Männer über ihre Rollenbilder

Wann ist ein Mann ein Mann?

Von Barbara Russ
09.04.2022
, 14:35
Szene aus „Fight Club“: Der Roman von Chuck Palahnuik, auf dem der Film basiert, verhandelt die Krise der Männlichkeit.
Sitzpinkler, Warmduscher, Frauenversteher: Das waren früher Beleidigungen. In Zeiten von Mansplaining und Manspreading hat Maskulinität hingegen keinen guten Ruf mehr. Und wie denken Männer selbst über ihr Rollenbild?
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Was macht einen Mann zum Mann, wenn sich die Vorstellungen von Maskulinität verändern? Vier Männer erzählen, wie sie sich und andere wahrnehmen.

„Raum einnehmen ist typisch männlich“ – Gabriel, 30 Jahre

Bis zu meinem 24. Lebensjahr habe ich in der weiblichen Geschlechtsrolle gelebt und dann meine Transition begonnen. Selbst am Transmann-Stammtisch habe ich schon sexistische Sprüche gehört. Sexismus bedeutet für mich, wenn jemandem der Umgang auf Augenhöhe verweigert wird. Der einfachste Weg, sich als männlich zu konstituieren, ist leider jener, sich von Frauen und Homosexuellen abzugrenzen, zum Beispiel durch Sexismus.

Zuvor hatte ich einmal im Arbeitszeugnis stehen, ich sei „resolut“. Dass ich Augenhöhe mit Männern einforderte, war ein Regelbruch. Deshalb wurde mir zugeschrieben, ich sei lesbisch. Auf jeden Fall verhielt ich mich als Frau nicht „richtig“, zum Beispiel wenn ich im Büro den streikenden Drucker selbst reparierte, statt einen Mann zu rufen. Nachdem ich mich als Transmann geoutet hatte, stand in meinem Arbeitszeugnis: „übernimmt Verantwortung und arbeitet eigenständig“.

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Das ist dasselbe wie „resolut“. Der Unterschied ist nur, welchen Maßstab man anlegt. Ich hatte in meinem Kopf so eine Art Excel-Tabelle von Dingen, die an mir gut und nicht so gut sind. Und das, was sich zusammen mit dem Geschlecht geändert hat, ist der Tabellenrahmen. Resolutes Auftreten wird bei einer Frau als negativ empfunden, aber als Mann bekomme ich für denselben Charakterzug Lob.

Beim Heranwachsen hatte ich relativ viele toxische Männlichkeitsvorbilder, das war vielleicht auch der Grund, warum ich mich lange nicht mit Männlichkeit identifizieren konnte. Ich habe mich nicht gefragt, ob ich ein Mann sein will, sondern nur gemerkt, dass ich nicht die Art von Weiblichkeit leben will, die mir anerzogen wurde. In meiner Erziehung haben meine Eltern Wert darauf gelegt, dass ich mich weiblichen Normen füge. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass ich andere Leute wichtiger nehmen soll als mich selbst. Mich erst hinzusetzen, wenn alle anderen versorgt sind. Ansprüche an eine gute Hausfrau und Mutter eben. Männer wachsen mit ganz anderen Normen auf, die auch nicht einfach zu erfüllen sind.

Das Männderbild hat sich im Laufe der Zeit gewandelt.
Das Männderbild hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Bild: Männerbilder - Illustration Daniel Stolle

Während meiner Transition gab es eine lange Phase, in der ich uneindeutig aussah. Ob einen andere als Mann sehen, hat sehr viel mit Körpersprache zu tun. Vieles musste ich mir erst aneignen. Als Frau habe ich oft gehört, ich solle mehr lächeln. Jetzt, als Mann, lächle ich zu viel und werde deshalb als schwul wahrgenommen. Wenn Männer stehen, ruhen jeweils 50 Prozent ihres Gewichts auf einem Bein. Bei Frauen ist es eher eine 70-30-Verteilung. Wenn Frauen die Straße entlanggehen, halten sie den Blick eher gesenkt und konzentrieren sich auf den Meter vor ihnen. Männer gucken 15 bis 20 Meter voraus und merken gar nicht, dass ihnen alle aus dem Weg gehen. Überhaupt: Raum einnehmen ist typisch männlich.

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Die Machtverhältnisse sind in das Geschlecht eingelassen. Ich merke das zum Beispiel, wenn ich nachts von der U-Bahn nach Hause laufe, und vor mir geht eine Frau. Und ich merke, sie geht immer schneller. Dann bleibe ich stehen und drücke auf meinem Handy herum, weil ich weiß, sie fühlt sich vielleicht bedroht. Ich werde jetzt als Mann wahrgenommen, und das will ich ja auch so. Aber ich will auch durch Körpersprache signalisieren, dass ich keine Bedrohung bin. Das Privileg, an diese Machtverhältnisse keinen einzigen Gedanken zu verschwenden, das ist nur für weiße, Hetero-, nicht behinderte Cis-Männer drin.

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„Mein Vater war ein harter Mann“ - Waseem, 32 Jahre

In Syrien konnte ich nie zu 100 Prozent ich selbst sein. Irgendwann wusste ich, dass ich schwul bin und dass es mir schlecht ging. Schon bevor der Krieg losging, wollte ich nach Europa ziehen. Ich wollte irgendwo anders hin, an einen Ort, an dem ich ich selbst sein konnte. 2017 bin ich nach Deutschland gekommen. Um ehrlich zu sein: Bis ich 2020 nach Berlin gezogen bin, war ich nie ich selbst .

In meiner Familie sind wir nicht damit aufgewachsen, dass von Jungs mehr erwartet wird als von Mädchen. Meine Mutter wollte, dass ich Arzt werde, das hat sie aber von meiner Schwester genauso erwartet. Meine Mutter behandelte uns alle als gleichwertig. Aber sie wünschte sich von mir, dass ich eine Frau heirate, und ich glaube, das tut sie immer noch. Mein Vater – er ist vor drei Jahren gestorben – war ein harter Mann, er hat uns oft geschlagen. Ich habe immer gedacht: Wenn ich Kinder hätte, wäre ich nicht so zu ihnen.

Als meine Mutter erfuhr, dass ich schwul bin, sagte sie: „Du kannst in deinem Leben machen, was du willst. Ich liebe dich immer noch, weil du mein Sohn bist, aber bitte erzähl mir nichts davon.“ Kürzlich habe ich ein Bild von mir und meinem deutschen Freund auf Instagram gepostet. Und sie war deswegen wütend auf mich, weil sie sich um das Image der Familie sorgt. Sie war der Meinung, dass ich das zerstöre. Um ehrlich zu sein, ist es mir egal, was die Leute denken, aber meiner Mutter zuliebe überlege ich genau, was ich über soziale Medien teile.

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Weil Homosexualität in arabischen Ländern offiziell nicht existiert, ist es für heterosexuelle Männer sogar einfacher, sich gegenseitig zu berühren. Es ist zum Beispiel völlig normal, dass zwei Männer in Syrien die Straße entlanggehen und sich gegenseitig die Hand auf die Schulter legen. Niemand denkt deshalb, dass sie schwul sind. Von der zehnten Klasse an ging ich auf eine reine Jungenschule. Natürlich, Teenager sind überall gleich. Es war nicht ungewöhnlich, dass wir Jungs miteinander rummachten. Der körperlichere Umgang miteinander hat es mir einerseits leichter und andererseits schwerer gemacht. Denn ich habe von meinen Freunden gemischte Signale bekommen. Ich dachte, er berührt mich, vielleicht will er mehr als nur Freundschaft. Irgendwann hatte ich mein offizielles Coming-out, und meine Freunde haben aufgehört, mit mir zu reden. Das hat mich verletzt.

Um als schwuler Mann traumatische Erfahrungen zu machen, muss man aber nicht in einem muslimischen Land aufwachsen. Es bricht mir das Herz, wenn mein deutscher Freund mir von seiner Kindheit auf dem Land und dem Mobbing, das er erfahren hat, erzählt. Ich kenne das so nicht. Ich konnte zwar in Syrien nicht offen schwul sein, aber ich wurde auch nicht gehänselt oder ausgeschlossen. Ich denke, das liegt daran, dass ich immer in größeren Städten und in einem wohlhabenden Milieu gelebt habe, zunächst in Aleppo, dann in Damaskus, anschließend in Istanbul, zuletzt in München. Das sind ganz verschiedene Städte, und ich habe sicher in einer Blase gelebt. Aber es ist eine große Blase.

„Die Männer haben mit ihren Kriegserlebnissen geprahlt“ – Gerhard, 80 Jahre

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in Bayern, und katholisch erzogen worden. Als Kind war ich stark mutterbezogen, weil mein Vater im Krieg gefallen ist. Als ich sechs oder sieben war, kam dann der Stiefvater in die Familie. Der hatte extreme Vorstellungen von Kindererziehung: Befehl und Gehorsam. Wenn wir nicht parierten, hat er uns Kinder geschlagen. Das war ganz typisch in der Nachkriegszeit. Es herrschte ein wilhelminisches Erziehungsbild, dazu kamen natürlich auch noch Nazi-Einflüsse. Als männliche Vorbilder dienten mir eher ältere Freunde im Haus oder in der Nachbarschaft.

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Es gab ja kaum Männer, die als Vaterfigur hätten herhalten können. Die waren alle im Krieg gefallen, in Gefangenschaft oder vermisst. In dieser Zeit habe ich über Frauen gelernt, dass sie genauso anpacken können, dass sie sorgsam sind, gut organisieren können, dass sie sich um nichts drücken. Die machten jede Arbeit, die zur Verfügung stand, damit Geld reinkommt, damit die Familie versorgt ist. Als dann die Männer zurückkehrten, mussten die Frauen alles wieder abgeben. Überall gab es Streitigkeiten. Die Männer haben mit ihrer Tapferkeit und ihren Kriegserlebnissen geprahlt und Schnaps getrunken. Dieses Bild von Männlichkeit ist mir geblieben, so wollte ich nicht sein.

Wie ein Mann nicht sein durfte? Homosexuelle waren das absolute Negativbild. „Du bist ein Schwuler“, „Warmer“ – das waren in meiner Jugend die schlimmsten Beschimpfungen, die man jemandem sagen konnte. Und es war ja lange Zeit auch noch strafrechtlich ein Verbrechen. Ich habe mich als Kind gefürchtet vor „denen“. Erst, als ich zum Studieren nach München gegangen bin, habe ich das erste Mal einen Schwulen kennengelernt . Das war ein ganz netter Kerl! Da habe ich verstanden, dass es auch Liebe zwischen zwei Männern geben kann, wie bei einem „natürlichen Paar“. Erst die Religion hat daraus etwas „Schweinisches“ gemacht.

Als ich dann selbst Vater wurde, mit über 40, in den Achtzigerjahren, da hat man als Mann definitiv noch keinen Vaterschaftsurlaub genommen. Das Risiko, dass meine Arbeit von jemand anderem übernommen wird, war mir zu groß. Wobei, gewünscht hätte ich es mir schon, bei Frau und Kind zu Hause bleiben zu können. Es ging da gerade los, dass in den Zeitschriften davon geschwärmt wurde, wie schön es ist, ein Kind heranwachsen zu sehen.

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Dass ein Kind eine Bereicherung ist, nicht nur eine Pflichtaufgabe oder eine Altersvorsorge, das war ein echtes Umdenken im Vergleich zu der Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Es wurden neue Erziehungs

Quelle: F.A.Z. Magazin
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