FAZ plus ArtikelInterview zu Sex in der DDR

„Guter Sex ist die ultimative Kritik am Konsum“

Von Maria Wiesner
02.10.2020
, 08:56
Die Amerikanerin Kristen R. Ghodsee erforscht, warum Frauen im Sozialismus angeblich besseren Sex hatten. Im Interview spricht sie über „den Orgasmuskrieg“ mit dem Westen, über sexuelle Aufklärung und Nacktheit in der DDR.

Frau Ghodsee, Sie haben das Buch “Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“ geschrieben. Was hat etwas so Privates wie Sex mit Politik zu tun?

Sehr viel. Wir leben in diesem Missverständnis, dass unser Privatleben nichts mit der politischen Ökonomie zu tun hat. Und dennoch kennen wir folgendes Szenario: Wenn wir geschafft von der Arbeit nach Hause kommen oder gestresst sind, weil wir unsere Rechnungen nicht bezahlen können oder weil wir Angst haben, unsere Jobs zu verlieren oder - wie die Corona-Pandemie uns gerade zeigt - weil wir neben dem Homeoffice noch die Kinderbetreuung zuhause organisieren müssen, dann sind wir am Abend, wenn unser Partner mit uns etwas Spaß haben will, viel zu müde dafür. In Gesellschaften mit solch einer hohen Prekarität wie der unseren gibt es diese psychologische Überlastung. Das ist ein Grund. Der zweite ist die derzeitige Ausrichtung des Kapitalismus auf Social Media, diese ganze Aufmerksamkeitsökonomie, in der verschiedene große Konzerne um unsere Aufmerksamkeit wetteifern. Intimität und Emotionen werden gerade so stark kommerzialisiert wie noch nie zuvor. Und besonders bei jungen Frauen sehe ich, dass Zuneigung, Aufmerksamkeit, Gefühle zu einem Gut werden, mit dem sie in dieser kapitalistischen Wirtschaft gegen Lohn handeln können. All das beeinflusst die Qualität unserer persönlichen Beziehungen.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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