Mavi Phoenix

„So schwierig es war, so schön ist es jetzt“

Von Elena Werner
Aktualisiert am 24.10.2020
 - 11:47
Mavi Phoenix, Popmusiker und Rapper aus Linz.
Musiker Mavi Phoenix hat sich vor einem Jahr als trans geoutet und eine öffentliche Transition durchlebt. Im Interview spricht er über die Rap- und Musikbranche, den Umgang seiner Künstlerkollegen mit seiner Transition – und darüber, wie ihn seine Fans bestärken.

Mavi Phoenix, Sie sind Rapper und haben sich vor einem Jahr als trans geoutet.

Ich wusste, dass ich mein Leben als Mann weiterleben werde, weil ich das ja innerlich schon immer war. Ich habe nur nie jemandem davon erzählt. Ich wollte auf jeden Fall meine Musik weitermachen und mir war klar, ich kann nicht für Mavi Phoenix und die Außenwelt weiblich bleiben. Ich wusste, dass ich diese Transition machen muss und sich das auf alles auswirken wird, auch auf meine Musik und mich persönlich.

Was kam nach dem Coming-out?

Man geht für die Gesellschaft als das eine Geschlecht durch die Welt – und für sich selbst als das andere. Nach meinem Outing musste ich darum zuerst lernen, mich komplett auf mich selbst zu konzentrieren, die eigenen Wünsche wahrzunehmen und alles andere außen vor zu lassen. Das war extrem schwierig, obwohl ich eigentlich eine sehr selbstsichere Person bin. Die Herausforderung war aber, dass andere den eigenen Kampf nicht verstehen können oder damit nicht klarkommen. Der Prozess ist einfach extrem unangenehm für alle, aber er muss passieren. Das war sehr schwer.

Gerade haben Sie die Testosteron-Behandlung begonnen, damit sind Sie im zweiten von drei Schritten der Transition angekommen – nach dem Outing folgen die geschlechtsangleichenden Maßnahmen, dann kommt die juristische Anerkennung des Geschlechts. Wie fühlt sich der Prozess für Sie an?

Die Transition ist auf der einen Seite heftig, auf der anderen Seite so fantastisch und etwas komplett Positives. Meine Stimme ist stark runtergegangen, das bemerkt man beim Reden kaum, aber ich habe das dokumentiert und jede Woche ein Video von mir gemacht. Die Veränderung ist krass, das hätte ich nicht gedacht. Ansonsten bekomme ich Pickel – es ist halt wie eine zweite Pubertät. Aber es ist insofern toll, als dass ich merke, dass sich etwas verändert. So schwierig es war, so schön ist es jetzt: zu merken, dass der Prozess das Richtige ist. Ich kann nur jedem empfehlen, zu sich zu stehen. Es ist nie zu spät.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich seit der Transition im Umgang mit anderen?

Ich glaube, es ist total wichtig zu verstehen, dass ich schon immer ein Mann war. Ich habe gemerkt, wenn die Leute das verstehen, verstehen sie auch mich besser. Viele Menschen bedenken das nicht und glauben, ich wolle mehr Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich hat man danach ein Alleinstellungsmerkmal, weil es nicht so viele trans Künstler im deutschsprachigen Raum gibt. Andererseits haben die Leute keine Berührungspunkte oder sind sogar zu ängstlich, mit dir zu reden, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.

Ist Ihre Musik politisch?

Auf jeden Fall. Ich muss oft meine Existenz als trans Mann bekräftigen, das ist eine anstrengende Mission, wenn man gleich irgendwo eingeordnet wird. Aber ich versuche, mir treu zu bleiben und das fließt auch in meine Musik ein.

Hat sich der Umgang mit Ihnen auch innerhalb der Musikszene verändert?

Ja, die Leute haben einfach extreme Berührungsängste, weil sie vorher keine trans Menschen kannten. Viele haben auch privat zu mir gesagt, dass sie nicht verstehen können, was ich mir davon erhoffe, ein Mann zu werden und warum ich diesen Schritt gehe. Dabei gab es nie diese Option, sondern ich bin ein Mann – ich kann diese Entscheidung nicht treffen. Natürlich habe ich auch gemerkt, dass die Leute die Auswirkungen einer Transition unterschätzen. Es ist eine krasse Entscheidung, Hormone zu nehmen. Das steht man nur durch, wenn man sich schon immer so gefühlt hat.

Sexismus findet man in der Musik und besonders im Rap ständig – kaum bekleidete Frauen in Videos, überinszenierte Männlichkeit. Wurden auch an Sie solche Erwartungen herangetragen?

Als ich angefangen habe und immer bekannter wurde, wurde ich für viele zu einer sehr feministischen Figur. Ich denke das kam daher, dass ich so ein „I don't give a fuck“-Selbstverständnis hatte, wie man es von Frauen nicht so sehr gewohnt war. Ich bin halt ein Mann, der Feminist ist. Alles, was ich tun kann, ist, meine Überzeugung klar auszudrücken und zu zeigen, dass Sexismus in meiner Kunst und Denkweise keinen Platz hat. Aber ich finde schon, dass sich in dem Punkt zum Glück viel wandelt.

Braucht die Rap- und Musikszene noch mehr Diversität?

Definitiv. Auch wenn viel passiert, die Musikbranche hinter den Künstlern besteht noch aus weißen heterosexuellen Männern, die das Sagen haben. Es gibt viel mehr Männer in den Charts als Frauen. Es braucht überall mehr Diversität, aber eben auch in der Musikindustrie, wo man immer betont, dass da sowieso für alle Platz sei. Das stimmt aber so nicht, man muss sich seinen Platz erkämpfen als Teil der LGBTQI-Community. Natürlich ist in der Kunst immer mehr Raum für Andersdenkende, aber nicht so viel, wie es von außen erscheint.

Auch in Ihr Album „Boys Toys“ fließt der Kampf um Ihre Existenzberechtigung ein. In Ihrem Song „12Inches“ bezeichnen Sie sich selbst als Freak. Wird das auch von außen an Sie herangetragen?

Das ist eine Bezeichnung, die ich mir selber gebe. Aber es liegt auch eine Kraft in diesem Wort. Ich bekomme natürlich mit, dass Leute mich so bezeichnen oder die Meinung haben, dass irgendwas mit mir nicht stimmen kann. In unsicheren Momenten trifft mich das, aber im Grunde will niemand normal sein. Wenn man es dann allerdings doch wagt, ist man wieder seltsam – dabei ist es doch viel spannender, ein Freak zu sein, als mit der Masse mitzuschwimmen.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft für den Umgang mit trans Menschen?

Ich persönlich würde mir wünschen, dass ich nicht mehr mit meinem Geburtsnamen angesprochen werde. Oft höre ich Dinge wie „damals, als du noch eine Frau warst“ – und das nervt extrem, weil ich eben nie eine Frau war und man dadurch merkt, dass die Leute es nicht verstehen, dass ich immer schon ein Junge war, nur im falschen Körper. Jedes Mal, wenn ich das höre oder lese, rutscht mein Herz in die Hose, das tut weh und muss nicht sein.

Das Outing habe ich extrem positiv erfahren, ich weiß gar nicht, was ich mir erwartet habe. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich das Video zu meinem Outing gepostet habe und sehr nervös war. Dann waren die Reaktionen aber so positiv, dass ich extrem viel Kraft daraus geschöpft habe. Dass die Fans dahinterstehen, das war echt schön für mich.

Quelle: FAZ.NET
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