Leonard Diepenbrock

Seifenoper statt Moderation

Von Katharina Pfannkuch
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 15:19
In seiner Welt: Eitelkeiten, sagt Leonard Diepenbrock, befriedige er mit dem Stolz auf seine Produkte.
Leonard Diepenbrock, einst bekannt als RTL-Fernsehmoderator bei „Punkt 6“ und „Exclusiv“, hat sein Leben vor der Kamera aufgegeben – für vegane Schönheitsprodukte. Umerziehen will er aber niemanden.

Manchmal, wenn Leonard Diepenbrock in seinem Laden in der Kölner Neumarkt Galerie steht, passiert es. Dann bleibt der Blick von Menschen, die eigentlich nach Bodylotion, Seife oder Accessoires suchen, an ihm hängen. An ihren Blicken erkennt Diepenbrock, was sie denken: Den kenne ich doch. Manche ringen sich durch und fragen: „Sind Sie nicht der aus dem Fernsehen?“ Diepenbrock, 1,90 Meter groß, Chef eines 2013 gegründeten Kosmetik- und Lifestyle-Unternehmens, freut das jedes Mal, das gibt er unbefangen zu. Sein Lächeln: jungenhaft, so wie es die Menschen eben wiedererkennen.

Es ist dasselbe Lächeln, das Diepenbrock vor gut zehn Jahren als RTL-Moderator von Sendungen wie „Punkt 6“ und „Exclusiv“ vor der Kamera zeigte. „Ich hätte gerne Günther Jauch bei 'Stern TV' abgelöst, bin aber im senderinternen Casting nur auf Platz zwei gelandet“, sagt er ohne Umschweife. „Daran hatte ich lange zu knabbern. Aber wenn das damals geklappt hätte, wäre ich nicht Unternehmer geworden. Das gehört wohl in die Abteilung: Es hatte auch etwas Gutes. Auch wenn man's manchmal nicht gleich erkennt.“

Verhandeln lernen

Ein ehrgeiziger Fernsehjournalist, der zum ehrgeizeigen Unternehmer für vegane Handseife mutiert – ein ungewöhnlicher Lebensweg. Jean & Len heißt Diepenbrocks Marke, und sie steht längst für mehr als nur Seife. Shampoo, Eau de Toilette, Accessoires, Papeterie und neuerdings alkoholfreier Gin Tonic gehören zum Sortiment.

Mehr als 400 Produkte bietet es, die Preise beginnen bei rund vier Euro. Aber die Seife ist besonders bekannt. Nach Ingwer und Rosmarin duftet sie, würzig und natürlich, aber nicht muffig, fast edel. Auch der Chef selbst duftet so. Eigentlich ist er sowieso Botschafter der eigenen Marke, die vegan, aber nicht asketisch daherkommt. Bewusst, aber nicht freudlos.

Wie kam einer wie er, dessen Platz lange vor der Kamera war, überhaupt auf die Idee, in Seife zu machen? Die kurze Antwort: über einen Umweg. Die längere: „Nach sieben Jahren beim Frühstücksfernsehen war es für mich eine Horrorvorstellung, bis zum Ende meiner Tage um 2.30 Uhr aufstehen zu müssen. Etwa zur selben Zeit brauchte das Dübelwerk der Familie meiner Frau mehr Aufmerksamkeit, nachdem mein Schwiegervater gestorben war.“ Der Achtundvierzigjährige spricht da nicht von irgendeinem Dübelwerk, sondern von Tox-Dübel-Technik, dem ältesten Unternehmen dieser Art in Deutschland, mit Sitz im schwäbischen Krauchenwies. Dort erfand man einst die roten Allzweckdübel. Da seine Frau sich selbst nicht als Unternehmerin sah, war das Werk der erste Ort, an dem Diepenbrock auf einmal sein Wissen aus dem Studium der Betriebswirtschaftslehre einsetzen konnte.

Es war ein Härtetest. „Plötzlich musste ich mich in Baumärkten anbrüllen lassen, weil wir unsere Preise anheben mussten. Das war ich nicht gewohnt, als Unterschichten-Moderator“, sagt Diepenbrock. „Da war immer so ein grundloser Respekt da.“ Solche anfänglichen Dämpfer motivierten ihn aber eher. „Ich wollte lernen, wie man richtig verhandelt.“ Er schrieb sich an der Harvard Business School ein. Wenn schon, denn schon.

Drei Jahre lang absolvierte er ein berufsbegleitendes Aufbaustudium und reiste dafür regelmäßig nach Boston. Nebenbei brachte er Jean & Len ans Laufen. Eine ältere Unternehmerin fragte ihn einmal, was er vorhabe, wenn er das Dübelwerk irgendwann erfolgreich in die Zukunft geführt habe. Dieser Moment öffnete Diepenbrock die Augen: „Es dämmerte mir, dass es ja gar nicht bei diesem einen Unternehmen bleiben musste.“ Mit einem Bekannten hatte er schon über die Idee einer veganen Kosmetikserie gesprochen. Jetzt wurde dieser Plan konkret – und die Sendezeit war ihm immer unwichtiger.

Aus dem gemeinsamen Projekt wurde nichts, aber weil besagter Jean Teil der Idee war, ist er bis heute namentlich im Unternehmen verewigt. Der andere Teil, Len, ist Diepenbrocks Spitzname. „Ich selbst lebe weder nach veganen noch vegetarischen Prinzipien, aber es irritiert mich schon sehr, dass in unseren normalen Pflegeprodukten und Kosmetika so viele tierische Inhaltsstoffe stecken. Ich esse gerne mal ein Stück Fleisch, aber ich muss mir kein Schwein auf die Haut reiben. Und auch auch kein Mineralöl.“

Und dann kam Corona

„Ohne Gedöns“, lautet der Slogan. Dass bestimmte Inhaltsstoffe nicht enthalten sind, klingt charmanter als die Betonung, dass die Produkte vegan sind. „Anfangs schrieben uns Leute, dass sie unsere Produkte benutzen, obwohl sie vegan sind“, sagt Diepenbrock. Er schätzt, dass auch heute, fünf Jahre später, maximal acht Prozent der Kunden seine Produkte kaufen, weil sie vegan sind.

Dogmatisch will Diepenbrock nicht sein, Brüche gehören für ihn dazu. „Natürlich schätzen es viele, wenn in einem Produkt keine Silikone und kein Mineralöl enthalten sind – bis es dann um die Faltencreme geht. Da hört der Spaß auf.“ Missionieren will er nicht – und auch nicht in der Naturecke in der Drogerie stehen. „Wir wollen niemanden umerziehen, nur ein gutes Gefühl für einen Moment geben.“ Das scheint zu funktionieren: Seit der Gründung 2013 wächst der Umsatz jährlich um mehr als 50 Prozent, aus anfangs zwei wurden 30 Mitarbeiter.

Das Fernsehen, vermisst er das gar nicht? „Nicht mehr.“ Und was ist mit der Eitelkeit, die Menschen, die vor der Kamera arbeiten, nachgesagt wird? „Die befriedige ich heute mit dem Stolz auf unsere Produkte.“

Mit Beginn der Corona-Krise war Handseife auf einmal stärker gefragt denn je. In kurzer Zeit erweiterte Leonard Diepenbrock das Sortiment um Desinfektionsmittel. Er war zu diesem Zeitpunkt erst seit einigen Monaten zurück in Deutschland. Mit seiner Familie hatte er zuvor zwei Jahre lang in London gelebt. Aber die Kinder, zehn und zwölf Jahre alt, vermissten Köln, die Wahlheimat ihres Vaters, der als gebürtiger Hamburger die Hansestadt für die schönste Stadt überhaupt hält. „Das war unser Familienabenteuer“, sagt Diepenbrock. „Ich werde regelmäßig unruhig und überlege, was man als nächstes machen könnte. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass mein Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war, und mir klar wurde, wie kurz das Leben sein kann.“

Zu diesem ruhelosen Gemüt passt, dass das Sortiment seines Unternehmens kontinuierlich wächst, mitunter in überraschende Richtungen. Gerade erst kamen Handtaschen ohne Leder und festes, unverpacktes Shampoo hinzu, nun steht schon der alkoholfreie Gin in den Regalen. „Unser Sortiment ist ein lebendes Experiment“, sagt Diepenbrock, „eines, das jeden Lebensbereich abdeckt.“ Ganz ohne Gedöns.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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