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Beziehungskolumne

Was Geschenke über unsere Beziehungen sagen

Von Kai Spanke
Aktualisiert am 31.07.2019
 - 06:49
Nicht über jedes Geschenk freut man sich.
Schenken ist schön, beschenkt werden sowieso. In Beziehungen gestaltet sich der Akt des Schenkens nicht immer leicht: Ist er zu unaufmerksam? Und warum überreicht sie ihm plötzlich ein fremdverpacktes Anonymgeschenk? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“.

Sie hat Geburtstag und wird von den Kindern mit einem Frühstück überrascht. Er hat, wie schon häufiger, alles vergessen und macht sich überstürzt auf den Weg, um eine Last-Minute-Aufmerksamkeit zu besorgen. In der Shopping Mall wird er fündig. Sonderangebot. Das perfekte Präsent – für sich selbst. Nachdem er Marge zuvor schon einen Werkzeugkasten und einen Tarzan-Kalender geschenkt hat, kauft er ihr dieses Mal eine Bowlingkugel, in die er seinen Namen eingravieren lässt: Homer. Frust, Streit, Krise.

In der Episode „Der schöne Jacques“ erzählen die „Simpsons“ von der Ambivalenz des Geschenks: Es scheint uneigennützig zu sein und ist doch sozial verbindlich; der Beschenkte sollte keine Erwartungen haben und ist trotzdem ziemlich schnell enttäuscht; das Ansehen des Gebenden dürfte, nüchtern betrachtet, nicht von seiner Gabe abhängen, aber wer betrachtet so etwas schon nüchtern?

In meinem Freundeskreis tummeln sich sehr verschiedene Schenkertypen. Einem fällt immer kurz vor Ladenschluss auf, dass die Partnerin in wenigen Stunden Geburtstag hat, oder dass er schon mit einem Bein in der Weihnachtsbescherung steht. Als pragmatische Lösung hat es sich erwiesen, nicht auf zündende Ideen zu setzen, sondern auf Überwältigung: DVD-Player, Autoradio, Stereoanlage. Stets „state of the art“, Elektroschrott und designierte Sperrmüllbeigaben kommen nicht in Frage. Wer zu spät schenkt, der schenkt groß. Aber auch mein Freund verschenkt sich manchmal. Vor einiger Zeit hat er seiner Frau einen Digitalbilderrahmen mit allen Schikanen mitgebracht, der wenig später in Originalverpackung auf den Müll gewandert ist.

Das Gegenteil dieser – empfindsame Pflänzchen würden sagen: seelenlosen – Beschenkungspraxis zelebriert ein anderer Freund, der in wunderbaren Krakelarabesken Briefe und Karten vollschreibt, der sich Gedanken um die Lebenssituation des Beschenkten macht, der schon im Frühling weiß, wer was zu Weihnachten bekommt. Einmal, da war er noch recht jung, hat er seiner damaligen Freundin einen romantischen Abend geschenkt. Candlelight auf Killerniveau. Piekfeines Restaurant? New Yorker Dachterrasse? Weit gefehlt. Es war alles noch viel besser: Auf dem Boden seines Studentenwohnheimzimmers hat er ihren Namen mit flackernden Teelichtern ausbuchstabiert. Sie? Ist nicht untergetaucht, sondern geblieben. Man hat geheiratet, und die Ehe scheint bis heute ein einziger „Ring-of-Teelicht-Fire“ zu sein.

Zwischen diesen Extremen spielt sich die Normalität ab. Manche schenken aus Pflichtgefühl (was nicht gut ankommt), andere, weil sie etwas Nettes sehen und dabei an jemand Nettes denken (was gut ankommt). Indikator des Geschenkerfolgs ist der Moment, in dem ausgepackt wird – sowohl das Präsent als auch die nur selten hinreichend camouflierte Meinung darüber.

Die Standardsätze sind bekannt: „Damit habe ich echt nicht gerechnet“, „Hast du das so toll verpackt?“, „Das habe ich mir schon länger gewünscht“, „Oh“. Wem ein „Oh“ rausrutscht, der plant in der Regel schon die weitere Biografie des Geschenks; er stuft es zum Mitbringsel, wenn nicht zu Klimbim, Plunder und Trödel herab, um anschließend zu überlegen, ob es sich besser bei Ebay oder beim nächsten Greulichwichteln loswerden lässt. Ein „Oh“-Geschenk zeigt schlimmstenfalls, wie mich jemand wirklich sieht: Wieso schenkt sie mir die DVD von „Zwei an einem Tag“? Hoffentlich Ironie. Wie kommt er dazu, mir ein kantig geschliffenes Glasbärchen mitzubringen? Metakommentar oder Kriegserklärung? Da entstehen Unsicherheiten, da bröckelt’s im Freundschaftsgebälk.

Nun gibt es Schenker, deren Präsente zuverlässig prosaisch, ja fast beleidigend wirken. Darauf kann man sich allerdings einstellen. Nachdenklich sollte man werden, wenn ein begnadeter Geschenkemacher plötzlich jede Sorgfalt fahren lässt. Eine Ex-Freundin von mir hat mich jahrelang mit taktvoll ausgewählten Überraschungen bedacht. Dann brachte sie mir eines Geburtstages das Metzler Philosophen-Lexikon mit. Eingepackt von der dafür zuständigen Servicekraft im Hugendubel. Überreicht in einer Plastiktüte. Da wusste ich, wir sind nicht nur angezählt, wir sind erledigt. Kein halbes Jahr später war die Beziehung beendet, die Stimmung schockgefrostet.

Nach längerer Funkstille dann doch das Happyend: Heute sind wir gut befreundet, und die Aufmerksamkeiten und Kärtchen haben fast wieder das alte Kaliber. In dem Lexikon findet sich übrigens folgendes Zitat von Jacques Derrida, das verdeutlicht, dass es mit dem Schenken und Beschenktwerden doch recht kompliziert ist: „Die Gabe als Gabe dürfte letztlich nicht als Gabe erscheinen: weder dem Gabenempfänger noch dem Geber.“ Ach so.

Eine Gabe erfordert eine Gegengabe

Eindeutiger äußern sich die Soziologen. Sie sehen in der Gabe ein wichtiges Element menschlichen Zusammenlebens, ist sie doch Teil der Grammatik zugewandter Interaktion. Marcel Mauss vertritt die Ansicht, dass eine Gabe eine Gegengabe erfordert, weil man beim Geben immer auch einen Teil von sich an den Empfänger weiterreicht. So gesehen ist ein Geschenk die Antwort auf ein vorheriges Geschenk, das seinerseits schon die Antwort auf ein Geschenk gewesen ist.

Das kann zum Wettkampf werden, bei dem Geben unseliger ist denn Nehmen. Ich schenke groß, werde daraufhin noch größer zurückbeschenkt – und irgendwann landen wir bei Autoradios und Stereoanlagen (siehe oben). Der schöne Akt des Schenkens verkommt so zu einem Druckmittel, das Hierarchien aufbaut und über Machtverhältnisse Auskunft gibt.

Vor allem in einer Beziehung ist so eine Spirale das reinste Gift, da Liebende in erster Linie schenken, um Nähe zu erzeugen. Der Preis der Gabe darf dabei keine Rolle spielen, es scheint sogar vorteilhaft zu sein, wenn sie klein, mitunter gar ramschig ist. Merke: Es lebe das Diminutiv-Geschenk! Die Soziologin Eva Illouz sieht darin ein Zeichen von Intimität.

Schenken ohne Anlass

Am überzeugendsten sind jene Dinge, die originell, spontan, authentisch und kreativ anmuten. So können sich zwei Menschen über das Geschenk der Einzigartigkeit ihrer Liebe versichern, die sich jenseits von Marktlogik und Warencharakter entfaltet. Deswegen kommen alle Geschenke besonders gut an, die ohne Anlass überreicht werden. Da sie außerhalb des von Geburtstagen und Weihnachtsfeiern vorgegebenen Beschenkungszwangs stehen, muss aus ihnen nichts folgen.

An all das hat Homer Simpson natürlich keine Sekunde gedacht. Der Gattin eine Bowlingkugel zu schenken, ist weder originell noch einfühlsam. Aber lustig, zumindest für die Zuschauer. Das gilt auch für die im Studentenwohnheim züngelnden Teelichtflämmchen, da mein Freund mit dieser Aktion das Kitschuniversum Länge mal Breite vermessen hat. Doch der Wille zur Romantik ist nicht unsympathisch. Und wir wissen ja: Kleine Geschenke erhalten die Liebschaft – wenn man Glück hat.

Kolumnen auf FAZ.NET

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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