Beziehungskolumne

Was heißt Liebe auf Norwegisch?

Von Carlotta Roch
04.08.2021
, 09:11
Ein Paar genießt den Blick vom Preikestolen in Norwegen (Symbolbild).
Der Freund unserer Autorin ist Norweger, sie sprechen miteinander Englisch. Und stellen fest: Gar nicht so leicht, in einer fremden Sprache zu streiten, zu lachen, zusammen zu sein. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Lange hatte ich nur wenig Bezug zu Norwegen. Klar, ich hatte immer mal wieder gelesen, wie schön die norwegische Landschaft mit ihren Fjorden und Bergen sein soll. Und jeden Winter wieder die norwegische Überlegenheit im Langlauf von der Couch aus mitverfolgt. Sonst aber hatte ich mir zu dem Land keine großartigen Gedanken gemacht. Nicht mal, wenn im Radio „Take On Me“ lief. Das alles änderte sich schlagartig, als ich meinen jetzigen Freund kennenlernte – und damit auch Norwegen.

Kennengelernt hatten wir uns am anderen Ende der Welt, in meinem Auslandssemester in Sydney. Er Norweger, ich Deutsche. Er spricht am liebsten Norwegisch, ich Deutsch, miteinander sprechen wir Englisch. Eigentlich kein Problem, dachten wir: Wir hatten beide mehrere Jahre in englischsprachigen Ländern gelebt und studiert, wir waren mit der Sprache mehr als vertraut.

Wir quatschen über alles: unsere liebste australische Band (Gang of Youths), über norwegische und deutsche Eigenheiten. Für ihn ist es immer noch völlig unverständlich, weshalb sich Deutsche einfach nicht vom Bargeld trennen wollen. „Why do you love cash so much?“ Nicht, dass ich ihm da nicht beipflichten würde. Ich dagegen verstehe bis heute nicht, wie man die Natur wirklich SO sehr lieben kann, dass man es tatsächlich genießt, bei Wind und Wetter draußen zu schlafen. Getreu dem norwegischen Konzept „friluftsliv“ (Freiluftleben).

Wir träumen nicht auf Englisch

Doch wir träumen eben doch selten auf Englisch und können manche Dinge in unserer Muttersprache nun mal doch anders ausdrücken. Wir stellten schnell fest: Eine Beziehung auf insgesamt drei Sprachen zu führen ist gar nicht so leicht. So bekamen Dinge, über die ich mir in meinen vergangenen Beziehungen nie Gedanken machen musste, auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Denn in unseren immer länger werdenden Gesprächen stieß mein – so dachte ich zumindest – doch recht breiter englischer Wortschatz immer mehr an seine Grenzen.

So frage ich mich zum Beispiel, ob mein Freund überhaupt immer versteht, was ich meine. Ich erwische mich immer noch dabei, dass ich, bevor ich eine Nachricht endgültig abschicke, noch einmal bei den gängigen Übersetzungsseiten nachschaue, ob das Wort auf Englisch auch wirklich so geschrieben wird. Und als ich neulich einen Artikel über die passende Gebärde für Annalena Baerbock geschrieben habe, und versuchte, ihm das Thema zu erklären, kam nur ein „not sure if I understand what that means“ zurück. Großartig. Und das, obwohl ich die mir fehlenden Vokabeln extra noch nachgeschaut hatte. Also noch einmal von vorne. Als nach zwei weiteren, ziemlich rudimentären Erklärungsversuchen endlich ein „I guess, it makes sense now“ zurückkam, war mein Ego zwar schon etwas angeknackst, ich aber auch einfach nur froh, dass das Thema vom Tisch war.

Noch komplizierter wurde es bei unseren ersten Meinungsverschiedenheiten, auch wenn sie noch so banal waren. Denn emotional aufgeladen streite ich auf Englisch noch schlechter, als ich es ohnehin schon auf Deutsch tue. Und dann noch verständlich zu artikulieren, was mich genau stört? Keine gute Kombination. Ich bin zwar gut darin, mir meine Argumente schön auf Deutsch vorformuliert im Kopf zurechtzulegen, scheitere jedoch oft kläglich daran, das Ganze in irgendeiner Form ins Englische zu übersetzen. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft der Satz „I don’t know how to say it in English” bei mir schon gefallen ist, was die Sache nur noch frustrierender macht. Zum Glück streiten wir aber sowieso sehr selten. Das liegt dann entweder daran, dass wir uns oft einig sind und es schlicht nicht viel zum Ausdiskutieren gibt (was meine favorisierte Erklärung ist). Manchmal aber gehen wir Konflikten wegen der nervigen Sprachbarriere einfach aus dem Weg.

Damit mein Freund alles versteht, spreche ich auch mit anderen Menschen Englisch, wenn er dabei ist – was sich manchmal ziemlich bescheuert anfühlt. Als wir zum ersten Mal meine Eltern in Süddeutschland besuchten, bat ich meine Mutter darum, mir das Salz zu reichen, auf Englisch. Ganz schön absurd. Dabei bin ich sehr dankbar dafür, dass sich meine Eltern und mein Freund überhaupt unterhalten können. Englischkenntnisse sind schließlich auch keine Selbstverständlichkeit: Ein paar meiner Freunde geben offen zu, sich mit ihrem Englisch unsicher zu fühlen. Umso höher rechne ich ihnen an, wenn sie sich trotzdem bemühen, meinen Freund beim gemeinsamen Grillabend miteinzubeziehen. Und natürlich fällt man in solchen Runden doch immer wieder ins Deutsche zurück. Dann muss ich nicht nur andere, sondern auch mich selbst wieder daran erinnern, doch bitte Englisch zu sprechen.

Und dann noch die Sache mit dem Humor: Eines der Hauptargumente aus dem „Ich-schaue-Serien-nur-im-Original“-Lager lautet ja, dass die Witze auf Deutsch überhaupt nicht lustig seien. Dem widerspreche ich hier zwar ausdrücklich, denn viele sind es trotzdem, dennoch trifft es in unserer Beziehung leider tatsächlich oft zu, dass Humor nur im Original funktioniert. Vor einiger Zeit habe ich meinem Freund ein – in meinen Augen – witziges deutsches Meme des Twitterstars „El Hotzo“ geschickt. Darin heißt es: „'Skandinavien-Fans‘ absolut anstrengend. We fucking get it, du liebst scheiß Wetter, Fisch essen und sehr weiße sehr blonde Menschen, dann ist doch alles klar.“ Ich wollte ihn an meinem Lachanfall teilhaben lassen und habe ihm eine Übersetzung geschickt. Er fand es nicht lustig. Vielleicht fühlte er sich aber auch nur ein bisschen angegriffen. Auf andere Nachrichten dieser Art kommt oft auch nur ein lachender Smiley zurück. Oft bin ich mir dann nicht sicher: Hat er den Gag jetzt eigentlich verstanden?

Das klingt nun alles nach viel sprachlichem Gezerre, nach Missverständnissen und Streitereien. Aber vieles ist auch schön. Wer sich auf Englisch streitet, versöhnt sich wieder, auf Französisch zum Beispiel. Was wichtig ist: Geduldig sein. Mit sich selbst – und seinem Partner. Akzeptieren, dass die Sprachbarriere eben da ist und nervt. Und, wie in jeder anderen Beziehung gilt auch hier: reden, reden, reden. Irgendwann funktioniert der Sarkasmus dann auch auf Englisch.

Ich lerne jetzt übrigens Norwegisch. Vielleicht können wir uns irgendwann in seiner Muttersprache streiten – und hinterher wieder vertragen.

Quelle: FAZ.NET
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