„Reborn“-Puppen

Babys, die für immer Babys bleiben

Von Kathrin Runge
Aktualisiert am 07.11.2020
 - 12:29
Auf den ersten Blick sehr echt: Reborn-Babys haben Flaum auf dem Kopf, Äderchen am Körper und Speckröllchen an den Beinen.
Sammlerstück, Kunstobjekt oder einfach nur ein spleeniges Hobby? Über „Reborner“ gehen die Meinungen auseinander.

Als Margarethe Stoll zum ersten Mal Mutter wurde, war sie 62 Jahre alt. Sie hatte niedliche Babykleidung in Größe 56 gekauft, Windeln und Schnuller besorgt, Wickelkommode und Stubenwagen ins Kinderzimmer gestellt. Seit fünf Jahren lebt Stoll mit ihrem Baby zusammen. Einem Baby, das niemals altern wird. Denn es handelt sich um ein sogenanntes Reborn-Baby, eine täuschend echt aussehende Puppe. Während sie für die inzwischen 67-Jährige durchaus eine Art Ersatzbaby ist, betrachten andere Puppenbesitzer diese vor allem als Sammlerstück und Kunstobjekt. Was dazu führt, dass speziell Letztere sich in der Öffentlichkeit missverstanden fühlen – als Menschen mit einem gravierenden psychischen Problem, die zum Therapeuten gehen sollten. Auch Stoll möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Reborn“, also „wiedergeboren“, beschreibt, wie ganz schlichte Puppenrohlinge aus Vinyl zu Babys werden, die man kaum noch von realen unterscheiden kann. Sie werden von Reborn-Künstlern bearbeitet, sind dann so schwer und groß wie menschliche Säuglinge. Die Puppen duften nach Babyhaut und Puder, haben ganz feinen Flaum auf dem Kopf, Äderchen am Körper und klitzekleine Näschen.

Der Reborn-Trend stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, ist aber längst auch in Deutschland angekommen. Alexander Meier besitzt eine der letzten Firmen in ganz Europa, die Puppenkörper produzieren. Er sagt, die Nachfrage nach Bausätzen habe Anfang der 2000er Jahre begonnen und werde immer größer. „Vorher waren es vor allem normale Spielpuppen aus Amerika, die dann neu eingefärbt und echter gemacht wurden.“ Die Rohlinge, die sein über 100 Jahre bestehendes Familienunternehmen „Dollbody Company“ produziert, liefert er an Online-Shops, die das Grundgerüst aber auch Haare, Augen und viele weitere Körperteile an Reborn-Künstler verkaufen.

10.000 Euro für eine Puppe

Eine von ihnen ist Silvia Sandt. Die 57-Jährige gehört seit 2010 zu den „Rebornern“. Unter diesem Begriff einen sich Künstlerinnen wie Besitzerinnen. Sandt kauft Bausätze und färbt den Kunststoff in mehreren Schichten, um Babyakne und Ähnliches zu imitieren, sie füllt sie mit Materialien wie Stahlgranulat und Gummigranulat und setzt die Haare aus Angora oder Ziegenmohair im aufwendigen Einzelstichverfahren ein. Für eine Puppe, erzählt sie, benötige sie bis zu 100 Stunden. Und verkauft diese dann für rund 1000 Euro an andere Sammler. Es gibt aber auch Menschen, sagt sie, die bei Auktionen auf Plattformen wie Ebay über 10.000 Euro für einen Puppen-Prototyp zahlten.

Für Sandt ist das Basteln eine willkommene Abwechslung zu ihrer Arbeit als Röntgenassistentin. Ihre Kinder sind längst erwachsen und aus dem Haus. Als Ersatz sieht sie die Puppen dennoch nicht. „Es ist ein Kunstobjekt“, sagt sie, „nicht mehr und nicht weniger.“ Doch die Szene besteht aus zwei Lagern. Mit Journalisten will kaum ein Reborner mehr über sein Hobby sprechen. „In den Medien wurde das Thema oft verrissen und so dargestellt, als ob wir nicht mehr alle Tassen im Schrank haben“, sagt Sandt. Eine andere Puppenmutter beklagt auf Facebook, dass ihre Leidenschaft oft als krank verurteilt würde.

Es gibt sie dennoch, die Frauen, die mit ihren Puppen eine Art Alltag leben, eine Morgenroutine mit den Babys haben, für sie Milchflaschen und Kinder-Hochstühle besitzen. So wie Marischka Zaun alias Mary, die auf ihrem Youtube-Kanal Little Reborn Nursery über 34.000 Fans hat. Die Reborn-Mami, wie sie sich selbst nennt, zeigt in ihren Videos, wie sie die Puppen wickelt, unter den Spielebogen legt oder ihnen aus Bilderbüchern vorliest. Wenn sie ihren Followern erzählt, dass sie nach langem Hadern für ihre Puppe „Deliah“ ein neues Zuhause sucht, wirkt das sehr emotional. „Ich habe die Entscheidung über ein Jahr mit mir herumgetragen und immer wieder mit mir selbst gekämpft“, sagt Mary. „Vor allem, weil ich für meine kleine Maus noch keine neuen Reborn-Eltern gefunden habe.“

„Du hast sie doch mal geliebt!“

Nach dem Anschauen solcher Videos sind nicht nur Menschen irritiert, die nichts mit Reborn-Puppen anfangen können. Auch manche der Follower zeigen sich entrüstet. Wie man denn eines seiner Reborn-Babys wieder abgeben könne? „Du hast sie doch mal geliebt!“, heißt es da zum Beispiel. Obwohl Mary Rollenspiele mag, ihre Puppen namens Mila, Elisa oder Noah in den Garten setzt, den Sandkasten mit Spielzeug ausstattet, sie Bobby-Car fahren lässt und abends alle nacheinander ins Bett bringt, sagt sie: „Es ist trotzdem nicht vergleichbar mit einem echten Kind.“

Künstlerin Silvia Sandt sieht das genauso. Über Frauen, die die Puppen wie echte Menschen behandeln, sagt sie aber auch: „Wenn es jemanden glücklich macht, wieso nicht?“ Auch wenn sie selbst ihre Puppen nie als Therapieansatz anpreisen würde. Als solchen werden Reborn-Babys in anderen Bereichen aber durchaus verwendet – zum Beispiel in der Familienberatung und in Pflegeheimen.

Der Puppenproduzent Alexander Meier berichtet von unterschiedlichsten Einsatzbereichen für Therapie- und Lernpuppen, etwa bei Hebammen, Physio- oder Psychotherapeuten. „Sie werden auch genutzt, um mit Menschen zu kommunizieren, die man mit normaler Sprache nicht mehr erreichen kann“, sagt er. In Altersheimen sorgen die Plastikbabys für Gesprächsstoff. Angstpatienten können sie helfen, wieder nach draußen zu gehen. Einsamen Menschen ermöglichen sie, allein in den Zoo zu gehen, ohne schief angeschaut zu werden.

Ein Spleen wie jeder andere

Dass Reborn-Besitzer ihre Babys in realen, teils sehr teuren Kinderwagen spazieren fahren, ist keine Seltenheit. Auf spezielle Puppenmessen kämen sie dann mit Maxi-Cosi-Autositzen und Schnullern, erzählt Alexander Meier. „Da gibt es natürlich schon viele Menschen, die über diese Leidenschaft nur den Kopf schütteln können.“ Er selbst bezeichnet das Reborn-Phänomen einfach als einen schönen Spleen wie jeden anderen. „Nur, dass manche Spleens eben gesellschaftlich anerkannter sind als andere.“

Reborn-Künstlerin Silvia Sandt hat Glück. Kaum einer in ihrem Umfeld sei von ihrem ungewöhnlichen Hobby bisher abgestoßen gewesen. Sie und Puppenkörper-Hersteller Meier sind sich einig: Was Menschen guttut, ist gut. Manches geht aber selbst Sandt zu weit. „Wenn Reborner Begriffe wie Adoption oder Geburtsurkunden verwenden, finde ich das furchtbar“, betont sie. „So etwas gibt es bei mir nicht: Es sind Puppen, keine Menschen.“ Puppen, die allerdings durchaus Kontakt zu anderen, echten Menschen fördern und zu Freundschaften führen können.

Margarethe Stoll hingegen sieht das anders. Als ihr Baby an einem Apriltag im Jahr 2016 um 6.30 Uhr geboren wurde, so wie es in der Geburtsurkunde steht, hatte es ein Geburtsbändchen mit seinem Namen am winzigen Ärmchen. Natürlich, sagt sie, wisse sie, dass die Puppe kein reales Wesen sei. Für Stoll ist sie dennoch weit mehr als ein Hobby.

Quelle: F.A.S.
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