Das Comic-Eigelb Gudetama

Antriebslosigkeit als Geschäftsmodell

Von David Rech
Aktualisiert am 19.11.2020
 - 19:39
Eine Gudetama-Figur bei einem Einkaufszentrum in China
Das depressive Comic-Eigelb Gudetama soll eine Heilwirkung für alle Japaner haben, die arbeitsmüde sind. Doch das gut vermarktete Produkt verniedlicht psychische Erkrankungen und die Unzufriedenheit einer ganzen Generation.

Gudetama zittert, stößt ein zartes „Ah“ aus und verkriecht sich wieder unter einer dicken Scheibe Speck. Am Leben teilhaben? Heute nicht. Gudetama ist ein Comic-Eigelb, das es mit wenig Arbeit und viel Antriebslosigkeit geschafft hat, nicht nur Verkaufsschlager, sondern auch Ei-gewordenes Sinnbild einer ganzen Generation von Japanern zu werden.

Der Name der Figur ist Programm. Gudegude ist im Japanischen ein Ausdruck für Antriebslosigkeit und Langweile, tama kommt von tamago, was „Ei“ bedeutet. Das faule Ei liegt meistens auf einem Teller, auf einer Portion Reis oder verkriecht sich in einem Sandwich und protestiert gegen das Leben, das ihm aufgezwungen wurde. Damit haben die Erfinder des lethargischen Eis einen Nerv in der japanischen Gesellschaft getroffen. Gerade bei Millennials ist Gudetama sehr beliebt, viele identifizieren sich mit der Figur und sagen ihr eine gewisse seelische Heilwirkung nach. Katharsis durch ein depressives Ei, kann das gehen?

Gudetama ist das kleine Geschwisterchen von Hello Kitty. Beide entstammen dem japanischen Unternehmen Sanrio, das es versteht, Produkte herzustellen, die einen gesellschaftlichen Zeitgeist reflektieren. Hello Kitty ist Symbolfigur für die japanische Kawaii-Kultur, alles süß, niedlich und kindhaft zu machen. Gudetama ist das Paradebeispiel des sogenannten Kimo-Kawaii-Trends. Kimo-Kawaii bedeutet so viel wie eklig- oder gruselig-süß. Hello Kitty eroberte die Welt – Gudetama die japanischen Millennials.

Das Eigelb ist sich seiner Zukunft bewusst, es lebt, um gegessen zu werden. Und das Leben besteht darin, genau darauf zu warten. Ähnlich sind sich viele junge Japaner den düsteren Aussichten des Arbeitsmarktes bewusst. Früher ließen sich harte Arbeit und die Investition in eine gute Bildung in stabile Beschäftigungsverhältnisse, gute betriebliche Aufstiegsmöglichkeiten und gute Bezahlung übersetzen. Heute stehen jungen Japanern prekäre Beschäftigungsverhältnisse, schlechte Bezahlungen und eine chronische Überarbeitung bevor. Karoshi, Tod durch Arbeit, ist in Japan eine offizielle Todesursache.

Immer mehr Japaner entscheiden sich für alternative Lebensmodelle

Immer mehr Menschen lehnen soziale Kontakte und Arbeit ab. Die sogenannten Hikikomori („die, die sich zurückziehen“) leben in Isolation, oft auch, weil sie dem Druck der Leistungsgesellschaft nicht standhalten können. Die Regierung geht von mehr als einer Millionen Menschen aus, Experten sogar von doppelt so vielen. Hikikomori sind Extremfälle, doch die Zahlen der Menschen, die sich für alternative Lebensmodelle entscheiden, wächst: Das Akronym NEET („Not in Education, Employment or Training“) bezeichnet Jugendliche und junge Erwachsene, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich in keiner beruflichen Ausbildung befinden. Die sogenannten „Freeter“ gehen bewusst keinen Vollzeitbeschäftigungen nach, sondern arbeiten in schlecht bezahlten Jobs, die keine besondere Ausbildung benötigen.

Gleichzeitig ist die Selbstmordrate in Japan hoch und zählt als häufigste Todesursache von Männern im Alter von 20 bis 44 Jahren und Frauen im Alter von 15 und 34 Jahren. Die Zahl der Selbstmorde in Japan jüngst während der Corona-Pandemie rasant gestiegen, wie die „Japan Times“ unter Berufung auf die Polizei berichtet. Über 2100 Menschen nahmen sich demnach allein im Oktober das Leben, ein neuer Höchststand seit 2015. Im Vergleich zum Oktober 2019 ist die Zahl der Frauen unter den Opfern um mehr als 80 Prozent gestiegen. In der Corona-Pandemie sind sie auch öfter von Arbeitsplatzverlusten betroffen.

Gründe für Suizide sind vielseitig, lassen sich aber oft in psychischen Erkrankungen wie Depression finden. Depression soll in Japan weit verbreitet sein, bleibt aber meist unbehandelt und ist nach wie vor stigmatisiert. Beschrieben wird die Erkrankung als kokoro no kaze – eine Erkältung der Seele. Theodore Bonnah von der Kobe University in Japan zieht hier Parallelen zwischen Comic und Realität.

Gudetama zeigt alle Anzeichen einer Depression. Abgetan wird es als faul. Über die Videos wird gelacht. Das Comic-Eigelb verniedlicht und kommerzialisiert reale Probleme junger Menschen wie die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsmarkt und den Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft, kritisiert Bonnah. Über 64 Millionen Mal wurden die Youtube-Videos des lethargischen Eis schon aufgerufen, auf Twitter hat Gudetama mehr als eine Million Follower. Es leiht zahlreichen Produkten sein Gesicht, seine Comics zieren Züge und Flugzeuge, selbst Gudetama-Restaurants gibt es – und das nicht nur in Japan. Für Sanrio beweist sich das depressive Eigelb als gutes Geschäft. Die Heilungsfunktion von Gudetama aber ist ein falscher Fluchtweg, denn Depression ist nicht kawaii.


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Quelle: FAZ.NET
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