Soziale Medien

Mein Hobby? Instagram Husband

Von Thomas Klemm
Aktualisiert am 11.04.2017
 - 08:30
Der Instagram Husband macht seine Frau spontan zum Model.zur Bildergalerie
Instagram Husbands sind Bildkünstler, die im Verborgenen arbeiten. FAZ.NET präsentiert die Erfahrungen eines vielgefragten Hobbyfotografen. Oder ist es vielleicht doch eher ein Leidensbericht?

Andere Männer haben gemeinsame Hobbys. Sie spielen Fußball oder Schach, klettern über Gebirge oder durchwandern Täler, rennen oder radeln um die Wette, gehen zusammen in die Kneipe oder dreschen Skat. Alles supertolle Freizeitbeschäftigungen, erst recht in großer Runde. Beneidenswert.

Mein Hobby ist anders. Anspruchsvoll ist es, auch vielseitig. Es fordert Körper und Geist, und es erfordert Nerven. Mein Hobby folgt einer Routine. Erst schleppe ich einen Koffer, der randvoll gepackt und entsprechend gewichtig ist, dazu trage ich oft noch eine Fototasche über der Schulter. Die ganzen Utensilien lade ich ins Auto, fahre irgendwohin, und wenn ich dort angekommen bin, wartet der allergrößte Kitzel, die Krönung meiner Freizeitbeschäftigung: Ich fotografiere Backsteingemäuer, Holztüren, Parkbänke, Hinterhöfe, Waschsalons und was die Gegend sonst noch hergibt. Das mag nach Einsamkeit und Tristesse klingen. Aber so ist es nicht.

Codename: Instagram Husband

Meine Frau ist nämlich immer dabei. Sie ist sogar die treibende Kraft. Genauer gesagt: Sie hat für mich das Hobby gefunden, das ich überhaupt nicht gesucht habe. Noch präziser ausgedrückt: Eigentlich ist meine Frau mein Hobby. Denn ich fotografiere kaum etwas anderes als meine Frau – während sie vor Backsteinmauern und alten Holztüren posiert, sich auf Parkbänken räkelt oder in Hinterhöfen oder Waschsalons ulkige Körperhaltungen ausprobiert und dabei erstaunt, euphorisch oder ein wenig nachdenklich zu mir oder sonst wohin schaut. Was dabei herauskommt, ist kurz danach auf Instagram zu sehen. Auf dem Account meiner Frau. Ich habe keinen.

Bis vor kurzem habe ich gedacht, ich sei allein mit dem Hobby, das mir meine Frau bescherte, während sich alle anderen Männer in ihrer Freizeit grüppchenweise vergnügen. Das Internet, wer sonst, belehrte mich eines Besseren. Kaum zu glauben, von meiner Sorte gibt es eine ganze Menge! Lauter Typen, die sich aus Liebe von ihren Frauen einspannen lassen. Auch ihre Sonntagsausflüge enden in Fotoshootings, mit der Kamera oder dem Smartphone, und auch ihre Bilder sind nach kurzer Bearbeitung bei Instagram oder in einem anderen sozialen Netzwerk zu sehen. Dank der Männergruppe im Netz weiß ich inzwischen auch, wie ich mich hobbymäßig zu nennen habe: Instagram Husband.

Mitleiderregendes Männerhobby

Um ein Instagram Husband zu werden, benötigt man keinen Trauschein. Es genügt, wenn man Freund, Bekannter oder Bruder ist. Man braucht nur eine Frau, die sich gern auffallend anzieht und mit ihrer Mode andere Frauen inspirieren möchte. Was man als Instagram Husband noch braucht: Geduld. Viel Geduld. So viel, wie menschenmöglich ist.

In unserer Online-Männergruppe tauschen wir Instagram Husbands Erfahrungen aus. Wir posten die Bilder, die zuvor unsere Frauen gepostet haben, und erzählen dazu die Entstehungsgeschichten. Und bemitleiden uns dabei gegenseitig. Der arme Tropf, der die Möbel im Wohnzimmer ständig umherrücken muss, bis seine Frau mit dem Bildhintergrund einverstanden ist. Der bedauernswerte Typ, der mitten in einem Tunnel zum Anhalten genötigt wird, weil seine Freundin dort in der Dunkelheit unbedingt Fotos machen lassen will. Der mitleiderregende Mann, der in einem Restaurant nicht gleich zu Messer und Gabel greifen darf, sondern zuvor das ausgewählte Menu nebst Gattin ablichten muss.

Wer unsicher ist, ob er ein Instagram Husband ist oder nicht, für den gibt es einen Eingangstest. Unter anderem folgende Fragen sind zu beantworten: Haben Sie jemals Bilder von Ihrer Instagram-Frau gemacht, während sie so tat, als würde sie friedlich schlafen? Haben Sie starke Schwielen an dem Finger, mit dem Sie den Auslöser betätigen? Leiden Sie an unkontrollierbaren körperlichen Zuckungen, wenn Sie Wörter wie Ziegelmauer, Selfie, Schuhe oder „das Essen ist da“ hören? Stehen Sie öfter auf Eisenbahnschienen als früher, bevor Sie Ihre Instagram-Frau kennengelernt haben? Wer alle Fragen bejaht, weiß unser Mitgefühl zu schätzen.

Ein undankbares Tagewerk

Die amerikanische Comedy-Show „The Mystery Hour“, Urheberin der Selbsthilfegruppe für Instagram Husbands, hat ein lustiges Video gedreht, in dem Betroffene ihr Leid beklagen. „Hinter jedem hübschen Mädchen auf Instagram steht ein Typ wie ich und eine Ziegelwand“, sagt Jeff. Sein Leidensgenosse Trey jammert: „Im Grunde bin ich nur ein lebender Selfiestick.“ Wir Instagram Husbands fühlen uns als Handlanger, würden aber gern als Künstler angesehen werden. Angeblich steckt ja hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau – warum aber redet in unserer Gesellschaft keiner davon, dass hinter einer auf Instagram erfolgreichen Frau immer ein starker und vielleicht sogar begabter Mann steckt? Bei jedem x-beliebigen Low-Budget-Film wird der letzte Kabelträger im Abspann erwähnt. Wir Instagram Husbands bleiben in der Regel auf ewig anonym.

Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Hintermänner bekannter Bloggerinnen mit millionenfacher Gefolgschaft. So sucht sich Chiara Ferragni, die als erfolgreichste Modebloggerin der Welt gilt und bei allen möglichen Schauen umgarnt wird, stets die passenden Freunde. Ihr erster Instagram Husband Riccardo Pozzoli, der sie 2009 in Parka und Strickmütze auf einem schneebedeckten Feld ablichtete, ist heute ihr Manager. Der aktuelle Lebensgefährte der Neunundzwanzigjährigen heißt Andrew Arthur und ist, wie praktisch, hauptberuflich Modefotograf. Selbstverständlich drückt Arthur, selbst hyperaktiv auf Instagram, daheim in Los Angeles auch für seine liebe Chiara auf den Auslöser. Auch andere bekannte Instagram-Beautys bedienen sich ihrer Männer. Darunter Chiara Ferragnis jüngere Schwester Valentina, deren Knipserfreund Luca Vezil ebenfalls Blogger ist. Oder die Deutsche Veronika Heilbrunner. Sie vertraute eine Weile auf ihren Leibfotografen Justin O'Shea, vorübergehend Kreativdirektor bei Brioni und selbst eine Street-Style-Ikone. Ob die Zusammenarbeit der Promi-Pärchen ähnlich spannungsgeladen ist wie die eines gewöhnlichen Instagram-Paars?

Die älteste Scheune mit der morschesten grünen Holztür

Gerade zu Anfang birgt die Arbeit von Instagram Husband und Wife viel Konfliktpotential. Das beginnt beim Outfit, in dem sich die Gattin gern abgelichtet sähe. Mitunter kombiniert sie die schrägsten Sachen, trägt unter dem rosafarbenen Wollmantel eine mit bunten Farbspritzern verzierte Bluejeans mit grünem Ledergürtel. Da sich über Geschmack nicht streiten lässt, verbietet es sich strikt, die leisesten Bedenken zu äußern oder nur eine Augenbraue leicht nach oben zu ziehen. Es gilt, das Outfit stillschweigend zu akzeptieren. Diese Contenance zu lernen ist hart. Auch die Duldsamkeit, an der frischen Luft eine kleine Ewigkeit auf und ab zu gehen, während sich die Frau im beheizten Auto umzieht für den nächsten Teil des sonntäglichen Shootings, lernt man nicht von heute auf morgen. Anfangs glaubte ich wirklich noch, dass wir für „zwei oder drei Fotos“ ins Grüne fuhren. Inzwischen weiß ich, dass damit zwei oder drei Outfits gemeint sind.

Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

Früher, als unbedarfter Fotogatte, hatte ich auch noch versucht, mein Aufgabengebiet auf die Stilberatung auszuweiten. Mein guter Geschmack kam allerdings nicht an, jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet hatte. Damit sich das Gemüt meiner Frau wieder abkühlte, musste ich eine Reihe erstklassiger Fotos abliefern. Dass die Spannungen beim Shooting auf keinem Bild zu erkennen sind, zählt zweifellos zu unseren größten Leistungen.

Heikel wird es auch bei der Auswahl des Aufnahmeorts, also der Location, wie sogar wir Hobbyfotografen sagen. Meine Frau hat klare Vorstellungen, welcher Hintergrund ihre Outfits besonders betont. So kommt man als Instagram Husband in Ecken, von denen man niemals zu träumen wagte. In New York hat sich meine Frau das schönste baufällige Fabrikgebäude in Brooklyn als Hintergrund ausgesucht. Auf der Insel Amrum haben wir die älteste Scheune mit der morschesten grünen Holztür gefunden. An der niederländischen Küste haben wir einen potthässlichen Betonbunker aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Vor diesem tristen Hintergrund erstrahlte der rote Minirock umso heller.

„Wie sehe ich auf den Fotos aus?“

Von Zeit zu Zeit, wenn ich der alten Gemäuer und verwitterten Parkbänke überdrüssig bin, wage ich einen Vorschlag. Mancher wird goutiert, wenn auch nach kleiner Auseinandersetzung. Ich frage: Wie wäre ein Shooting im Kellergewölbe? Meine Frau antwortet: Ist zu dunkel, zu dreckig, passt nicht zu meinem Outfit. Wir diskutieren. Am Ende sind die Fotos aus dem Keller bei der Instagram-Gefolgschaft echt gut angekommen. Ein weiterer Vorstoß: Ich frage, wie wäre es vor der orangefarbenen Häuserwand? Meine Frau erwidert: Orange steht mir nicht. Es folgt ein Wortwechsel, bis wir es auf einen Versuch ankommen lassen. Die Fotos gehörten zu denen, die das weibliche Instagram-Publikum am meisten begeisterten.

Solche Erfolge haben mich in den Augen meiner Gattin zu einem durchaus tauglichen Location-Scout gemacht. Die Folge dieses Zuspruchs ist, dass ich seither beim Stadtbummel kaum noch darauf achte, was um mich herum geschieht. Sondern die Straßen konzentriert nach geeigneten Hintergrundmotiven für das nächste Sonntags-Shooting absuche. Und dadurch stets Gefahr laufe, vors nächste Auto zu rennen.

Der heikle Höhepunkt meines Hobbys ist das Fotografieren. Wir Instagram Husbands wollen die Sache schnell hinter uns bringen: auf den Auslöser drücken und Schluss. Leider sollen wir beim Fotografieren auch noch reden, obwohl doch jeder weiß, wie schwer sich Männer damit tun, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Während wir also am Strand knien und verzweifelt versuchen, das Gleichgewicht zu halten, werden wir mit Anweisungen bombardiert. „Du musst schon sagen, wie ich gucken soll! Wie lange soll ich die Pose noch halten? Bist du fertig? Sag doch was!“ Am Ende kommt die allerschwierigste Frage: „Wie sehe ich auf den Fotos aus?“ Die Antwort: toll, wie immer. Erleichtert zu schweigen ist keine Option.

Zwei, drei Fotos von meiner Frau und ihrem Essen

Eigentlich ist die Meinung von uns Instagram Husbands aber gar nicht von Belang. Entscheidend ist, was die Hunderte oder Tausende anderer Frauen sagen, deren kritischen Blicken die Modefotos standhalten müssen. In der Regel zeigen sie sich angetan, finden die Outfits hinreißend. Von Zeit zu Zeit findet sich gar ein Instagram Wife, das nicht nur die Kleidung lobt, sondern auch das Werk des Fotografen. Das teilt mir meine Frau dann sofort mit, und obwohl ich derartige Komplimente äußerlich mit größtmöglicher Gelassenheit zur Kenntnis nehme, gerate ich heimlich doch ins Träumen: Ist an mir vielleicht ein zweiter Wolfgang Tillmans oder Mario Testino verlorengegangen? Soll ich mein Hobby zum Beruf machen?

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Ein bisschen was lässt sich sogar als Instagram Husband verdienen – mit der richtigen Frau. Meine Gattin jedenfalls weiß meine Bemühungen zu schätzen und lädt mich nach erfolgreichen Shootings gelegentlich zum Essen ein. Wir gehen in ein gutes Restaurant, bestellen und plaudern, bis der Kellner die Speisen auf den Tisch stellt. Dann schaut sie mir tief in die Augen. Was ich gut verstehe. Ich zücke mein Smartphone und schieße zwei, drei Fotos von meiner Frau und ihrem Essen.

Die Ergebnisse der Shootings sind auf Instagram und im Netz unter „Oceanblue Style at Manderley“ zu sehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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