Die drei Neuen von Aesop

„Literatur hilft mir, einen Duft zu visualisieren“

Von Maria Wiesner
30.08.2021
, 07:12
Ließ sich von Literatur und Philosophie zu den neuen Düften für Aesop inspirieren: Parfumeur Barnabé Fillion
Wie riecht ein Parfum, das von Moby Dick inspiriert ist? Und mit welchen Zutaten fängt man fiktive Landschaften in Parfumflakons ein? Ein Interview mit Parfumeur Barnabé Fillion über seine neuesten Kreationen für Aesop.

Herr Fillion, die drei neuen Düfte, die Sie für die australische Marke Aesop entworfen haben, kreieren Bilder vom Meer, von der Küste, von Orten, die die Natur zurückerobert hat, Orte, nach denen sich viele während der langen Lockdowns gesehnt haben. Woher haben Sie die Inspiration dafür genommen?

Bei der Kollektion geht es um Grenzräume, um das Verwischen der Grenzen zwischen der Imagination und den realen Orten. Ich habe mich von der Arbeit verschiedener Philosophen beeinflussen lassen. Es ging also weniger darum, einen Ort zu vermissen oder einen Ort zu rekreieren, den man bereits besucht hat, und vielmehr um ein sehr poetisches Konzept davon. Orte also, an denen sich Mythologie, Poesie und verschiedene Zeitebenen treffen.

Das klingt eher nach einer Art Traumlandschaft …

So in etwa. Nehmen wir zum Beispiel „Miraceti“, da geht es um den Mythos des Meeres, da spielen für mich die griechische Mythologie genauso hinein wie das obskure Objekt der Begierde und die Geschichte von Moby Dick.

Obwohl es vom Meer inspiriert ist, hat „Miraceti“ eine sehr warme, harzige Labdanumnote, die an Holz denken lässt.

Mich beschäftigte bei Moby Dick besonders die Stelle, die im Rumpf des Schiffes spielt, in einem kleinen Raum unter Deck. Da wird die Erfahrung beschrieben, in einem Stück Holz gefangen auf dem Ozean zu treiben. Die Kraft des Kapitäns steckt aber auch in dem Duft, wenn er gegen die Naturgewalten kämpft und seinem Traum nachjagt – das meine ich mit dem „obskuren Objekt der Begierde“. Und dann kommen auch die anderen Noten dazu: der Geruch von Holz, der Geruch der See bei Nacht, Whisky. Das Zusammenspiel von Mensch und Natur vermessen alle drei Düfte, Miraceti, Erémia und Karst.

Mit Yuzu, Iris und Galbanum: Erémia von Aesop, 50 ml um 160 Euro.
Mit Yuzu, Iris und Galbanum: Erémia von Aesop, 50 ml um 160 Euro. Bild: Aesop

Zum Duft „Erémia“ heißt es, er sei von einer urbanen Ruinenlandschaft inspiriert. Wie kann man sich das vorstellen?

Der Name spielt mit dem Konzept der „Chora“ in der griechischen Philosophie. Das Wort bezeichnet einen Platz außerhalb der antiken Stadt. Dieser Ort war wie ein Garten, ein Platz in der Stadtperipherie, von dem aus man auf das urbane Leben zurückblicken kann. Ein Ort also, um über die Stadt und die Dinge, die man dort tun kann, nachzudenken. Mich faszinierte die Idee eines Gartens, der kein richtiger Garten ist, sondern den städtischen Aspekt beinhaltet. Die Idee von Natur, die sich ihren Raum im Beton zurückerobert. Mit diesen Bildern habe ich gespielt: die Schönheit einer Stadt im Sommer auszuweiten auf den Aspekt, dass dort viel wildes Grün zwischen den Stadtmauern wächst, ein Ort der irgendwo zwischen dem Brachland und einem wilden Garten angesiedelt ist.

Der frischeste Duft unter den dreien ist „Karst“.

Da geht es wieder um eine andere Landschaft, eine leere, karge Landschaft, ein Kliff, das zum Meer hin abfällt, den Raum also, wo sich Meer und Land treffen. Ich hatte ein Buch des französischen Historikers Alain Corbin über das Meer und die Küste gelesen. Er erklärt darin, dass jedes Jahr dutzende Kilometer unserer Küste einfach verschwinden, weil das Meer sie auffrisst. Und gleichzeitig ist die Küste der Ort, an dem wir so viele Dinge finden, mit denen wir nie gerechnet haben, manchmal werden dort sogar Sachen aus unserer Vergangenheit angespült. Die Bewegung des Meeres verbindet verschiedene Zeitebenen miteinander. Ein wenig haben mich zu dem Duft auch Nietzsches Gedanken über den Geruch der Luft inspiriert. Ich war auf der Suche nach dem wahren Geruch reiner Luft.

Ihr Ansatz scheint ein sehr literarischer zu sein. Das ist für einen Parfumer ungewöhnlich.

Die Recherche begann für mich in der Diskussion mit einem Freund über den Begriff „Othertopias“, der die Aesop-Düfte zusammenfassen soll. Ich hab dann die Gespräche erweitert, mich mit dem Aesop-Gründer über die Ideen unterhalten. Und ja, dann kam die Philosophie mit hinein, das ist tatsächlich eher meine Herangehensweise. Die Literatur hilft mir, zu visualisieren, was ich in Duft ausdrücken will. Wenn man ein Buch liest, dann entsteht im Kopf ein Bild, ein Ort der nicht real ist, aber sehr real scheint. Das ist es, was „Othertopia“ bedeutet. Und bei Parfum passiert fast das gleiche, die Düfte rufen Assoziationen hervor, lassen Bilder und Erinnerungen im Kopf entstehen. Was genau man dann denkt, das kann ich nicht kontrollieren, aber ich kann die Richtung des Bildes anstoßen.

Das Konzept von Orten, die irgendwo zwischen der realen Welt und unserer Imagination liegen, scheint mir sehr zeitgemäß. Immerhin haben die meisten von uns das vergangene Jahr in diversen Lockdowns verbringen müssen, die einzige Flucht daraus gelang durch Bücher, Kunst, Filme. Haben wir also alle schon Erfahrung mit solchen Orten, die Sie „Othertopias“ nennen?

Oh ja, definitiv. Ich habe mir niemals vorstellen können, so etwas einmal zu erleben. Es war sehr interessant zu sehen, wie viel Kreativität noch möglich war, obwohl wir alle nur den ganzen Tag vor unseren Bildschirmen hingen. Der Effekt, den Sie mit Kunst beschreiben, ist auch einer, den wir mit „Othertopias“ zu erreichen suchen. Die Düfte sollen an einen anderen Ort versetzen, einen, den man auf der Haut trägt.

Hommage an das Meer bei Nacht und einen Whisky unter Deck: Duft „Miraceti“ von Aesop, 50 ml um 160 Euro
Hommage an das Meer bei Nacht und einen Whisky unter Deck: Duft „Miraceti“ von Aesop, 50 ml um 160 Euro Bild: Aesop

Wie haben Sie denn die Pandemie erlebt?

Ich war sehr privilegiert, denn ich konnte den Lockdown noch etwas hinauszögern. Ich habe Paris einen Monat, bevor der erste Lockdown kam, verlassen und bin nach Mexiko gezogen. Ich wusste also schon, was kommen würde und habe umso mehr genossen, dass in Mexiko noch einige Dinge möglich waren. Und dann habe ich mich komplett auf den Umzug konzentriert. Wir haben hier ein neues Haus, ich habe mit einer ganzen Reihe neuer Projekte angefangen, einige mit Aesop, einige mit meiner eigenen neuen Marke Arpa. Und ich hatte Gelegenheit, einige Orte für meine Arbeit zu besuchen, die ich in normalen Jahren nicht hätte erreichen können, weil dort zu viele Leute unterwegs gewesen wären. Ich war in Äthiopien, am heißesten Ort der Erde, wo ein Vulkan unter einer Salzkruste liegt. Ich war in Lalibela in einer fantastischen orthodoxen Kirche, die dort wieder ausgegraben wird, wo ich den schönsten Weihrauch von einem Priester kaufen konnte. Ich bin nach Indien gereist, wo man eine Parfumversion herstellt, die sich Attar nennt und mich schon immer fasziniert hatte. Ich habe dort studiert, was man mit dieser Technik so alles anstellen kann. Seit ich zurück in Mexiko bin, träume ich oft von diesen Reisen.

Hat Parfum Ihnen geholfen, durch die Zeit des Abstandhaltens zu kommen?

Natürlich half Parfum dabei, mit der Geschichte all der Zutaten, die ich bei den Reisen entdeckt habe, in Verbindung zu treten. Parfum half mir, mein sensorisches Erinnerungsvermögen zu stimulieren, auch wenn ich gerade nicht reiste.

Wir hatten zu Beginn über Moby Dick gesprochen und den Kapitän, der dem Wal hinterherjagt. Haben Sie so etwas, nicht unbedingt einen Wal, aber einen Duft, den Sie schon immer versucht haben, in einer Flasche zu fangen?

Ich denke, dieser Kampf etwas zu jagen, dass man gar nicht einfangen kann, spiegelt sehr gut mein Herangehen an Kreativität wider. Ich bin nie zufrieden mit der Arbeit, die ich gerade beendet habe oder mit der Arbeit, mit der ich mich gerade beschäftige. Es passiert mir manchmal, das ich mitten in einem Projekt denke, ich würde die Kontrolle darüber verlieren und wüsste nicht mehr genau, worauf ich eigentlich hinaus wollte und zwei Tage später, wenn ich die Duftproben noch einmal unter der Nase habe, stelle ich fest, dass ich einfach zu tief in den Details gesteckt habe. Also ja, in meiner praktischen Arbeit geht es sehr viel ums Jagen nach der richtigen Duftnote. Ich unterbreche diese Jagd nur, um mehr Informationen zu sammeln, eine andere Methode auszuprobieren oder nach einer anderen Inspiration zu suchen und am Ende bin ich immer bereichert, wenn ich meine Arbeit mit anderen Menschen teilen kann.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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