Tampons für alle?

No tampon, no cry

Von Johanna Dürrholz
29.12.2020
, 14:30
Frei zugängliche Tampons für alle? Manche finden das nicht gut. Andere regen sich darüber auf. Dabei sollte die Antwort klar sein. Und den wichtigsten Punkt streift die Debatte gar nicht erst.

Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen von nun an Ratschläge zu ETF-Fonds geben. Ich habe keine Ahnung davon, habe mich nicht eingelesen, bin nicht informiert, aber ich denke, Sie alle sollten trotzdem meine Meinung dazu kennen. Einfach, weil ich eine habe.

Ungefähr so halten es gerade einige User auf Twitter, die sich darüber beschweren, dass Aktivistinnen fordern, in öffentlichen Einrichtungen sollte es Tampons und Binden kostenlos auf den Toiletten geben. So ist es zum Beispiel in Schottland gerade erst beschlossen worden. „Wenn Frauen kostenlose Tampons fordern, dann fordere ich kostenlose Einwegrasierer und Rasierschaum für Männer. Wir können nichts für unseren Bartwuchs!“, twitterte ein besonders spitzfindiger User. Ein anderer spottet darunter: „Weil es ja auch überhaupt nicht absehbar ist bald die Monatsblutung zu haben ne? Ist definitiv zuviel verlangt 5 Tage mehr als absolut notwendig Tampons mit sich rumzutragen wenn man diesen Luxusartikel schon nutzen will?” (sic). Weitere Kommentare, die die erschreckende Unkenntnis meist junger Männer über die Monatsblutung offenbaren, erspare ich Ihnen. Für Neugierige mit Hang zu Wutausbrüchen: Unter den Hasthags #periode oder #tampon finden sich zahlreiche.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Kennt ihr das, wenn ihr unterwegs seid, plötzlich dieser krasse Bartwuchs kommt und ihr keinen Rasierer dabei habt? So unangenehm ey. Dann rennt man aufs Klo, will sich schnell mit was anderem aushelfen, aber es ist zu spät. Alles vollgestoppelt!!!“, schreibt etwa Julia Gámez Martín.

Tatsächlich gibt es finanzielle Nachteile für Menschen, die menstruieren. Der Ausdruck Period-Poverty beschreibt das ganz gut: Wer regelmäßig menstruiert, muss mit Ausgaben rechnen. Für Tampons, Binden, Slipeinlagen sowieso (deutlich günstiger und nachhaltiger sind Menstruationstassen), aber auch für Schmerzmittel. Eine britische Studie, die berechnete, wie viel Geld frau im Schnitt wegen ihrer Menstruation bezahlt, schlug sogar noch Geld für Chips und Schokolade drauf, Dinge, die während der Periode wohl nicht zwingend gebraucht werden, sie aber unter Umständen erträglicher machen.

Chips und Schoki hin oder her: Mindestens fünf Euro muss eine Frau im Monat bezahlen, wenn sie menstruiert, und damit sind nur die allernötigsten Kosten abgedeckt. Es gibt durchaus Bewegung bei dem Thema: Die sogenannte Tamponsteuer wurde zu Beginn des Jahres 2020 von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Die Petition des Vereins Social Period e.V. fordert darüber hinaus genau das, was nun einige Twitternutzer kritisieren: Freien Zugang zu Menstruationsprodukten in öffentlichen Toiletten. Bisher haben mehr als 22.800 Menschen die Online-Petition unterzeichnet. Dabei geht es vor allem um Obdachlose und Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Hartz-4-Empfänger etwa erhielten 2020 monatlich 16,42 Euro für Gesundheitspflege, unabhängig vom Geschlecht. Wer davon Tampons und Binden bezahlen muss, hat nicht mehr viel Geld für Cremes, Shampoo und Medikamente übrig.

Die Debatte streift nicht den wichtigsten Punkt

Wenn also Hygieneartikel in öffentlichen Toiletten ausliegen, geht es nicht darum, dass wir – hupsi – zu doof sind, ein Tampon einzustecken. Niemand ist dafür zu doof (vergessen kann man es aber durchaus mal). Doch genau wie Klopapier frei zugänglich ist, sollten es auch Periodenprodukte sein, schließlich kann die Regelblutung unerwartet einsetzen oder besonders stark sein, schließlich geht man nicht immer nur mit Handtaschen voller Tampons irgendwohin und sei es nur auf die Toilette, und schließlich gibt es eben nach wie vor Frauen, die so wenig Geld haben, dass sie selbst an Tampons sparen müssen.

Allein, die Debatte streift leider nicht den wichtigsten Punkt. Männer, die schreiben „Aber die Frauen…” und Frauen, die Männern das im Umkehrschluss berechtigterweise wütend vorwerfen, kann man zwar verstehen, bringen uns aber nicht weiter. Es geht hier nicht um Mann oder Frau. Es geht um Empathie. Um das Wissen: Bei anderen Leuten ist es anders, bei manchen ist es sogar einmal im Monat anders, und manche werden wiederum nie so fühlen. Sie werden nie einmal im Monat bluten und darum auch nicht wissen, wie es ist, alle vier Wochen nicht nur abhängig von Hygieneartikeln zu sein, sondern womöglich zugleich hormonelle Schwankungen ertragen zu müssen, starke Schmerzen in Brüsten, im Unterleib, im Kopf zu haben, und manchmal überraschend so stark zu bluten, dass die Hygieneartikel sehr schnell wieder gewechselt werden müssen.

Sie wissen nicht, welche Scham damit verbunden ist, im Teenageralter immer wieder sehr plötzlich, unerwartet, heiß und heftig die Periode zu bekommen, wie es ist, sich einen Pullover um die Hüften zu schlingen, weil sich knall-, nein blutrote Flecken auf der neuen weißen Jeans abzeichnen. Wie es ist, wenn man glaubt, die ganze Klasse hat’s bemerkt und starrt. Und nein, es ist nicht immer vorhersehbar, wann die Menstruation beginnt, wie stark sie ist, welches Produkt sich an diesem Tag am sichersten anfühlt.

Aber das überhaupt erklären zu müssen, ist peinlich. Dass manche Menschen die Periode oder Periodenblut nach wie vor eklig finden, sowieso. Wer einmal im Monat blutet, findet das in der Regel (haha) normal und nicht schlimm, auch wenn es schmerzhaft, ätzend, einschränkend im Alltag (niemand geht gern am ersten Tag der Regel ins Schwimmbad) sein kann, oft aufs Gemüt schlägt und einfach höchst unangenehm ist. Und die Empathie ist von allen gefragt. Es gibt schließlich auch Frauen, die berichten, während der Periode keine Schmerzen zu haben, oft ist das zum Beispiel so, wenn sie die Pille nehmen. Der eigene körperliche Zustand ist eben selten ein zuverlässiger Gradmesser dafür, was andere erleben und empfinden.

Männer, die etwas dagegen haben, dass Tampons frei zugänglich sind, möchte man hingegen fragen, was sie denn daran bloß stört. Nimmt ihnen gerade irgendjemand etwas weg? Haben sie irgendwelche Nachteile dadurch, dass womöglich einer Frau geholfen wird, die überraschend ihre Tage bekommen hat oder die sich in diesem Monat vielleicht keine Hygieneartikel mehr leisten kann? Ich glaube: nein. Erschreckend ist hingegen die offenbar weit verbreitete Unkenntnis bezüglich einer der natürlichsten Sachen überhaupt: der Menstruation. In Schulen sollten künftig vielleicht nicht nur Hygieneprodukte frei zugänglich ausliegen, sondern auch der Aufklärungsunterricht in Sachen Monatsblutung sollte mehr Gewicht bekommen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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