Isabella Rosselini im Gespräch

„Ich mag die Schauspielerei, aber ich brenne nicht für sie“

Von Patrick Heidmann
02.06.2021
, 21:07
Die Schauspielerin Isabella Rossellini spricht im Interview über ihr Leben auf einer Farm, die Sky-Serie „Domina“ – und darüber, wie italienisch sie sich fühlt.

Frau Rossellini, als wir uns vor neun Jahren anlässlich eines Films namens „Late Bloomers“ unterhielten, wähnten Sie das Ende Ihrer Schauspielkarriere unmittelbar bevorstehend und hatten nicht einmal mehr einen Agenten. Nun feiern Sie bald Ihren 69. Geburtstag und drehen so viel wie lange nicht. Woher der Sinneswandel?

Wirklich seltsam, nicht wahr? Geplant war das so nicht, denn ganz ehrlich: Ich mag die Schauspielerei, aber ich brenne nicht unbedingt für sie. Nachdem ich den Film „Joy“ mit Jennifer Lawrence und Bob de Niro gedreht hatte, hatte ich plötzlich wieder eine Agentur und mit einem Mal trudelten Angebote ein. Wahnsinnig viel drehe ich allerdings nach wie vor nicht, sondern bin eher recht wählerisch.

Haben Sie bei der Serie „Domina“, in der Sie eine Bordellchefin im alten Rom spielen, sofort zugesagt?

Eigentlich hatte ich meinem Agenten gesagt: bloß keine Serien, ich will nicht so lange von meiner Familie getrennt sein. Ich habe auch kein Interesse, vier Monate lang einen Film in Polen zu drehen, einfach weil ich nicht mehr so viel reisen möchte. Aber „Domina“ konnte ich nicht ablehnen, nicht nur, weil die Rolle wirklich viel Spaß macht. Sondern vor allem, weil wir in Rom und in den Cinecittà-Studios gedreht haben. Das war für mich natürlich ein wenig wie eine Rückkehr nach Hause.

Rom ist Ihre Geburtsstadt. Fühlen Sie sich dort noch heimisch?

Selbstverständlich, schon wegen all der Verwandtschaft, die ich in Rom noch habe. Mein Bruder lebt dort, außerdem diverse Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen. Normalerweise bin ich wirklich oft dort, mindestens zweimal im Jahr. Zuletzt aber natürlich leider nicht mehr. Meine Szenen für „Domina“ waren schon vor Corona abgedreht, inzwischen war ich mehr als anderthalb Jahre nicht mehr in Italien. So lange wie vermutlich noch nie.

Wann kommt denn in New York die Italienerin in Ihnen durch?

Ich finde es immer sehr schwer, von außen betrachtet über mich zu sprechen. Aber sicherlich hat meine Geselligkeit italienische Wurzeln. Ich habe wirklich viele Freundinnen und Freunde, die ich oft sehe. Und auf meiner Farm auf dem Land in Bellport, New York, liebe ich es, große Dinner zu veranstalten, die vielleicht an große Abendessen in der Toskana erinnern.

Gleichzeitig haben Sie auch die US-Staatsbürgerschaft. Fühlen Sie sich amerikanisch?

Vermutlich könnte man sagen, dass mein Leben und vor allem meine Karriere sehr amerikanisch sind. Ich war Model und Schauspielerin, habe geschrieben und Regie geführt, außerdem manage ich einen Bauernhof. Ich denke nicht, dass ich in Europa alle diese Chancen gehabt und wahrgenommen hätte. In Italien sagt man gerne, dass es vor allem darum geht, die Nachbarn zu beeindrucken. Deswegen haben alle Angst vorm Scheitern – und niemand wagt sich an Neues. In Amerika dagegen ist es erlaubt, sich auszuprobieren. Und wenn mal etwas schief geht, versucht man eben etwas anderes. Dieses Gefühl von Flexibilität im Job ist in meinem Leben sicherlich das Amerikanischste.

Nochmal zurück zu Ihrer Kindheit in Italien: würden Sie sagen, dass Sie damals an Filmsets aufgewachsen sind?

Definitiv, das war so. Ich war schon mit acht Monaten bei Dreharbeiten dabei, lange bevor ich laufen oder sprechen konnte. Und nicht selten habe ich meine Eltern eben in die besagten Cinecittà-Studios begleitet. Als ich jetzt für die Arbeit an „Domina“ wieder dort war, erinnerte ich mich sogar noch an einige der Garderoben. Viele der Handwerker, die heute dort arbeiten, sind Teil einer langen Familientradition. Ich bin dort tatsächlich auf Menschen getroffen, deren Eltern oder Großeltern schon mit meinem Vater zusammengearbeitet haben. Ist das nicht wundervoll?

Sie selbst fangen immer an zu strahlen, wenn Sie über Ihre Eltern sprechen, was nicht selten ist. Haben Sie deren Vermächtnis nie als erdrückend und übermächtig empfunden?

Doch, sicherlich. Deswegen hatte ich anfangs auch nicht vor, in der Filmbranche zu landen. Begonnen habe ich meine Karriere beim Fernsehen, mit Komikern wie Roberto Benigni. Und dann wurde ich irgendwann Model. Das gefiel mir, denn ich war an Sets und es gab Kameras, aber es war trotzdem etwas anderes als die Arbeit am Film. Auf die Schauspielerei hatte ich eigentlich keine Lust, denn ich wusste, dass es mir keinen Spaß machen würde, mit meiner Mutter verglichen zu werden. Was sich dann übrigens auch bewahrheitete, als ich schließlich doch einen Film drehte.

Was ließ Sie umdenken?

Durch das Modeln gewann ich an Selbstvertrauen, und als sich dann die Gelegenheit zu einem Film mit den in Italien sehr angesehenen Taviani-Brüdern ergab, ermutigte mich meine Mutter, mir dieses Abenteuer nicht entgehen zu lassen. Tatsächlich hat mir das Drehen unglaublich viel Spaß gemacht, aber die Kritiken waren dann so schlecht, dass ich das mit der Schauspielerei für die nächsten drei Jahre wieder sein ließ. Der Fotograf Richard Avedon war es dann, der mich abermals ermutigte. Er meinte, was ich vor seiner Kamera mache, sei doch auch schon Schauspielerei. Beim Film käme lediglich noch ein wenig Text dazu. Als ich dann mit David Lynch „Blue Velvet“ drehte, war das eine der beglückendsten Erfahrungen meines Lebens. Also blieb ich dieses Mal dabei.

Zu „Blue Velvet“ oder Ihrem früheren Lebensgefährten David Lynch posten Sie auch immer mal wieder etwas auf Ihrem Instagram-Account. Vor allem aber sieht man dort Ihren Alltag auf der Farm – und Ihre beiden Kinder, Elettra und Roberto!

Ach, Instagram. Eigentlich habe ich damit ja nur angefangen, weil das heutzutage von einem erwartet wird, wenn man als Schauspielerin arbeitet. Aber es ist ja auch gar nicht so schlecht, wenn wir Alten ein bisschen am Ball bleiben, was neue Entwicklungen angeht. Und ich kann nicht leugnen, dass ich inzwischen auch ein bisschen Freude daran habe. Wo Sie übrigens gerade meine Kinder erwähnen: Da könnte man nochmal anknüpfen an die Frage nach der Italienerin in mir.

Weil Sie eine typische italienische Mamma sind?

Zumindest ist mir der Familienanschluss unglaublich wichtig. Meine Tochter lebt samt Mann und Kindern direkt nebenan, wir sehen uns eigentlich jeden Tag. Oder könnten das zumindest. Und mein Sohn wohnt zwar eigentlich in New York City, hat aber auch ein kleines Cottage direkt hier in der Nachbarschaft. Wir lassen uns schon Raum, keine Sorge. Aber wir sind uns doch alle sehr nah und eng verbunden, und das erscheint mir recht italienisch. Die Kinder meiner amerikanischen Freundinnen leben oft weit weg, in anderen Bundesstaaten, und manche sehen sich nur zweimal im Jahr, zu Thanksgiving und Weihnachten. Für sie ist das normal, was ja auch okay ist. Mich allerdings würde das traurig machen.

Zur Person

Geboren am 18. Juni 1952 als Tochter des Regisseurs Roberto Rossellini und der Schauspielerin Ingrid Bergman war Isabella Rossellini eigentlich schon qua Geburt ein Teil der Filmgeschichte. Ihren eigentlichen Platz dort sicherte sie sich allerdings erst über Umwege. Von 1979 an war sie drei Jahre lang mit Martin Scorsese verheiratet (und im Anschluss mit dem Model Jon Wiedemann), lange Zeit arbeitete sie überwiegend als Model. Der Durchbruch als Schauspielerin gelang ihr 1986 mit „Blue Velvet“, unter der Regie ihres damaligen Lebensgefährten David Lynch. Zu Rossellinis bekanntesten Filmen gehören „Der Tod steht ihr gut“, „Wyatt Earp“ oder „Huhn mit Pflaumen“, aber sie war auch in Serien wie „Alias“, „30 Rock“ oder „Friends“ zu sehen. Aktuell spielt sie eine Nebenrolle in der Serie „Domina“ (ab 3. Juni bei Sky), die vom Weg der Livia Drusilla vom jungen Mädchen zur mächtigsten Herrscherin Roms erzählt. Außerdem war kürzlich beim Münchener DOK.fest der Dokumentarfilm „The Rossellinis“ zu sehen, in dem ihr Neffe Alessandro sich der Familie väterlicherseits widmet. Wir erreichten Rossellini per Videotelefonat auf ihrer Farm im US-Bundesstaat New York.

Quelle: FAZ.NET
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