Nagellack für Männer

Männlich, weiblich, divers, lackiert

Von Johanna Dürrholz
16.03.2020
, 16:08
Nagellack ist kein rein weibliches Beauty-Utensil. Wir haben unsere Auswahl von Männern in einer Schreinerei testen lassen.

Die Schreinerkollegen von Konstantin Fricke machten sich schnell aus dem Staub, als sie hörten, dass es darum geht, Nagellack auszuprobieren. Lackierte Nägel gehören für sie wohl noch immer ins Reich der unpraktischen Beautyexperimente. Dabei hält der Lack offensichtlich jeder noch so groben Tätigkeit stand – außer natürlich dem obligatorischen Fünf-Minuten-nach-dem-Lackieren-in-die-Handtasche-greifen-weil-wir-die-frisch-lackierten-Nägel-schon-wieder-vergessen-haben.

Konstantin Fricke war es übrigens wichtig, mit lackierten Fingernägeln klassische, alltägliche Schreinerarbeiten zu verrichten. Die Flasche Bier am Ende entspringt, zugegeben, unserer klischeebesetzten Phantasie, zumal es eine Feierabendfreude ist, der auch wir ab und zu frönen, handwerkliche Fertigkeiten hin oder her.

Nagellack tragen jedenfalls immer mehr Männer. Lars Eidinger, Harry Styles, Bill Kaulitz schon lange. Sie zeigen damit auch: Es gibt keine Tätigkeiten oder Beautyrituale, die „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ sind; sie sind höchstens weiblich oder männlich konnotiert, mit dem Gedanken an spezifisch männliche oder weibliche Eigenschaften verknüpft. Dabei schreinern Frauen natürlich genauso schöne Möbel, und Männer können sich genauso hübsch die Nägel lackieren, und Personen, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren, können natürlich auch beides tun. Das Denken, dass eine Sache rein weiblich oder rein männlich besetzt sein könnte, bringt uns in unserem Streben nach Gleichberechtigung nicht weiter. Die Reaktion der Schreiner auf lackierte Nägel aber zeigt, dass es sich immer noch lohnt, mit diesen Stereotypen zu spielen – und sie aufzuzeigen.
Barbara Schöneberger, die Männern vorschlug, sich nicht zu schminken, weil „Männer Männer bleiben“ sollten, hat es gezeigt: Ist etwas „unmännlich“, ist es in der Regel weiblich konnotiert, wie eben das Schminken oder das Nägellackieren.

Was aber ist an Weiblichkeit schlecht? Und warum dürfen Männer sich ihrer nicht bedienen? Wenn Frauen das umgekehrt genauso hielten, dann würden heute noch immer nur Männer in Vorständen sitzen und das Land regieren. Traurige Vorstellung. Die Männer bei unserem Shooting in der Schreinerei Christian Heß in Hofheim hatten übrigens sehr viel Spaß mit dem Lack: „Darf ich den Blauen?“ – „Oh, wie der glitzert!“ Sie wollten sogar den einen oder anderen Lack behalten. So weit ist die Gleichberechtigung immerhin: Beim Nagellack wird nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Alles unisex.

Besonders gut auftragen ließen sich die Glitzermodelle, hier von Manhattan und der dm-Eigenmarke „Trend it up!“, besonders aber der Lack von Nars, weil der Glitzer von grober Textur ist und sich nicht daran stört, wenn sich mal Sägespäne damit vermischen, was außerhalb einer Schreinerei ohnehin seltener der Fall ist. Ein Nagellack von Chanel sieht überall classy aus, auch an einer mehr als 120 Jahre alten Säge. Dunkle Farben machen sich in einer Werkstatt gut, gehen vielleicht noch als „Phase“ durch, wie das Modell von Dior oder das klassische Blau von Artdeco. Der Biolack von Logona sieht, umgeben von Holz, ebenfalls gut aus. Und so lackierten die Männer ihre Nägel, und die Frau trank Bier.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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