Kathy Bates im Interview

„Zuhause fühle ich mich eigentlich nur in der Arbeit“

Von Patrick Heidmann
29.07.2021
, 20:05
Jake McLaughlin als Marvin und Kathy Bates als Bernadette in einer Szene des Films „Home“
Während des Lockdowns war Kathy Bates nicht mehr die Alte, denn der Schauspielerin fehlte die Arbeit. Im Gespräch erzählt sie zum Kinostart von Franka Potentes Regiedebüt „Home“, was sie mit dem Wort „Zuhause“ verbindet.

Frau Bates, kannten Sie Franka Potente, bevor sie Ihnen eine Rolle in ihrem Regiedebüt „Home“ anbot?

Nicht persönlich. Aber ich war durchaus mit ihrer Arbeit als Schauspielerin vertraut. „Lola rennt“ etwa habe ich vor vielen Jahren gesehen, und anschließend auch ihren ersten amerikanischen Film „Blow“. Als wir uns kennen lernten, war sie mir auf Anhieb sympathisch, deswegen hatte ich Lust auf die Arbeit mit ihr.

Waren Sie nicht irritiert davon, dass eine deutsche Regiedebütantin ausgerechnet eine Geschichte über das Leben in der amerikanischen Provinz erzählen will?

Natürlich hat mich das überrascht. Gleichzeitig gibt es ja aber eine Tradition europäischer Regisseure, die ihren Blick auf die USA richten. Mein allererster Film war 1971 „Taking Off“ von Miloš Forman, der damals frisch aus der Tschechoslowakei nach Amerika gekommen war. Ich fand es bemerkenswert, was er zu sagen hatte über Drogen, Rock’n’Roll und die ganze Hippie-Kultur und wie präzise er auch die Abgründe in unserer Gesellschaft oder die Atmosphäre in New York einfing. Bei Franka war es nun ähnlich. Ich konnte nicht wirklich eine Verbindung zwischen ihr und ihrem Sujet erkennen. Aber trotzdem erstaunlich viel Wahrhaftigkeit.

Dass Potente selbst Schauspielerin ist, machte sich in der Arbeit sicherlich bemerkbar, oder?

Tatsächlich fühlte ich mich dadurch in ihren Händen besonders gut aufgehoben. Weil ich um die Qualität ihrer eigenen Arbeit vor der Kamera wusste, habe ich ihr voll vertraut. Abgesehen davon war ich ja selbst schon mal in ihrer Position, als ich selbst eine Weile lang auch als Regisseurin tätig war.

Warum haben Sie damit eigentlich wieder aufgehört?

Nicht, weil ich keine Freude daran gehabt hätte. Im Gegenteil. Ich hatte ein paar Fernsehfilme inszeniert und Episoden von Serien wie „Six Feet Under“, was mir viel Freude bereitet hat. Aber im Grunde war ich erst am Anfang meiner Regiekarriere. Dann wurde 2003 bei mir Eierstockkrebs diagnostiziert, was mir erst einmal den Boden unter den Füßen wegzog. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich die Chemo hinter mir und mich wieder berappelt hatte. Nach der Pause brauchte ich Geld, und als recht unerfahrene Regisseurin hätte ich nicht annähernd das verdienen können, was ich als Schauspielerin bekam. Also habe ich mich doch wieder auf die Arbeit vor der Kamera konzentriert.

In „Home“ spielen Sie eine Frau, die unheilbar an Krebs erkrankt ist. Geht Ihnen so eine Rolle angesichts Ihrer persönlichen Erfahrungen nicht viel zu nahe?

Nein, eigentlich gar nicht. Um es mal salopp zu sagen, ist inzwischen eigentlich jede zweite Rolle, die mir angeboten wird, die krebskranke Mutter von irgendjemanden zu spielen. Das ist für mich mittlerweile ziemlich gewöhnlich und ich sehe das pragmatisch. Mit mir selbst bringe ich das nicht in Verbindung, obwohl ich ja 2012 auch noch Brustkrebs hatte. Ich möchte an diese Erfahrungen nicht denken, wenn ich arbeite, und bin zum Glück offenbar ganz gut darin, das von mir fernzuhalten.

Um mal den Filmtitel aufzugreifen: Was verbinden Sie mit dem Wort „Zuhause“?

Eigentlich habe ich kein wirkliches Zuhause mehr, seit ich als junge Frau meines hinter mir gelassen habe. Meine Eltern haben mich sehr spät bekommen, da waren meine Schwestern schon fast aus dem Haus und ich bin mehr oder weniger als Einzelkind groß geworden. Das war keine einfache Zeit, weder für mich noch für meine Eltern. Mein Vater wurde 1900 geboren, Sie können sich also vorstellen, wie schwer er mit den sechziger Jahren und all den damaligen Veränderungen klar kam.

Sie sind dann so schnell wie möglich weg?

Ich war heilfroh, als ich Memphis hinter mir lassen konnte und einen Studienplatz in Dallas bekam, wo ich meinen seit frühester Kindheit gehegten Traum von der Schauspielerei wahr werden lassen konnte. Danach hatte ich nie wieder ein echtes Zuhause im eigentlichen Sinne. Weil ich selbst nie eine Familie gegründet habe und als Schauspielerin ständig unterwegs und alleine in Hotelzimmern bin. Natürlich habe ich Freunde, also eine Art Wahlfamilie, und ich habe ein Haus hier in Los Angeles, in dem ich lebe, wenn ich nicht irgendwo drehe. Aber wirklich aufgehoben und zuhause fühle ich mich eigentlich nur in der Arbeit. Die Schauspielerei ist jetzt seit 50 Jahren mein Lebensinhalt, und schon als ich damals an der Uni das erste Mal auf einer Bühne stand, spürte ich, dass ich dort hingehöre.

Ist das also – neben dem Geldverdienen – der Grund dafür, dass Sie auch mit 73 Jahren noch unermüdlich viel arbeiten?

Bei der Arbeit bin ich einfach am glücklichsten. Schon als Mädchen wollte ich als Schauspielerin hinter meinen Figuren verschwinden und in meinen Rollen abtauchen. Und wenn ich das nicht kann oder darf, bin ich frustriert – bis heute. Das fühlt sich dann an wie aus meinem Haus ausgesperrt zu sein, gegen die Fenster zu klopfen und nicht hereinzukommen.

Die vergangenen anderthalb Jahre, in denen Sie sicherlich auch viel zuhause saßen, waren für Sie dementsprechend kein Vergnügen?

Tatsächlich fand ich die Zeit recht quälend. In irgendeinem Artikel wurde die Corona-Zeit neulich als ein Zustand des Darniederliegens beschrieben, das fand ich recht passend. Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich will mich wirklich nicht vergleichen mit den armen Menschen, die wirklich gelitten haben in der Pandemie, die Angehörige verloren haben oder ihre Jobs und Häuser. Ich war natürlich in der komfortablen Situation, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und mir zumindest keine riesigen Geldsorgen machen musste. Beunruhigend fand ich die Situation trotzdem, und ich wurde auch ziemlich depressiv.

Weil Sie Angst hatten?

Es war diffuser als das. Kurz vor dem Lockdown war einer meiner kleinen Hunde gestorben, darunter litt ich sehr. Und mir fehlte die Arbeit. Zum Glück kam meine Nichte, die auch für mich arbeitet, jeden Tag vorbei und stellte sicher, dass ich alles hatte, was ich brauchte. Ganz wieder die Alte war ich allerdings erst, als ich in diesem Jahr dann wieder vor der Kamera stand, für eine Verfilmung des Romans „Are You There God? It’s Me, Margaret“. Ich weiß nicht, ob es an den langen Monaten vorher lag, aber auf jeden Fall war das eine der beglückendsten Dreh-Erfahrungen meiner Karriere.

Quelle: FAZ.NET
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