Junge Jagdfreunde

Der eine isst kein Fleisch, der andere schießt es selbst

Von Jennifer Wiebking
07.08.2014
, 11:58
Waidsmann im Münchner Umland
Es klingt kurios: Immer mehr Deutsche entscheiden sich, Vegetarier zu werden - und doch gibt es hierzulande inzwischen so viele Jäger wie noch nie zuvor. Auch sie sehnen sich nach einer Veränderung im Leben. Ein Tag auf dem Hochsitz.
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Vom Auto bis zum Hochsitz sind es nur ein paar hundert Meter. Philipp Wilken* schultert den vollgepackten Rucksack, setzt den grünen Jägerhut auf den Kopf und macht sich auf zur Lichtung, es geht einmal den schmalen holprigen Waldweg hinunter. Wilken steigt die wackeligen Sprossen zur Kanzel hoch und öffnet die Tür der Box auf Stelzen. Einen Meter Platz hat er hier in der Breite, zwei in der Länge. Er stellt den Rucksack neben sich ab. Er packt das Magazin aus, lädt seine Waffe. An einem typischen Jagdtag hat er sich spätestens nach zehn Minuten eingerichtet. Im Umkreis von 100 Metern dürften rund fünf Rehe unterwegs sein. Irgendwo zwitschert eine Amsel. Seine Waffe ragt aus der Öffnung der Kanzel hervor. Dann greift Philipp Wilken in die Hosentasche. Er zückt sein Handy und tippt sich zur WhatsApp-Gruppe „Jagd & Angel“. Seinen sechs Freunden schreibt er, dass er im Wald sitzt, während die vielleicht gerade im Büro am Schreibtisch hocken. „Jagdneid wecken.“ Wilken schmunzelt.

Es ist fast schon kurios: Obwohl sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, Vegetarier zu werden, obwohl selbst Veganer heute nicht mehr als Freaks gelten, obwohl Waffen mit jedem Schulmassaker einen schlechteren Ruf kriegen, hat das Jagen alles andere als ein Nachwuchsproblem. Das begreift man schon, wenn man jemandem wie Wilken, 31, hier auf dem Hochsitz über die Schulter schaut, der auf dem Handy-Display die Gruppe junger Jagdfreunde sieht.

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Seit die Großväter zum letzten Mal die Büchse von der Garderobe nahmen und mit Dreispitzhut auf dem Kopf das Haus verließen, sind ein paar Jäger dazugekommen. Im Jahr 1973 waren 241.885 Menschen im Besitz eines Jagdscheins; 1993, nach der Wende, stieg die Zahl der Statistik des Deutschen Jagdverbandes zufolge auf 326.410. Die letzte Hochrechnung stammt aus dem Jahr 2013: 361.557 Deutsche besitzen heute einen Jagdschein. So viele wie noch nie zuvor. Darunter sind rund 20 Prozent Frauen.

„Ich würde gerne ein entschleunigteres Leben führen“

Und immer mehr Stadtmenschen. Die brauchen heute weder Jagdzimmer noch einen grünen Range Rover. Wilken zum Beispiel fährt einen schwarzen Audi A3, und die Klimaanlage läuft darin an diesem Samstag, kurz bevor er im Pfälzerwald eintrifft, auf Hochtouren. So bekommt man die Natur schon beim Öffnen der Autotür wirklich zu spüren. Es ist knallheiß, die Luft steht. Statt Geräuschen ist hier allein Geruch. Holz? „Das sind die Nadeln“, ruft Wilken und ist schon halb auf dem Hochsitz.

Er flüstert hier jetzt, damit die Tiere nicht sofort weglaufen. „Obwohl“, sagt er leise, „wenn ich ein Reh wäre, würde ich mich heute bei dieser Hitze auch nicht zeigen.“ Es dauert keine Viertelstunde, in der man geradeaus ins Grüne schaut, da sagt Wilken plötzlich: „Ich führe nicht das Leben, das ich mir eigentlich vorstelle.“ Dabei ist an seinem nichts falsch. Er hat Medizin studiert, arbeitet als Arzt in Frankfurt, er hat genug Freunde, genug Geld. „Ich würde gerne ein entschleunigteres Leben führen und noch viel mehr draußen sein. Eine Blockhütte in Alaska, das wäre etwas.“

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Seinen Blick heftet er auf einen dicken Nadelbaum. „Das hier ist wie eine Welt, in die man fliehen kann“, meint er, lacht und sagt im nächsten Moment: „Schon mal am Obststand am Schweizer Platz gewesen?“ Er zieht einen Plastikbecher mit servierfertig geschnittenen Obststücken aus dem Rucksack, spießt Ananas, Weintrauben und Erdbeeren mit einer Pommesgabel auf. „Total toll.“

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Büffeln für den Schein

In einer Befragung von Jungjägern gaben 86 Prozent als Hauptmotiv für den Jagdschein an, es gefalle ihnen, in der Natur zu sein. Auch Wilken gehört zu diesen 86 Prozent - und nimmt die Bequemlichkeiten des modernen Lebens, die Fertig-Obstbecher, die schnellen Wege der Kommunikation über das Smartphone dennoch mit hierher.

Die Jagd sei nicht mehr dieselbe wie vor zwei Jahrzehnten, meint der Kriminalpsychologe Dietmar Heubrock, der für den Deutschen Jagdverband verschiedene Studien durchgeführt hat. Saufen bis in die Morgenstunden, das Tragen von schwerem Loden, das musste für Jäger in den neunziger Jahren noch dazugehören. „Wer sich damals nicht an die Regeln hielt, wurde anschließend nicht mehr eingeladen“, sagt Heubrock. Natürlich wird noch immer getötet. Auch Wilken sagt: „Wenn ich jedes Mal nach Hause fahren würde, ohne etwas zu schießen, wäre das ein ziemlich frustrierendes Hobby.“

Christoph Schulz, 29 Jahre alt, PR-Berater, hat noch nie auf ein Tier geschossen. Er steht gerade am Anfang seiner Jagdausbildung. Seit wenigen Wochen besucht er abends nach der Arbeit einen Kurs, den Schein wird er im Frühjahr machen. Gut möglich, dass sein Leben bis dahin vor allem aus dem Büro und dem Büffeln für den Schein besteht. An stressigen Tagen sitzt er schon mal an die 14 Stunden lang am Schreibtisch, dann der Unterricht an zwei Abenden in der Woche, ein Dutzend Termine zum Schießtraining. Er sagt: „Das ist etwas, wovon ich selbst überzeugt sein musste.“

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Wider die Entfremdung von der Natur

Bei der Arbeit hat er stets präsent und kundenorientiert zu sein. „Der Wunsch nach dem intensiven Naturerlebnis ist auch mit dem intensiven Arbeiten gekommen.“ Für das Töten muss er sich dennoch schon jetzt im Freundeskreis rechtfertigen - obwohl er noch nicht einmal eine Schießerlaubnis hat. „Ich war überrascht, in wie vielen Stereotypen die Jagd noch immer wahrgenommen wird.“

Nun könnte man ja wirklich einfach wandern gehen. Warum gleich auf Tiere schießen? Wenn man Wilken danach fragt, sagt er: „Der Tötungsakt ist ein Urinstinkt.“ Das meinen viele Jäger - selbst wenn der Kampf ums nackte Überleben in unserer Wohlstandsgesellschaft kaum eine Rolle mehr spielt. Aber vielleicht macht das ja sogar einen Teil der Attraktivität dieser besonderen Art der Freizeitgestaltung aus. Letzten Endes soll es beim Jagen in der Regel ohnehin nicht ums sinnlose Ballern gehen, sondern darum, den Bestand an Wild im Wald zu regulieren.

Psychologe Heubrock kennt noch ein weiteres Jagdmotiv: „Je mehr sich Menschen auf der einen Seite von der Natur entfremden, desto mehr wollen sie auf der anderen auch wieder Teil von ihr sein“, meint er. „Da reicht es nicht nur, den Esbitkocher auf der Wiese aufzustellen.“ Mit anderen Worten: Einigen mag die Wanderung zwar genügen, aber selbst wenn sie dafür Kopfschütteln ernten, scheint eine wachsende Zahl von Menschen mehr zu wollen.

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Eine Schlachtküche gehört zum Revier

Gerade junge Städter nehmen dafür einiges auf sich. Wilken zum Beispiel wohnt auf 60 Quadratmetern. In der Mietwohnung muss ein in den Boden gelassener Waffenschrank stehen, das ist Vorschrift. Vor kurzem ist er umgezogen. Also wurde der 200 Kilogramm schwere Schrank aus dem Fußboden der alten Wohnung herausgerissen und in der neuen wieder eingesetzt. Ein Umzug für sich.

Was sich dazu wohl kaum ein Jäger nehmen lassen würde: In die Tiefkühltruhe muss mehr passen als zwei Eis-Packs und ein Päckchen Rahmspinat. Wilken besitzt eine große Tiefkühltruhe, „bis zum Rand ist die gefüllt“. Jagd-Neuling Schulz hat sich gerade einen neuen Kühlschrank gekauft, jetzt wird ein Auto angeschafft. Das kann die Freundin auch nutzen, aber er nutzt es für die Jagd.

Dennoch, was macht man als Städter mit einem gerade erlegten Wildschwein? Schleift man es hinter sich her, das Treppenhaus hinauf in die kleine Küche? Bei Wilken im Kofferraum steht eine Wildwanne. „Manche nehmen ihr Wild komplett mit nach Hause“, sagt er. Das komme für ihn nicht in Frage, er nutzt eine Wildkammer, eine Art Schlachtküche, die zum Revier gehört. Eine halbe Stunde braucht er, um das Wild dort aufzubrechen, es auseinanderzunehmen, „ein Schwein nimmt auch mal mehr Zeit in Anspruch“.

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Wildbret im Kochtopf ist eine wichtige Motivation

Für Menschen, die mit der Jagd nichts am Hut haben, klingt das grausam. Dabei können der Trend, vegetarisch oder vegan zu leben, und der Trend, den Jagdschein abzulegen - zwei Phänomene, die ideologisch so weit voneinander entfernt liegen -, durchaus einem ähnlichen Motiv entspringen: der Sehnsucht nach Veränderung der eigenen Lebensweise, vor allem wenn es um die Ernährung geht.

Anja Blank ist Revierjägerin und unterrichtet an einer Jagdschule in Mecklenburg-Vorpommern Jagdhundewesen und Jagdbrauchtum. Unter je 100 Teilnehmern sind bei ihr im Jahr etwa 20 Frauen, sagt sie. Wenn sie zu Beginn des Kurses nach den Motiven für den Jagdschein fragt, antworten besonders die jungen Frauen mit dem Wunsch, gesünder zu kochen. „Die Lebensmittelherkunft“, sagt Blank, „spielt seit fünf Jahren eine größere Rolle.“ Gut möglich, dass die Menschen durch Lebensmittelskandale allmählich das Vertrauen verlieren in die industrielle Tierhaltung. Der eine verzichtet deshalb ganz auf Fleisch, der andere schießt es lieber selbst - so abstoßend das für viele klingen mag.

Neben der anschließenden Verwertung des Wildbrets im Kochtopf scheint eine weitere wichtige Motivation junger Jäger zu greifen: das Entschleunigen. Günther Klein, der an einer Jagdschule in Rheinland-Pfalz unterrichtet, sagt: „Für viele hat sich die Jagd schon gelohnt, wenn sie etwas Schönes gesehen haben.“

„Viele nehmen heute auch die Kinder mit“

Für dieses Schöne zahlt man einen hohen Preis. 1.200 Euro muss Wilken für die jährliche Mitgliedschaft im Pachtrevier aufwenden, an ein eigenes Revier ist schon aus Zeitgründen gar nicht zu denken. Fernglas und Gewehr haben zuletzt zusammen noch mal 4.500 Euro gekostet. Davon könnte er genauso gut mehrmals in den Urlaub fahren. „Aber dafür kann ich das hier immer machen“, sagt er. „Wenn ich draußen im Wald bin, dann schlendere ich, gucke hier, prüfe die Spuren der Tiere da. So komme ich auf andere Gedanken.“ Andere zieht es ins eigene Ferienhaus, ihm wird der Wald zum Ziel und meditativen Fluchtpunkt.

Nicht ohne Grund sprächen viele schon von ihrem Wald, sagt Psychologe Heubrock. Junge Jäger seien zwar „immer erpicht darauf, den ersten Bock zu erlegen“, meint er. Je erfahrener sie jedoch würden, desto mehr könnten sie sich auch einfach nur an der Schönheit des Waldes erfreuen. „Sie gehen zwei, drei Stunden raus, aber jagen nichts. Sie möchten vor allem die Berechtigung haben, in ihren Wald gehen zu können. Viele nehmen heute auch die Kinder mit.“ Vor zwanzig Jahren seien Kinder im Wald undenkbar gewesen: „Aus jagdtaktischer Sicht ist das nicht klug, die zappeln und schreien.“

Selten kommt da noch ein Tier vorbei. So wie heute. Nach Stunden auf dem Hochsitz hat Wilken genug Grün gesehen. Geschossen hat er nichts. Er läuft zu seinem A3, schaltet die Klimaanlage hoch und fährt zurück in die Stadt. Aus den Gärten zieht der Geruch von Grillfleisch bis auf die Straße. Auch Wilken will morgen Abend mit seinen Freunden grillen. In der Tiefkühltruhe lagern noch ein paar Rothirschrippchen.

*Nachnamen der Jäger geändert.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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