie bestechende Diagnose. „Es geht um Macht“, sagte sie schlicht. Und gab mir damit einen klaren emanzipatorischen Auftrag mit auf den Weg: Egal, mit wem Du Dein Bett teilst, sei niemals diejenige, die beim Kampf um den richtigen Platz für den Gemüse-Spitzer den Kürzeren zieht.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ripperger, Anna-Lena
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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